Archäologie:Der erste Zeitvertreib der Menschheit

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Das Schachspiel entstand vermutlich aus einem Vorläufer von Backgammon heraus - und dieses stammt wiederum vom "Königsspiel von Ur" ab. (Foto: N/A)

5000 Jahre ist das älteste Strategiespiel alt. Jetzt erst wurde das Regelwerk des Würfelspiels entschlüsselt.

Von Hubert Filser

Wer nach den Anfängen von Gesellschaftsspielen sucht, ist im ersten Obergeschoss des British Museum in London gut aufgehoben. Dort steht das "Spiel der zwanzig Quadrate": Das 4600 Jahre alte Würfelspiel ist das älteste Brettspiel der Menschheitsgeschichte, dessen Regeln relativ genau bekannt sind. Das Spielfeld sieht aus wie ein auf die Seite gelegtes H. Die Mittellinie ist die wichtigste Spielachse, hier findet der Kampf der beiden Spieler statt. Die Schildpatt-Einlagen auf dem Spielbrett schimmern matt in der Vitrine, dazwischen leuchten die Felder mit den aus rotem Sandstein und blauem Lapislazuli geformten Sternen-Zacken. Zum Spiel gehören noch vier Würfel in der Form eines Tetraeders und je sieben weiße und schwarze Spielplättchen für die beiden Spieler.

Der Spieltrieb ist wohl so alt wie die Menschheit. Vermutlich gab es noch ältere Spiele, simple Zählspiele mit Steinchen oder Bohnen, die man in Vertiefungen legen musste. Wie sie funktionierten, ist unklar. Die Geschichte der strategischen Brettspiele beginnt erst vor rund 5000 Jahren. Das Spiel aus dem British Museum, auch Königsspiel von Ur genannt, ist ein klassisches Verfolgungsspiel mit Würfeln. Vermutlich stammt die Spielidee aus Indien, kam dann fast zeitgleich in die Königsstadt Ur. Spielexperte Irving Finkel vom British Museum schaffte es erst jüngst, die Spielregeln des Königsspiels zu entschlüsseln. Der Gewinner war derjenige, der als erster alle Plättchen ins Brett hinein und dann wieder über die 20 Felder aus dem Spielfeld heraus gewürfelt hatte.

Senet, das wohl älteste ägyptische Spiel, ist ebenfalls eine Art Verfolgungsspiel, bei dem das Spiel im Feld "Geburt" startet, an Hindernissen wie "Überschwemmung" vorbei führt und das auch Glücksfelder wie "Frosch" enthält. Ziel ist wohl auch hier, als erster mit allen Figuren ins letzte Feld zu kommen. Das Spiel ist mit rund 5000 Jahren sogar etwas älter als das Königsspiel, es enthält bereits Elemente von Spielen wie Backgammon und Mensch-ärgere-Dich-nicht, allerdings sind seine Regeln nicht komplett verstanden. Das Königsspiel lässt sich dagegen noch heute spielen. Finkel schenkte einmal dem Schachweltmeister Garri Kasparow eine Kopie, woraufhin dieser das gesamte Wochenende mit einem Freund damit spielte.

"Lange in der Menschheitsgeschichte gab es keine Unterhaltungsmöglichkeiten", sagt Finkel. In diese Lücke stießen die Strategiespiele. Das Königsspiel von Ur war das erste wirklich erfolgreiche Gesellschaftsspiel, es breitete sich mit Hilfe von Händlern, Soldaten und Missionaren aus.

Letztlich wurde das Königsspiel vom Backgammon abgelöst, einem anspruchsvolleren Verfolgungsspiel. Hier gewinnen meist die erfahreneren Spieler, da es eine bessere Balance aus Glück und Können hat; darauf folgte das Schachspiel im 1. Jahrtausend nach Christus. Auch dieses Spiel wurde anfangs zur militärischen Schulung verwendet.

© SZ vom 29.08.2016 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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