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Serie: Bio bizzar (1):Sex, Inzest und Kannibalismus

Sie sind mikroskopisch klein und leben nur vier Tage. Doch einige Milben zeigen in dieser Zeit ein so extremes Fortpflanzungsverhalten, dass man es kaum glauben mag.

Markus C. Schulte von Drach

Wer meint, das Liebesleben des Menschen sei kompliziert und münde allzu häufig in einen grausamen Krieg der Geschlechter, sollte sich einmal unter unseren eher unscheinbaren Mitbewohnern auf dem Planeten Erde umsehen. Sex, brutale Gewalt, Inzest und, ja, vorgeburtlicher Geschlechtsverkehr sind da zu beobachten.

Eine Milbe der Familie Acarophenax, aufgenommen mit einem Elektronenmikroskop der Universidade Federal de Viçosa, Brasilien.

(Foto: Foto: Leda Rita Faroni)

Und es gibt sogar eine Gruppe mikroskopisch kleiner Krabbeltiere, in der alle diese Verhaltensweisen zusammen auftreten - die Milben der Familie Acarophenacidae.

Zu dieser Gruppe gehören die Gattungen Adactylidium und Acarophenax. Die Weibchen dieser bemerkenswerten Spinnentiere suchen sich Eier von sogenannten Fransenflüglern, auch Blasenfüßer oder Gewittertierchen genannt, saugen sich daran fest und nutzen sie hinfort als Nahrungsquelle.

Die Mama wird gefressen

Aus Eiern in ihrem Körperinnern schlüpfen innerhalb von zwei Tagen je nach Gattung bis zu acht oder fünfzehn Töchter - und ein einziger Sohn. Dann beginnt ein Prozess, der nach menschlichen Maßstäben äußerst unappetitlich ist. Die Jungen beginnen, ihre Mutter von innen heraus aufzufressen.

Nach zwei Tagen, noch immer im Leib der Mutter - oder dem, was davon übrig ist - kopuliert das männliche Tier mit allen seinen Schwestern. Dann bohren sich die Jungen durch die Hülle der Mutter, suchen nun selbst das Ei eines Gewittertierchens - und der Zyklus beginnt von Neuem.

Während die Männchen der Gattung Adactylidium noch schlüpfen, kurze Zeit auf der Welt wandeln und dann sterben, ereilt ihre Geschlechtsgenossen der Gattung Acarophenax der Tod noch im Körper der Mama.

Angesichts dieser nach unseren ethischen Grundsätzen mehr als fragwürdigen Verhaltensweisen forderte Tony Seybert vor einiger Zeit in seinem satirischen Blog Mushtown Media Corp. schon bereits ein Eingreifen der US-Regierung.

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