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Serie: Bio bizarr (11):Der Letzte macht die Tür zu - und stirbt

Wenn Bienen stechen, um ihren Stock gegen Angreifer zu verteidigen, sterben sie. Doch brasilianische Ameisen opfern sich sogar vorbeugend.

M. C. Schulte von Drach

Was die Forscher um Adam Tofilski von der polnischen Universität in Krakau in brasilianischen Zuckerrohrfeldern in der Nähe der Stadt São Simão beobachteten, war äußerst ungewöhnlich.

Eine Forelius-Ameise verschließt den Zugang zum Bau.

(Foto: Foto: Francis Ratnieks/University of Sussex)

Jedes Mal, wenn Ameisen der Art Forelius pusillus dort die Zugänge zu ihren unterirdischen Bauten mit Sand verschlossen, beteiligten sich einige Tiere von außen an der Arbeit. Sie scharrten Körnchen in die Löcher, bis die Eingänge nicht mehr zu sehen waren - und versperrten sich so selbst den Weg.

Am nächsten Morgen, wenn die Forscher kamen, um zuzusehen, wie die Ameisen aus dem Bau herauskamen, war von den fleißigen Helfern, die die Nacht im Freien verbracht hatten, nichts zu sehen.

Wo die Tiere geblieben waren, konnten Tofilski und seine Kollegen aufklären: Sie waren gestorben. Die Wissenschaftler fanden dies heraus, indem sie an den nächsten Abenden jene Tiere, die nach vollbrachter Arbeit vor den verschlossenen Toren geblieben waren, in eine Plastikbox steckten. Von 23 solcher Ameisen überlebten nur sechs die Nacht. Der Rest war offenbar an Erschöpfung gestorben.

Um ihren Ameisenstaat zu schützen, hatten die Tiere demnach ihr Leben geopfert.

Auch von anderen Insekten kennt man das Phänomen, dass einzelne Individuen ihre Kolonie mit Leib und Leben verteidigen. Eines der bekanntesten Beispiele ist die Honigbiene. Wenn sie bei der Verteidigung des Bienenstocks zusticht, bleibt ihr Stachel stecken. Beim Abflug reißt sich das Insekt den gesamten Stechapparat aus dem Hinterleib und stirbt an dieser Verletzung.

Solche Opferbereitschaft erklären Biologen in der Regel mit der engen Verwandtschaft zwischen den Angehörigen einer Kolonie, bei denen die meisten Tiere selbst unfruchtbar sind.

Insbesondere bei den Hautflüglern, zu denen Bienen, Ameisen und Wespen gehören, gibt es genetische Voraussetzungen, die zur Entstehung der Staatenbildung und Opferbereitschaft geführt haben könnten: Männchen tragen nur einen einfachen Chromosomensatz. Diese sogenannten haploiden Tiere besitzen jedes Gen nur einmal. Die Weibchen dagegen sind mit einem doppelten Chromosomensatz ausgestattet, sie sind diploid.

Eng verwandte Schwestern

Paart sich eine Königin mit einem männlichen Tier, dann erhalten sämtliche weiblichen Nachkommen, die als Arbeiterinnen und Soldatinnen den größten Teil der Kolonie ausmachen, das jeweils gleiche Erbgut vom Vater - nämlich alles, was er hat. Sie sind deshalb enger verwandt miteinander als der Nachwuchs bei anderen Tierarten, bei denen Männchen den doppelten Chromosomensatz besitzen und davon jeweils einen weitergeben.

Und: Die Schwestern sind untereinander sogar näher verwandt, als sie es mit eigenem Nachwuchs wären. Der würde schließlich nur die Hälfte des Erbguts von ihnen übernehmen und die übrigen 50 Prozent vom Vater erhalten.

Dass sie unfruchtbar sind, ist deshalb unter genetischen, evolutionsbiologischen Gesichtspunkten gar kein Nachteil. Um sich möglichst erfolgreich fortzupflanzen - um also möglichst viele eigene Gene in die nächsten Generationen zu bringen - ist es besser für sie, ihrer Mutter dabei zu helfen, weitere Töchter zu produzieren. Und genau das tun die meisten Weibchen von staatenbildenden Hautflüglerarten.

Deshalb, so wird vermutet, ist auch die Opferbereitschaft unter den Bienen und Ameisen so groß. Ihr Tod bedeutet für sie selbst nicht das Ende der Fortpflanzung, denn sie sind ja sowieso unfruchtbar. Im Laufe der Evolution hat sich die Strategie vermutlich bewährt, weil das ständige Opfern einer kleinen Zahl von unfruchtbaren Tieren der Fortpflanzung der Kolonie als Ganzes mehr genutzt hat als die Arbeitskraft, die die Opfer sonst weiterhin hätten investieren können.

Vielleicht, so vermutet deshalb Tofilski, sind die Torschließer eher ältere oder kranke Tiere, deren Lebenserwartung sowieso schon gering war. Dem widerspricht allerdings Michael Kaspari von der University of Oklahoma in Norman. Diese Ameisen seien "sehr, sehr zierlich", erklärte er dem Newsportal der Fachzeitung Science. Auch bei jungen Tieren würden die Reserven vermutlich nicht ausreichen, um eine Nacht außerhalb des Baues zu überleben.

In einem Punkt stehen Tofilski und seine Kollegen allerdings noch vor einem Rätsel: Vor welcher Bedrohung schützen die kleinen Helden ihre Kolonie eigentlich?

"Vielleicht vor Artgenossen, die zu einer anderen Kolonie gehören, vor Parasiten oder Räubern", vermutet Tofilskis Kollege Francis Ratnieks von der University of Sussex in Brighton, Großbritannien. Solche Räuber könnten zum Beispiel Treiberameisen sein, erklärt Kaspari. Auch könnte heftiger Regen offene Bauten überfluten. Was es wirklich ist, wollen die Wissenschaftler nun herausfinden. Denn das, so Kaspari, könnte ein neues Licht auf die Evolution der Selbstlosigkeit werden.

© sueddeutsche.de/als
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