Albtraum Atombombe:Prophet, Vater und Gegner der Bombe

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Als die Atombombe auf Hiroshima fiel, war dies der furchtbare Höhepunkt im Leben des Physikers Leó Szilárd. Der in Ungarn geborene Wissenschaftler hatte ihre Entwicklung aus Angst vor den Nazis angestoßen und ihren Einsatz über Japan wie kein anderer bekämpft.

Von Markus C. Schulte von Drach

Die US-Bürger erfuhren aus dem Radio von der Existenz der Atombombe. "Die Kraft, aus der die Sonne ihre Macht bezieht, ist auf diejenigen losgelassen worden, die dem Fernen Osten Krieg brachten. "Mit diesen Worten verkündete der US-Präsident Harry S. Truman am 7. August 1945 der Welt, dass die USA eine Atombombe auf Japan abgeworfen hatten.

Die wenigsten Amerikaner dürften wirklich verstanden haben, was das Ereignis tatsächlich für die Welt bedeuten würde.

Doch einer, der vor den Geräten gesessen und den Nachrichten aus dem Äther gelauscht hatte, wusste es ganz genau. Bis zuletzt hatte Leó Szilárd gehofft, dass es nicht so weit kommen würde. Denn der Kernphysiker fühlte sich mitverantwortlich für die Entwicklung der furchtbarsten Waffe, über die Menschen je verfügt hatten.

Szilárd, und nicht J. Robert Oppenheimer, der Leiter des Manhattan-Projekts, in dessen Rahmen die Bombe entwickelt und gebaut wurde, war der eigentliche Vater der Atombombe. Auf das Engagement des 1898 in Ungarn geborenen Querdenkers Szilárd, lässt sich das ganze Projekt letztlich zurückführen. Und selten dürfte ein Vater seine Kinder so gehasst haben wie Szilárd die Atombomben Little Boy und Fat Man.

Leó Szilárd

Der Physiker Leó Szilárd hielt als Erster die Kettenreaktion für möglich. Seine Angst vor einer deutschen Atombombe brachte ihn dazu, die Entwicklung einer solchen Waffe durch die Amerikaner anzuregen. Szilárd starb am 30 Mai 1962 in La Jolla, Kalifornien, im Alter von 66 Jahren.

(Foto: AP)

Einen Tag, nachdem Szilárd vom Abwurf von Little Boy auf Hiroshima gehört hatte, hielt er frustriert fest: "Der Einsatz der Bombe gegen Japan ist einer der größten Fehler in der Geschichte, [...]. Ich habe getan, was ich konnte, um das zu verhindern, aber ohne Erfolg."

Den Abwurf der zweiten Atombombe, Fat Man, auf Nagasaki, bezeichnete er nur noch als reine Grausamkeit. Jetzt, so sagte Szilárd voraus, würden die Russen ebenfalls eine Atombombe bauen. Und es würde zu einem Rüstungswettlauf der Großmächte kommen.

Es war nicht das erste Mal, dass Szilárd mit seiner Einschätzung recht behalten sollte. Bereits 1933 hatte er die Möglichkeit einer Kettenreaktion mit Atomkernen vorhergesagt, die sich durch Neutronenbeschuss auslösen lassen würde.

Die Idee dahinter war, dass bei der Spaltung schwerer Atomkerne wie Uran oder Plutonium nicht nur extrem viel Energie freigesetzt wird. Darüber hinaus werden dabei wiederum Neutronen frei. Spalten diese ihrerseits benachbarte Atomkerne, die erneut Neutronen abgeben, die erneut Atome spalten, spricht man von einer Kettenreaktion. Notwendig ist allerdings, dass sich ausreichend spaltbares Material dicht genug beieinander befindet - die kritische Masse.

1933 gingen viele von Szilárds berühmten Kollegen wie Ernest Rutherford, Enrico Fermi und Otto Hahn allerdings davon aus, dass sich Kerne überhaupt nicht spalten ließen.

Szilárd aber hatte gerade erst den Science-Fiction Roman Befreite Welt von H. G. Wells gelesen. In diesem relativ unbekannten Buch hatte Wells, der Autor von Krieg der Welten, bereits 1914 von einer Kettenreaktion geschrieben, den Begriff Atombombe eingeführt - und die Menschheit den ersten Atomkrieg führen lassen. Szilárd sah darin mehr als bloß phantastische, unrealistische Vorstellungen. Er hielt die möglichen Folgen der Erkenntnisse der Kernphysiker für bedrohlich.

Die Bombe ist möglich

Wäre Szilárd nicht Szilárd gewesen, hätte man ihm vermutlich gar nicht zugehört. Doch er galt als unkonventioneller, aber genialer Geist. Und so waren einige seiner Kollegen bereit, über die Idee der Kettenreaktion ernsthaft nachzudenken. Szilárd selbst reichte 1934 eine Patentschrift beim britischen Patentamt ein, in dem zum ersten Mal eine nukleare Kettenreaktion und die Idee der kritischen Masse wissenschaftlich beschrieben wurden. Doch damit seine Daten nicht veröffentlicht wurden, übertrug er das Patent der britischen Admiralität.

Denn Szilárd befürchtete, dass die Physiker in Hitlerdeutschland auf die gleiche Idee kommen könnten wie er. Seine Kollegen dort kannte er gut. Szilárd war nach Ende des Ersten Weltkriegs vor dem Antisemitismus des Horthy-Regimes in Ungarn nach Berlin geflohen. Er hatte dort bei Max Planck und Max von Laue studiert und mit Albert Einstein zusammengearbeitet. Ab 1927 war er Privatdozent an der Friedrich-Wilhelms-Universität (die spätere Humboldt-Universität).

Leo Szilard

Leó Szilárd vor dem US-amerikanischen House Military Affairs Committee am 18. Oktober 1945. Für den Physiker war der Abwurf der Atombombe über Japan "einer der größten Fehler in der Geschichte".

(Foto: AP)

Doch nach dem Reichstagsbrand 1933 war er aus Angst vor den Nazis zuerst nach Wien geflohen und dann nach England ausgewandert. Von diesem Zeitpunkt an war ihm klar gewesen, wohin Deutschland steuern würde. Immer wieder warnte er vor einem bevorstehenden Krieg. "Ein Jahr, bevor Hitler den Krieg beginnt, werde ich auswandern", kündigte er an.

Und das tat er. Als Deutschland 1938 Teile der Tschechoslowakei annektierte, kehrte er von einer Reise nach Amerika nicht mehr nach Europa zurück.

Im Jahr darauf spalteten die Berliner Wissenschaftler Otto Hahn und Fritz Straßmann den Kern eines Uranatoms. Sofort versuchte Szilárd in den Laboratorien der Columbia University in New York, die Möglichkeit der Kettenreaktion zu testen. Könnten frei werdende Neutronen tatsächlich benachbarte Atome spalten?

Am 3. März 1939 beobachteten er und sein Kollege Walter Zinn Lichtblitze auf einer Fernsehröhre, die seine Annahme bestätigten. "In dieser Nacht hatte ich keine Zweifel, dass die Welt auf ein Unglück zusteuert", erinnerte Szilárd sich später.

Der Nobelpreisträger Enrico Fermi in New York und sein französischer Kollege Frédéric Joliot in Paris bestätigten kurz darauf die Beobachtungen. Und Szilárd war sich sicher: Die Atombombe war tatsächlich möglich. Doch ihre Entwicklung musste verhindert werden.

Er forderte alle beteiligten Physiker auf, ihre Ergebnisse geheim zu halten. Die Gemeinschaft der Wissenschaftler hatte ein gefährliches Geheimnis aufgedeckt - jetzt musste sie ihrer Verantwortung gerecht werden und verhindern, dass das Wissen in die falschen Hände geriet.

Fermi war unsicher. Doch nachdem Joliot seine Daten veröffentlichte, sah Fermi keinen Sinn mehr darin, seine eigenen Ergebnisse zurückzuhalten. Zusammen mit Szilárd veröffentlichte er alle Daten im Frühsommer 1939. Szilárd ging nun davon aus, dass nichts die deutschen Wissenschaftler um Werner Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker hindern würde, für Hitler die Atombombe zu bauen.

Einstein überzeugt Roosevelt

Für Szilárd, der vor den Nazis geflohen war, war ein Albtraum Realität geworden. Doch wenn er schon nicht hatte verhindern können, dass Deutschland das gefährliche Wissen erlangen konnte, so setzte er nun alles daran, dass die Nazis nicht die Ersten wären, die diese Superwaffe in die Finger bekamen. Jetzt war die Politik gefragt.

Auf ihn, den unbequemen Querdenker, würde allerdings niemand hören - das war ihm klar. Zusammen mit Eugene Wigner, einem ebenfalls aus Ungarn stammenden Physiker, besuchte er deshalb seinen alten Bekannten Albert Einstein auf Long Island.

Einstein, obwohl bekennender Pazifist, erkannte die Bedeutung von Szilárds Argumenten. Schweren Herzens beschlossen die drei Physiker, dass Einstein US-Präsident Franklin D. Roosevelt vor der drohenden Entwicklung einer Atombombe durch Nazi-Deutschland warnen sollte. Am 2. August 1939 unterschrieb Albert Einstein den berühmten Brief, in dem er zu dem Schluss kam, die Amerikaner sollten selbst die Möglichkeit untersuchen, eine solche Bombe zu bauen.

Im September griffen die Deutschen Polen an. Der von Szilárd vorhergesagte Krieg war da.

Leo Szilard, Albert Einstein

Albert Einstein (link) und Leó Szilárd diskutieren den Brief, in dem Einstein US-Präsident Roosevelt vor der drohenden Gefahr einer deutschen Atombombe warnt.

(Foto: Time & Life Pictures/Getty Image)

Im Herbst 1940 stellte die US-Regierung Fermi und Szilárd Geld zur Verfügung, um einen ersten Atomreaktor zu entwickeln. Die Versuche dort belegten erneut die Möglichkeit der Atombombe. Die Geburtsstunde des Manhattan-Projekts war gekommen.

Unter der Leitung des Physikers J. Robert Oppenheimer machten sich einige der größten Physiker ihrer Zeit daran, unter absoluter Geheimhaltung in den Labors der Universität von Chicago die Atombombe zu entwickeln. Und im Dezember 1942 gelang die erste Kettenreaktion in Fermis und Szilárds Neutronen-Reaktor. Für Leó Szilárd war es eine weitere Bestätigung, ein weiterer Erfolg - und zugleich "ein schwarzer Tag in der Geschichte der Menschheit". Die Bomben, so hielt er fest, würden Unheil über die Welt bringen, "auch wenn wir sie als Erste haben und den Krieg gewinnen."

Nicht nur mit solchen Ansichten machte Szilárd sich beim militärischen Leiter des Manhattan-Projekts, Major General Leslie Groves, mehr als unbeliebt. Der 1943 eingebürgerte Szilárd war auch kaum bereit, sich den militärischen Sicherheitsbestimmungen unterzuordnen.

Trumans Entscheidung

Groves misstraute dem eingewanderten Wissenschaftler, den er für eine unamerikanischen Nervensäge hielt, und hätte ihn am liebsten als "ausländischen Feind" einsperren lassen. Das blieb Szilárd erspart. Doch als Oppenheimer und sein Team nach Los Alamos in der Wüste New Mexicos umzogen, um die Bombe im Eiltempo zu bauen, musste er in Chicago bleiben, wo er weiter an einem Kernreaktor arbeitete.

Dann kam das Jahr 1945. Es zeichnete sich ab, dass Deutschland den Krieg gegen die Alliierten verlieren würde. Und nun war auch klar, dass es keine deutsche Atombombe geben würde. Die Bedrohung, gegen die sich Szilárd mit einer amerikanischen Waffe hatte zur Wehr setzen wollen, existierte nicht mehr. Also, so schloss er, brauchte auch Amerika, brauchte die Welt diese gefährliche Waffe nicht mehr.

Er, der die Sache überhaupt erst ins Rollen gebracht hatte, versuchte nun, den Abschluss ihrer Entwicklung zu stoppen. Erneut wollte er sich an Roosevelt wenden. Durch Einstein vermittelt wurde für den 8. Mai 1945 ein Treffen mit Roosevelts Frau Eleanor arrangiert. Doch am 12. April starb Roosevelt. Sein Nachfolger Harry S. Truman war mit dem Manhattan-Projekt nicht vertraut. Deshalb wurde Szilárd an einen der engsten Vertrauten Roosevelts verwiesen, der jetzt auch Truman beriet, den späteren Außenminister James Byrnes.

Ende Mai kam es zu einem Gespräch zwischen Szilárd und Byrnes. Doch der Politiker wimmelte den Wissenschaftler ab. Er betrachtete die Bombe bereits als ein mögliches Druckmittel gegen Stalin. Und, so erklärte Byrnes dem Physiker, die USA hatten schließlich zwei Milliarden Dollar für die Entwicklung der Bombe ausgegeben. Dafür müsste man dem Kongress ein Resultat vorweisen. Die USA würden die Superwaffe nicht einfach wieder in der Versenkung verschwinden lassen.

J. Robert Oppenheimer

J. Robert Oppenheimer besucht mit dem militärischen Leiter des Manhattan-Projekts, Major General Leslie Groves, das Atombombentestgelände bei Los Alamos. Groves hatte Leó Szilárd im Verdacht, ein Spion zu sein.

(Foto: Getty Images)

Ende Mai empfahl ein Komitee aus Politikern, Militärs und Wissenschaftlern - darunter Oppenheimer und Fermi - dem US-Präsidenten, die Bombe so bald wie möglich gegen Japan einzusetzen. Truman ließ sich überzeugen - insbesondere nachdem er gehört hatte, dass bei einer Invasion Japans mit 500.000 toten US-Soldaten zu rechnen wäre. Die Bombe, so wurde argumentiert, würde den japanischen Kaiser zur Kapitulation zwingen, ohne dass ein weiterer amerikanischer Soldat sterben müsste.

Natürlich war den Wissenschaftlern, die in Chicago arbeiteten, bekannt, dass über den Einsatz der in Los Alamos gebauten Bombe diskutiert wurde. Hier, fern von der Wüste New Mexicos, waren viele Physiker nicht einverstanden mit einem Überraschungsangriff auf Japan.

Im sogenannten Franck-Report über die Konsequenzen der Atomenergie forderte eine Reihe der Fachleute - darunter natürlich Szilárd - am 11. Juni den Kriegsminister Stimson auf, der Welt die Waffe öffentlich vorzuführen. Dies, so ihre Überzeugung, würde genügen, die Japaner zur Kapitulation zu bewegen. Ihr Erfolg war gleich null. Einen Monat später, am 16. Juli, fand der Trinity-Test statt: In der Wüste von New Mexico bei Alamogordo wurde überirdisch die erste Atombombe gezündet.

Oppenheimer und sein Team hatten als Spaltmaterial Plutonium in einer nicht kritischen Masse in eine Hohlkugel gepackt und mit Sprengstoff ummantelt. Durch die gleichzeitige Zündung der Sprengstoffblöcke rund um das Plutonium wurde dieses im Innern der Kugel zur kritischen Masse komprimiert. Die zur ersten Reaktion notwendigen Neutronen stammten von einer speziellen Neutronenquelle im Zentrum der Kugel, einem Polonium-Beryllium-Initiator. Es kam zur Kettenreaktion. Die sogenannte Implosionsbombe hatte eine Sprengkraft von etwa 21 Kilotonnen TNT. "Was für eine Explosion!", schrieb General Groves an Truman.

Die Bomben fallen auf Japan

Doch Szilárd gab nicht auf. Nachdem der Franck-Report ohne Wirkung geblieben war, ließ er eine eigene Petition von 70 Atomforschern unterschreiben und schickte sie an Truman, den das Papier aber vermutlich niemals erreichte. Die Militärs um Grove suchten unterdessen bereits nach Beweisen dafür, dass Szilárd ein Verräter war.

Am 25. Juli war klar, dass die Bombe nach dem 3. August auf eine japanische Stadt fallen würde. Der genaue Zeitpunkt hing nur noch vom Wetter ab. Sogar die ursprünglich von Truman vorgegebenen Bedingungen, nur militärische Ziele zu zerstören und Frauen und Kinder zu verschonen, galten nicht mehr.

Am 6. August verwandelte sich die japanische Stadt Hiroshima unter dem Atompilz in ein riesiges Trümmerfeld. Mehrere zehntausend Menschen starben sofort durch die Uranbombe Little Boy - Schätzungen gehen von bis zu 80.000 Toten aus. Weitere Zehntausende starben an den Spätfolgen ihrer Verletzungen. Und es gibt Hinweise darauf, dass bis heute viele Krebserkrankungen auf die radioaktive Strahlung der Bombe zurückgehen.

Albtraum Atombombe: Hiroshima nach der Explosion der Atombombe.

Hiroshima nach der Explosion der Atombombe.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Bei der drei Meter langen, relativ schlanken Bombe handelte es sich um eine Atombombe vom Gun-Typ (Kanonenkugel-Prinzip). Die Wissenschaftler von Los Alamos hatten zwei "unterkritische" Massen von Uran 235 in Little Boy gepackt, von denen eine mit Hilfe eines konventionellen Sprengstoffes auf die andere geschossen wurde, so dass sich beide zu einer kritischen Masse vereinigten. Die Bombe explodierte mit einer Sprengkraft von etwa 13 Kilotonnen TNT.

Im Gegensatz zum "Implosions-Typ" der Plutioniumbombe aus dem Trinity-Versuch galt der Aufbau dieser Bombe als so einfach, dass die Wissenschaftler einen vorherigen Test nicht für nötig gehalten hatten.

Schon kurz darauf zerstörte die Atombombe Fat Man die japanische Stadt Nagasaki, auch hier liegen die Schätzungen bei 40.000 bis 80.000 Toten. Es handelte sich um eine 3,3 Meter lange und 1,5 Meter dicke Plutoniumbombe vom Implosions-Typ. Ihre Sprengkraft entsprach etwa derjenigen, die im Trinity-Versuch getestet worden war.

Truman kommentierte die Zerstörung Hiroshimas laut New York Times: "Wir haben zwei Milliarden Dollar im größten wissenschaftlichen Spiel in der Geschichte gesetzt und gewonnen."

Oppenheimer reagierte völlig anders. Unter dem Eindruck der furchtbaren Folgen der Bomben trat er als Leiter des Manhattan Projects zurück. "Mr. Präsident", sagte er zu Truman, "ich habe Blut an meinen Händen." Als Berater der neuen Atomenergiebehörde sprach er sich gegen die folgende Aufrüstung der USA und der Sowjetunion mit Atombomben aus.

Szilárd gibt nicht auf

Auch Leó Szilárd gab nicht auf, sondern bemühte sich nun darum, den von ihm vorhergesagten Rüstungswettlauf der Supermächte zu bremsen.

Zusammen mit Albert Einstein gründete er das Emergency Committee of Atomic Scientists, das die Öffentlichkeit vor den Gefahren von Atomwaffen warnen sollte, und er gehörte zu den Gründern des "Council for a Livable World", eine Organisation von Wissenschaftlern, die sich in den USA bis heute bemühen, Einfluss auf die Politik zu nehmen, um die Abrüstung voranzutreiben.

Fallout

Ein Buch aus dem Jahr 2001 über Oppenheimer und Szilard. Der ungarische Emigrant wird mit den zwei Koffern dargestellt, die angeblich immer gepackt in seinem Hotelzimmer standen. Szilard war immer darauf vorbereitet, seine jeweils neue Heimat schnell wieder zu verlassen.

(Foto: G.T. Labs)

Während die USA und die Sowjetunion immer mehr und immer furchtbarere Waffen entwickelten und die Welt während der Kuba-Krise an den Rand des nuklearen Abgrunds brachten, organisierte er Konferenzen für Wissenschaftler aus Ost und West, um über Wege zu Frieden und Sicherheit zu diskutierten.

Der Physik, die sich für ihn zu einer Wissenschaft der Zerstörung entwickelt hatte, kehrte er einige Jahre nach dem Krieg den Rücken und wandte sich der Wissenschaft vom Leben zu, der Biologie. Auch als Molekularbiologe machte er sich einen Namen als origineller Forscher. Als er 1959 an Blasenkrebs erkrankte, besiegte er die Krankheit mit Hilfe einer von ihm selbst entwickelten Strahlentherapie. Am 30. Mai 1964 starb Leó Szilárd an den Folgen eines Herzanfalls im Schlaf. Er wurde 66 Jahre alt.

Der deutsche Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker stellte über Leó Szilárd fest: "Das quälende Schicksal dessen, der weiter in die Zukunft sieht als seine Mitmenschen und der verstanden wird, wenn es zu spät ist, ist ihm nicht erspart geblieben. Verzweiflung mag ihn deshalb oft angewandelt haben. Aber er hat ihr nie erlaubt, ihn zur Untätigkeit zu zwingen."*

*Zitiert aus dem Vorwort zu Leó Szilárd: Die Stimme der Delphine. Utopische Erzählungen. rororo 1961

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