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Serie: 200 Jahre Darwin (1):Der zaghafte Revolutionär

In der Wissenschaft aber ist der Siegeszug ungebremst. Die ersten empirischen Ergebnisse, die Darwins Gedankengebäude hätten stützen können, gehen an dem Naturforscher allerdings vorbei: 1856 hatten Arbeiter im Neandertal bei Düsseldorf die Knochen von Urmenschen entdeckt. Und im Februar 1865 berichtet der Augustinermönch Gregor Mendel vor dem Naturforschenden Verein im böhmischen Brünn über seine Entdeckungen in der Vererbungslehre.

Diese waren der Beginn der heutigen Genetik, die Darwins Evolution bestätigt und antreibt. Erst im 20. Jahrhundert führten Biologen wie Dobzhansky und Mayr beide Wissensgebiete zusammen und legten damit die Basis der modernen Biologie.

Eine Idee, die vielen missfällt

Einen Höhepunkt erreicht diese Entwicklung 1976, als der Brite Richard Dawkins sein Buch "Das egoistische Gen" veröffentlicht. Er stellt darin die einzelne Erbanlage als eigentlichen Ansatzpunkt der Evolution dar. Sie ist dann erfolgreich, wenn sie möglichst viele Kopien ihrer selbst in die Welt setzt; Körper und beim Menschen auch Geist sind nur Vehikel.

Die radikale Position prägt schnell das Denken, löst aber auch Kritik aus. Vielen missfällt die Idee, der Mensch sei eine willenlose Überlebensmaschine für Gene, die auch sein Verhalten steuern. Das hat Dawkins zwar gar nicht so gesagt, aber die Verkürzung eignet sich prima, Opposition gegen die Evolutionslehre zu mobilisieren.

Die Kreationisten profitieren davon, dass Dawkins auch in der Wissenschaft umstritten ist. 150 Jahre nach der Veröffentlichung von Darwins Buch gibt es viele Interpretationen der Theorie; die Denkschulen attackieren einander zum Teil heftig. Einige sehen in der Natur vor allem Konkurrenz am Werk, andere heben Kooperation hervor.

Manche betonen das Zufällige an der Evolution, andere nehmen an, sie bevorzuge manche Pfade. Schließlich gibt es erstaunliche Parallelen in der Entwicklung grundverschiedener Organismen, zum Beispiel ist das Auge 40-mal entstanden.

Doch an Darwins Grundprinzipien äußert kein Forscher Zweifel: Die Veränderung der Arten und das Wirken der natürlichen Auslese haben sie überall in der Natur nachgewiesen.

Auch wenn die Wissenschaft nicht jeden einzelnen Schritt von einer Urzelle zu Palmen, Störchen, Doktorfischen und Menschen nachzeichnen kann, ist kaum ein anderes wissenschaftliches Gedankengebäude derart umfassend durch Beobachtungen und Experimente abgesichert. Darwins Geburtstag nehmen die Biologen daher als willkommenen Anlass, dieses ordnende Grundprinzip ihrer Wissenschaft zu feiern.