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Selbstheilung bei Tieren:Schon Larven beherrschen die Selbstmedikation

Zumindest unter den großen Säugetieren ist die Eigentherapie also offenbar weit verbreitet. Doch um ehrlich zu sein: Wirklich überraschend ist das nicht. Wer wie Schimpansen in der Lage ist, sich mittels menschlicher Gebärdensprache zu unterhalten oder wie ein Hund den Unterschied zwischen "Sitz!" und "Platz!" zu begreifen, dem ist wohl auch zuzutrauen, sich im medizinischen Notfall selbst zu helfen.

Verblüffender sind solche Beobachtungen bei Insekten. Auch sie beherrschen Selbstmedikation - und das zum Teil sogar schon im Larvenstadium. Michael Singer von der Wesleyan University in Connecticut hält es deshalb nicht für gerechtfertigt, die Selbstmedikation ausschließlich Tieren mit höheren kognitiven Fähigkeiten zuzutrauen. Der Biologe kennt sich bestens aus mit dem Gesundheitsverhalten von Raupen. Wie alle anderen Selbsthelfer auch, müssen diese genau aufpassen, sich keine Überdosis zu verpassen. Denn wie Nikotin sind viele der Therapien eigentlich toxisch. Viel hilft nicht unbedingt viel - auch für Raupen ist das ein überlebenswichtiger Grundsatz.

So kann eine unsachgemäß angewandte Therapie, nicht anders als bei den Tabletten der Pharmaindustrie, schlimme Nebenwirkungen haben. Mitunter sogar tödliche, wie das Beispiel der Bärenspinner-Raupen zeigt. Diese Raupen müssen sich häufig mit parasitären Fliegen herumschlagen, die ihre Eier in die Raupen legen, wo sich dann die Fliegenlarven entwickeln. Die Raupen versuchen sich dagegen mit Substanzen aus Greiskräutern zu schützen, sogenannten Alkaloiden.

In Michael Singers Studie steigerten die Alkaloide die Überlebensraten von befallenen Raupen um 17 Prozent. Nahmen jedoch gesunde Raupen ohne Parasiten zu viel der Greiskraut-Alkaloide zu sich, erhöhte das im Gegenteil deren Sterberate um 16 Prozent. Was lehrt dieses Beispiel? Medizin nehmen sollte nur, wer sie auch wirklich benötigt - allen anderen kann die Therapie eher schaden als nützen.

Nicht nur wenn sie selbst krank sind, machen sich Tiere die Gifte der Natur zu Nutze. Bienen, Schmetterlinge und Fliegen: Sie alle behandeln auch ihre Nachkommen. Sind diese noch zu klein, um sich selbst zu helfen, übernehmen die Eltern oder andere erwachsene Artgenossen die medizinische Versorgung. Eine solche benötigen zum Beispiel die Larven der Honigbiene, um sich gegen den Erreger der Kalkbrut zu wehren. Gegen den krankmachenden Pilz helfen Resine, das sind aus Naturharzen gewonnene Stoffe. Erwachsene Bienen sammeln auf ihren Ausflügen mehr Resine, wenn die Larven daheim im Stock unter Kalkbrut leiden, haben Michele Simone-Finstrom von der North Carolina State University und Marla Spivak im vergangenen Jahr gezeigt.

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