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Sehhilfe:Ein leichteres Leben

"Wir können die Kunden nicht sehend machen, aber wir können ihr Leben erleichtern", sagt Wexler. Die Philosophie sei es, das Gerät so einfach wie möglich zu gestalten - "zeigen und hören, das ist so geradlinig wie es nur geht", meint er.

Um zu lernen, in welcher Welt sein Gerät gebraucht wird, schließt Wexler im Alltag immer wieder die Augen, seit drei Jahren rasiert er sich blind. Er hat zahllose Interviews mit Blinden und Sehbehinderten geführt, um den Leidensdruck zu erspüren. Von einem Zahnarzt berichtet er, der mit 60 Jahren sein Augenlicht verlor und verzweifelt zu ihnen kam. "Wenn du nicht mehr sehen kannst, verlierst du alles", sagt Wexler. "Die meisten verlassen dann das Haus nicht mehr und hören Radio, bis sie sterben."

Liat Negrin beim Praxistest: Ihr künstliches Auge hängt am Brillenbügel. Ein dazu gehörender Mini-Computer steckt in der Tasche.

(Foto: oh)

Das neue Gerät mit Kamera und mobilem Mini-Computer soll diesen Menschen das Zutrauen geben, sich auch außerhalb der eigenen Wohnung zurechtfinden zu können. Der potenzielle Markt ist riesengroß, weltweit gibt es nach Angaben von OrCam 342 Millionen Erwachsene mit signifikanter Sehschwäche. Bislang wird allerdings nur eine englischsprachige Version des Geräts angeboten, doch eine Anpassung und Erweiterung auf andere Sprachen von Hebräisch bis Deutsch ist Wexler zufolge kein großes Problem und hängt allein von der Nachfrage ab. Noch steht ja alles am Anfang und alles ist im Fluss, ständig werden Schwachstellen ausgebügelt und Fehler behoben.

Viele dieser Verbesserungen gehen auf Erfahrungen zurück, die Liat Negrin im Praxistest macht. Sie hat sich auch früher nie zurückgezogen, hat ihr Leben so selbstständig gelebt, wie es ging, doch allzu oft ist sie dabei an Grenzen gestoßen. Wer heute mit ihr einkaufen geht, dem reicht sie aus dem Getränkeregal zielsicher die Cola-Dose oder den Eistee heraus. Im Restaurant liest sie die Speisekarte vor und macht kichernd die Stimme der Ansagerin in ihrem Ohr nach: "Chicken. Finger. Salad!" Sie kann in der Zeitung schmökern oder in Büchern, "so lange ich darauf schaue, so lange liest es", erklärt sie.

Obendrein ist das Gerät lernfähig. Wenn Liat Negrin neue Leute trifft, nimmt sie mit der Kamera ein kleines Video auf - beim Wiedersehen wird das Gegenüber sofort erkannt. Ähnlich funktioniert es zum Beispiel mit Konserven, die häufig im Supermarkt gekauft werden, oder bei Kreditkarten und Geldscheinen. Sie nimmt einen braunen Schein aus ihrer Geldbörse, legt ihn auf den Tisch und richtet die Kamera darauf. "Das ist ein hundert Schekel-Schein", sagt die Stimme in ihrem Ort. "Du glaubst gar nicht, wie oft mir schon Taxifahrer oder Kassiererinnen das falsche Wechselgeld zurückgegeben haben", sagt sie - und fügt lächelnd an: "Das passiert mir jetzt nicht mehr."

© SZ vom 06.07.2013/mcs
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