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Ökologie:Kostbarer Vogelschiss

Sturmflut in Polen

Möwen an der Küste bei Zoppot in Polen: Seevögel produzieren nicht nur wertvollen Dünger, sie spielen auch eine wichtige Rolle für den Tourismus.

(Foto: Adam Warzawa/dpa)

Einen Wert von 400 Millionen Euro haben die Exkremente von Seevögeln auf der ganzen Welt. Was macht Möwenschiss und Pelikankot so kostbar?

Von Julian Rodemann

Etwa 400 Millionen Euro ist die Vogelkacke aller Seevögel auf der Welt wert. Auf diese Schätzung kommen Wissenschaftler in einer neuen Studie, die am Mittwoch im Fachjournal Trends in Ecology & Evolution erschienen ist. Zusammen mit Kalkstein bildet der Kot von Pinguinen oder Möwen Guano, ein sehr beliebter Naturdünger, mit dem wahrscheinlich bereits die Inkas den Ertrag ihrer Felder erhöhten. Doch auch in roher Form enthält Vogelschiss viele wertvolle Nährstoffe für Tiere und Pflanzen. Ausgeschieden über Korallenriffen, können die Exkremente die dortigen Fischbestände um fast die Hälfte steigern, wie die Forscher schreiben.

Ökologen versuchen immer wieder, den Wert natürlicher Dienstleistungen zu beziffern, also der Natur ein Preisschild zu verpassen. Meist brauchen sie dafür komplizierte Rechenmodelle, im Fall der Vogelkacke war es nicht so schwer: "Ich kann auf eine Insel gehen, Guano sammeln und ihn auf einem Markt verkaufen", sagt Marcus Cianciaruso, Autor der Studie und Professor für Ökologie an der Universität Goiás in Brasilien.

Über ein Viertel der knapp 350 bekannten Seevögelarten sind laut einer Studie vom Aussterben bedroht

Die Schätzungen hält er für wichtig, weil sie dem Kot einen greifbaren Wert geben. So wollen der Ökologe und seine Kollegen auf die Bedeutung der Seevögel für Mensch und Natur aufmerksam machen - "in einer Sprache, die die Öffentlichkeit und Politiker verstehen", sagt Cianciaruso. Denn die sind gefordert, wenn es darum geht, die Tiere zu schützen. Laut einer Studie der Natur- und Artenschutzorganisation Birdlife sind über ein Viertel der knapp 350 bekannten Seevögelarten vom Aussterben bedroht.

Möwen, Pelikane oder Pinguine selbst scheren sich indes wohl kaum um ihre 400 Millionen Euro teuren Exkremente. Die machen auch nur einen Teil ihres Gesamtwerts aus, schreiben die Wissenschaftler. "Wenn man anfängt, sich alle Funktionen anzuschauen, die Seevögel haben, und sie versucht zu monetarisieren, wird der Wert viel, viel höher sein", sagt Cianciaruso. Mit Funktionen meint der Ökologe nicht nur ihre Bedeutung für den Tourismus in Küstengegenden. "In manchen Gegenden folgen Fischer den Seevögeln, um Orte zu finden, an denen sie fischen können", ergänzt sein Doktorand Daniel Plazas-Jiménez, der ebenfalls an der Studie beteiligt war. "Für diese Fischer sind Seevögel alles", sagt er.

© SZ
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