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Meeresbiologie:Der Kult um die Seekühe

Manatee Trichechus manatus latirostris Chrystal River Florida USA Nordamerika *** Manatee Tric

Manatis sind friedliche Riesen - bis zu drei Meter lang - denen man die Verwandtschaft mit den Elefanten ansieht.

(Foto: imago/imagebroker)
  • Im 20. Jahrhundert waren Seekühe, auch Manatis genannt, in Florida nahezu ausgestorben.
  • Heute gibt es wieder mehr Tiere, doch Kältestress und Kollisionen mit Motorbooten setzen den Tieren noch immer zu.
  • Mittlerweile sind die Säuger zur Touristenattraktion geworden. Ob das für ihr Überleben hilfreich oder hinderlich ist, ist noch nicht sicher.

Wie Wattebäusche schweben Morgennebelschwaden über dem Crystal River. Captain Ed Mensters flaches Boot, das ein wenig aussieht wie ein überdimensioniertes Golfcart ohne Reifen, tuckert direkt auf die weiße Wand zu. Noch ist es kühl auf dem breiten Fluss nahe der Westküste Floridas. Gelangweilt beobachten ein paar Pelikane vom Ufer aus, wie sich die Passagiere auf Captain Eds Boot in Neoprenanzüge zwängen, einen tiefen Schluck heiße Schokolade aus dem Plastikbecher trinken, dann mit Schnorchel und Taucherbrille ins dunkle Wasser gleiten. Es dauert nicht lang, ein paar Sekunden vielleicht, schon klingen erste begeisterte Rufe übers Wasser: "Wow!", "Cool!", "Incredible!", "Cute!" Zwischen den acht Frühmorgen-Schnorchlern dümpeln fünf erwachsene Seekühe (Manatis) und ein Kalb.

Ohne Scheu bewegen sich die etwas unförmigen Giganten, gründeln im zwei Meter seichten Wasser, knabbern an der Reißverschlussschnur eines Neoprenanzugs, reiben sich am Rumpf des Bootes. Die 600-Kilo-Tiere, manche mehr als drei Meter lang, schwimmen eng um die Schnorchler - als suchten sie deren Nähe.

Die zehnjährige Audrey streichelt über die glibberige, ledrige Haut der Tiere, die sich kaum anders anfühlt als der Neoprenanzug, den sie selbst trägt. "Kann ich einen von denen haben?", fragt sie scheinheilig ihre Mutter, die mit der Go-Pro-Kamera das Geschehen dokumentiert. Ein Mittfünfziger neben ihr lässt sich langsam auf einen Manati zutreiben, bis sich die Nasen fast berühren. Eine junge Frau gluckst verzückt. Hat eine der Seekühe sie doch tatsächlich mit den beiden Vorderflossen umarmt. Inzwischen sind noch drei Boote angekommen, vom Ufer schwimmen mehrere Touristengruppen mit bunten Schwimmnudeln auf die Seekühe zu.

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Seekühe sind merkwürdige Stars und keine wirklichen Schönheiten

Es ist Manati-Saison in Crystal River! Zwischen November und März tummeln sich an den Quellen in Citrus County bis zu tausend der seltenen Rundschwanzseekühe. Die Frischwasserquellen sind eine Wärmestube für die kälteempfindlichen Säugetiere. Fällt die Wassertemperatur im Golf von Mexiko unter etwa 20 Grad, schwimmen die sanften Riesen zehn Kilometer flussaufwärts zu den Quelltöpfen, die das ganze Jahr lang 22 Grad warmes Wasser ausstoßen. Dort ruhen sich die harmlosen trägen Meeressäuger aus, nur unterbrochen von gelegentlichen Fressausflügen zu den Seegraswiesen im Golf.

Der Kult um die Knollnasen hat die Besucherzahl in Crystal River in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht. Mehr als eine halbe Million Menschen pilgerten 2017/18 in das 3100-Einwohner-Dorf, den einzigen Ort, an dem man legal mit den Tieren schwimmen darf. Inzwischen bieten mehrere Dutzend Veranstalter "Swim with manatees"-Touren an. In Läden warten Plüschmanatis, Seekuh-Tassen, Bettwäsche, Poster und T-Shirts auf Fans der knopfäugigen Sympathieträger. Klar, dass Crystal River inzwischen auch eine Seekuh im Stadtwappen führt, sich den Beinamen "Manati-Welthauptstadt" verliehen hat und es an fast jeder Straße Briefkästen in Seekuhform gibt.

Seekühe sind merkwürdige Stars und, auf den ersten Blick, keine wirklichen Schönheiten. Schmutziggrau, unförmig wie extrem unfitte Robben, kleine Stummelflossen, winzige Knopfaugen und eine dicke knollige Schnauze. Die Tiere sehen sehr schlecht, dafür wachsen auf ihren Körpern mehrere Tausend feine Sinneshaare, mit denen die Tiere kleinste Wasserbewegungen wahrnehmen. Nicht nachvollziehbar, warum Christoph Kolumbus die Seekühe auf einer Karibikreise 1493 als "Meerjungfrauen" beschrieb. Entweder hatten die Seefahrer schon lange keine echten Frauen mehr gesehen oder am Abend vorher zu sehr dem Rum zugesprochen. Der engste Artverwandte der Seekühe ist übrigens der Elefant.