Süddeutsche Zeitung

Artenschutz:Bizarre Seuche tötet Seeigel

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Ein weltweites Massensterben von Seeigeln gefährdet auch Korallenriffe. Wie es dazu kam – und wie Forscher die stacheligen Tiere retten wollen.

Von Tina Baier

An verschiedenen Orten der Welt beobachten Meeresbiologen derzeit ein mysteriöses Massensterben von Seeigeln. Betroffene Tiere können sich zunächst nicht mehr bewegen, dann fallen ihnen die Stacheln aus. Innerhalb weniger Tage verenden sie. Selbst von großen Seeigel-Kolonien sind nach kurzer Zeit nur noch die runden Skelette übrig, die an den Strand gespült werden. Nach einem Bericht im Wissenschaftsjournal Science fürchten Meeresforscher mittlerweile, dass sich das Phänomen zu einer Pandemie ausweiten und Seeigel in allen Weltmeeren stark dezimieren oder sogar komplett verschwinden lassen könnte.

Keine Seeigel mehr: Im ersten Moment findet das womöglich nicht jeder schlimm, der schon einmal barfuß auf eines dieser Tiere getreten ist. Doch das Verschwinden der Seeigel kann verheerende Folgen für die Meere und ihre Bewohner haben. Speziell Korallenriffen, die wegen des Klimawandels ohnehin ums Überleben kämpfen, könnte das Massensterben der Seeigel den Rest geben.

Der Erreger scheint jeden Seeigel zu töten, der ihm begegnet

Denn die Tiere raspeln mit ihrem komplex aufgebauten Kieferapparat, der auch als „Laterne des Aristoteles“ bezeichnet wird, Algen von den Korallen. „Sie sind die Rasenmäher der Korallenriffe“, sagt Omri Bronstein, Meeresbiologe an der Universität im israelischen Tel Aviv, in einem Video. So verhindern die Seeigel, dass die Riffe von Algen überwuchert werden, und stellen sicher, dass die Korallen – genauer gesagt die Zooxanthellen, mit denen sie in Symbiose leben – genug Licht bekommen, um Photosynthese betreiben zu können.

Bronstein hat herausgefunden, dass die Seuche, die vor zwei Jahren Seeigel der Art Diadema antillarum in der Karibik dahingerafft hat, jetzt massenweise ganz andere Seeigel der Gattung Echinothrix im Roten Meer und im Indischen Ozean tötet. Vergangenes Jahr wurden unter anderem auf der Insel La Réunion massenweise Seeigel-Skelette angespült.

Der Erreger ist also erstens innerhalb kürzester Zeit sehr weit gereist. Und zweitens scheint er jeden Seeigel zu töten, der ihm begegnet, egal um welche Art es sich handelt. Beides zusammen verleiht ihm das Potenzial, eine Seeigel-Pandemie auszulösen, also Seeigel weltweit zu befallen und zu töten. Im Wissenschaftsjournal Current Biology schlagen Bronstein und sein Team deshalb vor, überall auf der Welt Seeigel aus dem Meer einzusammeln und in Aquarien mit künstlichem Seewasser zu halten, das keinen Kontakt zu echtem Seewasser hatte, in dem der Erreger enthalten sein könnte. Das würde „eine zukünftige Wiederherstellung durch Wiedereinführung der ursprünglichen Seeigel erleichtern, sobald die Bedingungen besser sind“, schreiben die Forschenden in Current Biology.

Experten empfehlen, Seeigel einzusammeln und in Aquarien zu bringen, damit sie überleben

Bei dem Erreger der Seeigel-Seuche handelt es sich weder um ein Bakterium noch um ein Virus, wie zunächst vermutet wurde. Ein Team um den Mikrobiologen Ian Hewson von der amerikanischen Cornell University hat herausgefunden, dass es sich vielmehr um ein bislang unbekanntes Wimperntierchen handelt, also um einen Einzeller, der sich mithilfe winziger Härchen auf seiner Oberfläche fortbewegt.

Im Wissenschaftsjournal Science Advances beschrieben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, wie sie kranke und gesunde Seeigel in der Karibik einsammelten. Sie fanden das Wimperntierchen in den kranken, nicht aber in den gesunden Seeigeln. Gesunde Seeigel, die sie im Labor mit dem Wimperntierchen infizierten, wurden krank und starben.

Die Forschenden vermuten, dass der Erreger auch Auslöser eines massiven Seeigel-Sterbens in den Jahren 1983 und 1984 in der Karibik war, dessen Ursache nie gefunden wurde. Bis heute hat sich das damals betroffene Gebiet nicht vollständig erholt. „Das Massensterben hatte eine schnelle Degradierung vieler Korallenriffe in der Region zur Folge“, schreiben die Studienautorinnen und -autoren. Die Korallen wurden innerhalb kürzester Zeit von Algen überwuchert. 30 Jahre später hätten sich dort zwar wieder Seeigel niedergelassen, aber in viel geringerer Dichte als zuvor.

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