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Forschung:Wissenschaft, inspiriert durch Science-Fiction

Bereits in den 60er-Jahren telefonierten die Besatzungsmitglieder des Raumschiffs Enterprise mit einem sogenannten Kommunikator, der den ersten realen Handys erstaunlich ähnlich sah.

(Foto: Imago stock&people)

Medizinische Miniroboter, Exoskelette, neuronale Netze - immer bekommen Wissenschaftler neue Ideen aus Science-Fiction. Doch manchmal führt sie die Forschung auch in absurde Richtungen.

Schon der wahrscheinlich allererste Science-Fiction-Roman war einfach nur hanebüchen: Da leben Aliens auf dem Mond, gegen die Atemnot im All hilft ein feuchter Schwamm vor der Nase. Manche Kritiker würden abwinken und rufen: "Alles unrealistisch!" Wüssten sie aber den Namen des Urhebers, wer weiß, sie würden womöglich verstummen. Denn es war der große Astronom und Naturphilosoph Johannes Kepler, der in seiner Erzählung "Somnium" (lateinisch für "der Traum") eine Traumreise zum Mond beschrieb - im Jahr 1608, einige Zeit bevor Galileo Galilei sein Teleskop auf die Sterne richtete und mehr als 300 Jahre, bevor der US-Astronaut Neil Armstrong seinen Fuß auf den Mond setzte.

Die Mondlandung war also 1969 eigentlich schon ein alter Hut. Zumindest, wenn man von der Idee ausgeht. Kepler beschreibt in seinem Roman eine Space Odyssee, spart nicht mit physikalischen Details über die Schwerelosigkeit im All und spekuliert über die Verhältnisse, die auf dem Erdtrabanten wohl herrschen mögen. Auch wenn vieles nicht besonders realistisch ist, so war Keplers Idee doch prophetisch. Es muss wohl kaum erwähnt werden, dass auch Kepler nur einen Gedanken aufschrieb, der wiederum schon viele Jahrhunderte zuvor in den Köpfen anderer Denker geschwelt hatte, zum Beispiel in denen der antiken Schriftsteller Plutarch und Lukian. Science-Fiction als Literaturgattung ist viel älter, als die meisten glauben.

Ganz so fähig wie das mit künstlicher Intelligenz und einem Geldautomaten ausgestattete Superauto K.I.T.T. aus der Fernsehserie "Knight Rider" sind heutige autonome Autos noch nicht.

(Foto: Imago stock&people)

Die Mondlandung ist ein gutes Beispiel dafür, wie sehr der Gang der Welt und auch die Entwicklung der Wissenschaft und Technologie sich in den Geschichten zeigen, die man liest oder in Filmen sieht - und wie sehr diese wieder zurückspiegeln in die Wissenschaft. Umso merkwürdiger ist die Arroganz, mit der viele Kulturschaffende und Literaturkritiker, aber auch Wissenschaftler auf Filme oder Bücher hinabsehen, die sich nicht mit der Vergangenheit oder der Gegenwart befassen, sondern mit der Zukunft. Science-Fiction sei etwas für Eskapisten, heißt es oft.

Genau das Gegenteil ist der Fall. Denn natürlich ist es wichtig, sich mit den Gedankenentwürfen über die Zukunft zu befassen. Die Menschheit verändert ihre Lebenswelt in solchem Tempo, dass die Visionen von gestern schnell zur Realität von heute werden können. Science-Fiction ist außerdem schon seit Langem keine Domäne pickliger Nerds mehr: Längst im Mainstream angekommen, beeinflusst sie die Meinung der Menschen über die Wissenschaft - und zugleich auch ihre Richtung. Sie spiegelt unser Weltbild und weist auf gesellschaftliche Themen, die kommen werden.

Es gibt unzählige Anekdoten darüber, welche Technologien zuerst in fiktionalen Geschichten auftauchten und später Teil der Wirklichkeit wurden. Als Klassiker gilt Stanley Kubricks "2001: Space Odyssey" aus dem Jahr 1968, in dem sprechende Computer, künstliche Intelligenz, iPad-ähnliche Computerflundern, ebenfalls eine Mondlandung und viele andere visionäre Gadgets auftauchen. Nicht umsonst hieß das erste Klapphandy von Motorola StarTac in Anlehnung an Star Trek, in dem bekanntermaßen schon lange mit "Kommunikatoren" telefoniert wurde, die im Grunde wie heutige Handys aussehen.

Auch der Film Minority Report aus dem Jahr 2002 ist eine regelrechte Fundgrube: Hier finden sich bereits Gesichtserkennung, personalisierte Werbung, Videotelefonie, Gestensteuerung und das Internet der Dinge. Angeblich sind rund hundert Patente aus dem Film heraus entstanden. Und das ist auch kein Zufall, wenn man die Professionalität betrachtet, mit der Steven Spielberg und sein Szenenbildner Alex McDowell an die fiktive Zukunft im Film herangingen.

Smartspeaker Alexa ist vielleicht nur die nette kleine Schwester des bösen Big Brother aus George Orwells Dystopie "1984". Heutige Überwachungstechnik ist dennoch weiter.

(Foto: Imago stock&people)

So setzte sich McDowell mit einigen der damals einflussreichsten Computerforscher zusammen, mit Stadtplanern und Wissenschaftlern, unter anderem vom MIT in Boston. Von ihnen ließ er sich im Detail erklären, wie die Transportsysteme, die Waffen der Zukunft und das Bildungssystem im Jahr 2054 wohl aussehen könnten. Aus den Ergebnissen erstellte er einen Zukunftskatalog, die er "2054-Bibel" nannte. Deshalb wirkt Minority Report wie eine Zukunftsvorhersage, die immer noch nicht veraltet ist.

Der Film "Der Marsianer" wäre nicht entstanden ohne das Expertenwissen der Nasa

Geht es mit der Erde zu Ende, fliegt man halt zum Mars und baut sich eine neue Welt. Mit dieser Schnapsidee des Autors Jack Williamson beschäftigen sich heute ernsthafte Forscher.

(Foto: Mauritius Images)

Aber noch viel interessanter ist, dass die wissenschaftlich inspirierten Zukunftsentwürfe der Entertainment-Branche wiederum die reale Welt beeinflussen. Alex McDowell etwa leitet heute das World Building Institute an der University of Southern California in Los Angeles, das Nichtregierungsorganisationen, Architekten und Unternehmen berät - die, angeregt von seinen Ideen, Gebäude bauen und Städte planen. "Mich interessieren heute die Probleme der echten Welt mehr als die Probleme der Filmindustrie", sagt McDowell. Wohlgemerkt, McDowell war ursprünglich "nur" ein Szenenbildner in Hollywood.

Überhaupt ist der Einfluss fiktionaler Geschichten viel größer, als ein paar visionäre Gadgets in Filmszenerien glauben machen. "In den USA gibt es eine enge Verflechtung zwischen Hollywood und der Raumfahrtforschung", sagt Alexandra Ganser, Professorin für Amerikanistik an der Universität Wien. Sie untersucht in einem eigenen Forschungsprojekt die Zukunftsvisionen Hollywoods und wie sich diese in der US-amerikanischen Politik und Wissenschaftslandschaft niederschlagen. Spätestens seit Beginn des Wettlaufs ins All mit der Zündung der sowjetischen Sputnik-Rakete am 4. Oktober 1957 beeinflussen sich der Hollywood-Weltraumfilm und die tatsächliche Astrotechnologie wechselseitig.

Bei der Entwicklung des Talos-Kampfanzuges - eines robotischen Exoskeletts - ließen sich die Ingenieure der US-Army von der Superhelden-Comic-Figur Iron Man inspirieren.

(Foto: Imago stock&people)