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Diagnose bei Komapatienten:Mythos vom Dornröschenschlaf

Bis heute wird sie offenbar häufig übersehen. So gelang es der Coma Science Group um Steven Laurey unlängst, bei Patienten bewusstes Denken nachzuweisen, denen diese Fähigkeit zuvor abgesprochen worden war. Die Hirnforscher instruierten 54 Komapatienten, sie sollten sich vorstellen, Tennis zu spielen. Bei fünf Patienten zeigte sich dabei tatsächlich mittels Kernspinaufnahmen ein charakteristisches Aktivitätsmuster im Gehirn. Dies ließ auf eine geistige Reaktion schließen. Ein Patient konnte mit Hilfe verschiedener Gedankenszenarien sogar auf Ja-oder-nein-Fragen antworten (New England Journal of Medicine, Bd.362, S.579, 2010).

Bei den meisten Testpersonen aber ließen sich auch mit solch aufwendigen Methoden keine Anzeichen eines orientierten und sich selbst bewussten Geistes ausmachen. "Das Konzept vom Wachkoma stimmt", ist der Neurologe und Medizinethiker Ralf Jox von der Universität München daher überzeugt. Die Diagnose müsse allerdings richtig sein - und immer wieder überprüft werden. Gerade in den ersten Monaten nach der Hirnschädigung erholen sich nämlich die Nerven mancher Patienten wieder ein wenig. Dann klart womöglich das Bewusstsein langsam auf; der Patient verlässt das Wachkoma und erreicht einen minimalen Bewusstseinszustand. Wenn seine Ärzte das nicht bemerken, versäumen sie es, den Prozess weiter zu stimulieren. Gerade mit therapeutischer Hilfe aber könnten sich die Patienten noch über Jahre langsam erholen, wenngleich sie meist schwer behindert bleiben.

"Besteht allerdings nach einem Jahr immer noch zweifelsfrei ein Wachkoma, sind die Chancen auf Erholung praktisch Null", sagt Jox. Die düstere Prognose steht im Widerspruch zum Mythos vom Dornröschenschlaf. Geschichten von Menschen, die aus jahrelanger tiefster Umnachtung irgendwann putzmunter erwacht wären, sind kaum belegt. "Es gibt Fälle von später Erholung", sagt Jox. Aber in diesen Fällen hätten die Betroffenen nicht im Koma oder Wachkoma gelegen, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach ein Minimalbewusstsein gehabt. Dennoch nähren solche Berichte die Hoffnungen von Angehörigen - manchmal über Jahrzehnte.

"Es ist enorm schwierig, jemanden vor sich zu haben, der guckt und doch weg ist", sagt Jox. Zudem sei "in unserer Kultur die Vorstellung von einem nicht an den Körper gebundenen Geist verwurzelt". Verbreitet sei die Überzeugung, da müsse noch etwas sein, auch wenn sich nachweislich kaum noch Gehirn im Schädel befindet - so wie bei Terri Schiavo. Die Amerikanerin hatte 15 Jahre im Wachkoma gelegen, bevor sie 2005 nach Gerichtsentscheid sterben durfte. In den zuvor öffentlich ausgetragenen Streit hatte sich sogar der damalige US-Präsident George W. Bush eingeschaltet.

Wenngleich die Kontroverse hierzulande noch nicht so hitzig geführt wird, besteht sie gleichwohl. Seitdem es die Möglichkeit gibt, lebensverlängernde Maßnahmen im Falle eines Dauerkomas per Patientenverfügung abzulehnen, müssen solche Wünsche nach passiver Sterbehilfe häufig gerichtlich durchgesetzt werden. Nicht nur Angehörige, auch Ärzte zögern oft, die künstliche Ernährung einzustellen und den Bewusstlosen sterben zu lassen, auch wenn dieser das als Gesunder so gewünscht hat.

"Die passive Sterbehilfe nach so einer Verfügung ist falsch", ist auch Andrea Kübler überzeugt. Der Maßstab einer lebenswerten Existenz entstamme der Perspektive von Gesunden, argumentiert die Psychologin: "Wir wissen einfach nicht, wie sich so ein Leben anfühlt." Die Neuroethikerin Sabine Müller von der Berliner Charité hält den Gedanken zwar für richtig, teilt aber die Schlussfolgerung nicht: "Es gibt in diesem Fall keine Alternative. Schließlich können Ärzte und Angehörige den Zustand genauso wenig beurteilen."

© SZ vom 16.03.2011/beu