Schwertkampf "So wie die Formel 1"

Für das Freydal-Turnierbuch hat Stefan Krause jüngst 255 Miniaturen mit mittelalterlichen Kampfszenen untersucht. Der Kunsthistoriker arbeitet am Kunsthistorischen Museum in Wien als Direktor der Hofjagd- und Rüstkammer.

(Foto: OH)

Kunsthistoriker Stefan Krause über besonders scharfe Säbel und Schwerter und die Gefährlichkeit von Turnieren

Von Hubert Filser

SZ: Die Kämpfer aus GoT tragen Schwerter aus unverwüstlichem Stahl, extrem scharf, geformt im Drachenfeuer. Ist das mehr als Fantasy?

Stefan Krause: GoT nimmt schon unzählige Anleihen in der Geschichte. Diese Schwerter orientieren sich wohl an Damaszener Stahl, der sich aufgrund seiner Herstellungsart durch eine vielfach wellenförmige Musterung der Klingen auszeichnet. Legendär waren im Spätmittelalter auch Harnische aus bestimmten Werkstätten. Sie waren aus einem besonderen, gehärteten Stahl hergestellt, für den Erz mit einem erhöhten Kohlenstoffgehalt nötig war.

War für die Herstellung mittelalterliches Hightech notwendig?

Das Härten war eine hoch angesehene Herstellungstechnik mit sehr speziellen Arbeitsschritten, die vor allem durch eine bestimmte Abfolge von Erhitzen und Abkühlen des Stahls das gewünschte Ergebnis erzielte. Das konnten nur wenige Plattner, also Harnischschmiede, vor allem in Oberitalien und Süddeutschland, insbesondere in Mailand und Augsburg. Auch die Werkstätten in Innsbruck werden in vielen Quellen hochgepriesen.

Das heißt, es gab im Spätmittelalter regelrechte Koryphäen?

Es gab Zentren, nicht nur für Harnische, sondern auch für die Produktion von Klingen. Diese stammten etwa aus Toledo, Passau und Solingen und wurden nach ganz Europa und sogar darüber hinaus exportiert. Gute Klingen verwendete man zumeist über einen langen Zeitraum, das ist wie mit dem Breitschwert von Ned Stark. Nur abgenutzte und beschädigte Klingen und nicht zuletzt jene Teile eines Schwerts, die stärker modischen Trends unterworfen waren, wurden ersetzt, also Griff, Knauf oder die quer verlaufende Parierstange.

Welche Waffen waren damals besonders gefürchtet?

Schweizer Fußknechte und später auch die süddeutschen Landsknechte verbreiteten mit ihren Stangenwaffen Angst und Schrecken. Auch die Osmanischen Reiter waren gefürchtet, sie hatten für den Nahkampf unter anderem Säbel mit gekrümmter, an der Spitze mitunter verbreiteter Klinge. Dies waren Hiebwaffen, mit denen sich im Vorbeireiten der Kopf des Gegners abschlagen ließ. Als Reaktion auf solche Angriffe entwickelte sich im südosteuropäischen Raum ein zumeist gewölbter, hoher Schild, den die Soldaten seitlich trugen, man nannte ihn Flügeltartsche. Er war an einer Seite flügelartig nach oben verlängert und bot so dem linken Arm und dem Nacken Schutz vor den Säbeln.

Hatten Ritter denn andere Schwerter als normale Soldaten?

Ein Schwert ist ein Schwert. Man teilt Schwerter grob nach ihrer Klingenlänge in Kurz- und Langschwerter und vor allem nach ihrem Griff ein: Es gibt ein-, eineinhalb- und zweihändig geführte Schwerter, die größten Schwerter sind sogenannte Bihänder, man konnte sie nur mit beiden Händen schwingen.

Gab es bestimmte Rituale, Schwertern eine gewisse Aura zu verleihen?

Der Papst weihte bestimmte Schwerter für Herrscher, die sich in den Kriegen gegen das Osmanische Reich ausgezeichnet hatten. Es gab Schwerter, die explizit für königliche oder kaiserliche Zeremonien gedacht waren. Sie erlangten als Erinnerungsstücke eine besondere Bedeutung, das waren fast Reliquien, wie etwa das Reichsschwert des Schatzes des Heiligen Römischen Reichs. Nach einer Krönung oder einer Erbhuldigung zeigte die Spitze des Zeremonienschwertes nach oben, als Zeichen, dass der Herrscher die Macht innehatte; bei Trauermessen, etwa am burgundischen Hof, trug man beim Einzug das Schwert mit der Spitze nach unten als Zeichen, dass die Macht an Gott zurückgegangen war.

Nahm man für Turniere andere Waffen als im Kampf?

Die Ausrüstung für das spätmittelalterliche Turnier war extrem ausdifferenziert und sogar auf die speziellen Varianten des Turniers angepasst. Dies lässt sich gut mit Skiern für Slalom, Abfahrt und Super-G vergleichen. Im späten 15., frühen 16. Jahrhundert gab es am Hof Kaiser Maximilians I. ein Dutzend Varianten des Turniers.

Wie gefährlich war so ein Turnierduell?

Turnierreiter waren perfekt für die Duelle ausgerüstet und in den meisten Fällen gab es keine Verletzungen. Trotzdem berichten Quellen auch von Todesfällen. König Heinrich II. von Frankreich starb 1559 nach einem Turnier. Ein Splitter der gegnerischen Lanze hatte sich in sein Auge gebohrt. Aber insgesamt waren die Turniere auch nicht gefährlicher als Formel 1 heute, wo, trotz aller Sicherheitsvorkehrungen noch immer regelmäßig Menschen sterben.