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Schweiz:Mit Gedankensteuerung zum Sieg

Hong Gi Kim of South Korea competes  during the Brain-Computer Interface Race at the Cybathlon Championships in Kloten

Ein Teilnehmer am "virtuellen Rennen mit Gedankensteuerung": Konzentration ist wichtig.

(Foto: REUTERS)

"Wettkampf der Prothesen" wird der Schweizer Cybathlon auch genannt. Er zeigt die Chancen jener Technik, die Behinderten den Alltag erleichtern soll. Aber auch ihre Grenzen.

Völlig erschöpft fuhr Greg McClure ins Ziel. Das Publikum beim "Cybathlon" in der Swiss Arena in Kloten klatschte und johlte begeistert und trieb den Australier regelrecht über die Ziellinie. Nur um wenige Sekunden hatte er die Maximalzeit von acht Minuten beim Radrennen über 750 Meter für Querschnittsgelähmte unterboten. McClure reichte es letztlich zu Rang sieben in der Disziplin "Fahrradrennen mit elektrischer Muskelstimulation".

Die Platzierung spielte bei dem Wettkampf indes sowieso nur eine Nebenrolle. Die Zuschauer feuerten alle Teilnehmer des Cybathlons ähnlich frenetisch an. "Die Stimmung war besser als an manchen Paralympischen Spielen, die ich miterlebt habe", sagte René Will, Geschäftsführer der Dachorganisation des Schweizerischen Behindertensports. Am Cybathlon massen sich Menschen mit Behinderungen mit Hilfe von Hightech-Prothesen, geländegängigen Rollstühlen und anderen technischen Assistenzsystemen.

In der Tat: Den ganzen Tag über war die Euphorie im Publikum immer wieder förmlich spürbar. Etwa, als im Finale des Rennens der motorisierten, geländegängigen Rollstühle der Schweizer Florian Hauser am letzten und schwierigsten Hindernis - drei Treppenstufen rauf und wieder runter - die bis dahin führende Athletin überholte und die Ziellinie schließlich mit fünf Sekunden Vorsprung überquerte.

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Oder, als sich beim Rennen der "Exoskelette" - das sind motorisierte Stützapparate dank derer Querschnittsgelähmte wieder gehen können - der Deutsche André van Rüschen und der Amerikaner Mark Clayton Daniel ein Herzschlagfinale lieferten. Der 43-jährige Deutsche, der nach einem Autounfall seit 13 Jahren querschnittsgelähmt ist, gewann schließlich ebenfalls mit nur wenigen Sekunden Vorsprung - und feierte entsprechend ausgelassen.

Der "Wettkampf der Prothesen", wie der Cybathlon etwas flapsig auch genannt wird, erlebte in der Swiss Arena seine Premiere. 66 Teams aus 25 Ländern nahmen an dem von der ETH Zürich organisierten Anlass teil.

Die Swiss Arena war zwar mit rund 4600 verkauften Tickets restlos ausverkauft, meist war sie auch gut gefüllt, freie Plätze gab es aber trotzdem jederzeit zuhauf. Das hatte wohl auch mit dem attraktiven Rahmenprogramm in den Gängen rund um die Arena zu tun. Da konnte man zum Beispiel in einer Ausstellung historische Prothesen aus Holz und Metall bewundern. An anderen Ständen durfte man selber ausprobieren, wie schwierig es ist, mit einer Handprothese Gegenstände aufzuheben oder einzig mit seinen Gedanken eine Spielfigur zu steuern. Die Idee: Die Besucher sollten am eigenen Leib erfahren , mit welchen alltäglichen Problemen sich Menschen mit Behinderungen herumschlagen müssen.

Die Idee für den Cybathlon entstand vor etwa vier Jahren. Robert Riener, Professor für Sensomotorische Systeme an der ETH Zürich, hatte sie, als er von einem Treppenlauf mit motorisierten Prothesen auf den Willis Tower in Chicago - einst das höchste Gebäude der Welt- las. Etwas Ähnliches könnten wir auch in der Schweiz machen, dachte er sich, in der Robotik-Entwicklung sei die Schweiz schließlich führend.

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