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Schweinegrippe in Mexiko:"Raus aus der Gefahrenzone!"

Mit ihren kleinen Söhnen will Annika Mildner nur noch weg aus Mexiko-Stadt. Ihr Flug nach Deutschland geht heute. Sie könnte aufatmen, aber das Gefühl der Angst bleibt.

sueddeutsche.de: Aus Furcht vor der Schweinegrippe verlassen Sie Mexiko heute. War es schwierig, noch an Flugtickets zu kommen?

Die 35-jährige Marketingexpertin Annika Mildner lebt seit vier Jahren mit ihrem Mann in Mexiko-Stadt.

(Foto: Foto: oh)

Annika Mildner: Am Wochenende gab es noch ausreichend Tickets, sogar zum günstigsten Tarif. Aber als ich am Montag gebucht habe, war es richtig schwierig. Lufthansa und Air France zum Beispiel waren komplett ausgebucht für die ganze Woche. Da haben viele Leute Panik bekommen und wollen nur noch weg. Mir geht es da nicht anders, weil ich auch das Gefühl habe, dass die mexikanische Regierung die Gefahr nicht in den Griff bekommt.

sueddeutsche.de: Was meinen Sie damit?

Mildner: Zwar ist das öffentliche Leben seit Freitag abgewürgt in der Stadt, es werden zudem Atemschutzmasken und Medikamente verteilt, aber es sterben immer noch so viele Menschen. Das macht mir Angst. In der Zeitung habe ich gelesen, dass das Virus schon im März aufgetaucht sein soll. Das haben die Behörden wohl nicht wirklich ernst genommen. Jedenfalls haben wir davon erst am Freitag erfahren, dann aber auf der Titelseite - SCHWEINEGRIPPE - in riesigen Lettern, die einen erschlagen konnten.

sueddeutsche.de: Wie haben Sie auf die Gefahr reagiert?

Mildner: Wir haben uns zunächst Atemschutzmasken gekauft. Die Kinder bleiben daheim. Mein Mann muss zwar weiterhin zur Arbeit, aber ich habe alle Termine abgesagt, gehe nur raus, wenn es sein muss. Und dann mit einem ziemlich mulmigen Gefühl. Vorhin musste ich noch mal Atemschutzmasken von einer Freundin besorgen, weil es die nicht mehr zu kaufen gibt. Ich bin durch ein Ausgehviertel gefahren, in dem normalerweise das Leben pulsiert, wo die Leute richtig Spaß haben. Jetzt sind alle Restaurants und Bars geschlossen, die Straßen gespenstisch leer. Es waren so gut wie keine Fußgänger unterwegs. Jeder meidet den Kontakt mit anderen und versucht so schnell wie möglich, von A nach B zu kommen.

sueddeutsche.de: Kennen Sie persönlich Menschen, die an der Schweinegrippe erkrankt sind?

Mildner: Nein, aber als ich vorgestern aufgewacht bin, dachte ich, ich hätte sie selbst. Ich hatte Kopf- und Gliederschmerzen, zwei der Symptome. Ich habe dann gleich eine Hotline angerufen. Eine Mitarbeiterin dort hat mich beruhigt: Das Hauptsymptom der Schweinegrippe, Fieber, fehlte bei mir. Später war ich noch beim Arzt, der hat zwar eine leichte Grippe diagnostiziert, aber nichts Ernsthaftes. Ich habe auf seinen Rat hin den Flug nach Deutschland um 24 Stunden verschoben, hochdosiertes Vitamin C eingenommen und auch alle anderen Vorsichtsmaßnahmen eingehalten: Keine der üblichen Begrüßungsküsschen, kein Händeschütteln, Abstand halten! Den Mundschutz nicht vergessen und immer schön die Hände waschen. Mehr kann man gar nicht machen. Inzwischen fühle ich mich auch schon wieder gut.

sueddeutsche.de: Wie ist denn die Stimmung in der deutschen Gemeinde in Mexiko-Stadt? Sitzen viele Ihrer Bekannten wie Sie auf gepackten Koffern?

Mildner: Ja, klar. Aber nicht nur die deutschen Bekannten. Alle Mexikaner, die es sich leisten können, sehen zu, dass sie jetzt ein paar Tage rauskommen.

sueddeutsche.de: Wissen Sie schon, welche Kontrollen Sie während Ihrer Reise erwarten?

Mildner: Hier muss jeder Passagier einen Fragebogen ausfüllen. Menschen mit den typischen Krankheitssymptomen werden wohl gleich an Ort und Stelle von einem Arzt untersucht.

sueddeutsche.de: Mit welchem Gefühl fliegen Sie jetzt nach Deutschland?

Mildner: Es ist ein seltsames Gefühl, weil mein Mann hierbleiben muss. In seiner Firma heißt es: Das Management muss mit gutem Beispiel vorangehen und sich der Situation stellen. Da soll keine Panik aufkommen. Also fliege ich mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Klar sorge ich mich um meinen Mann. Es tut weh, Mexiko ohne ihn zu verlassen. Aber ich freue mich auch auf Deutschland. Ich bringe meine Söhne jetzt aus der direkten Gefahrenzone raus, muss sie nicht mehr in ihr Zimmer einsperren. In Berlin warten schon die Großeltern auf sie.

© sueddeutsche.de/gal

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