bedeckt München 31°

Schweinegrippe:Impft sich ein Konzern gesund?

Bundeswehr und Bundesbeamte bekommen einen anderen - unverdächtigen - Schweinegrippe-Impfstoff als die Bürger. Zockt Glaxo Smith Kline ab?

Sind alle deutschen gleich? Oder einige gleicher als gleich? Eine Woche vor dem Start der Massenimpfung gegen die Schweinegrippe eskaliert der Streit über verschiedene Impfstoffe. Soldaten, Mitglieder der Bundesregierung und Bundesbeamte sollen einen anderen, unverdächtigen Impfstoff bekommen als die übrigen Bevölkerung. Die bekommt ein Mittel mit "Wirkstoffverstärkern", den Adjuvantien. Das schafft böses Blut.

Auch werden mmer neue Risiken der Impfung bekannt - und gegen die im Moment eher milden Verläufe der Schweinegrippe in Deutschland abgewägt. So sollen bei dem für die Mehrheit der Bevölkerung gedachten Impfstoff Pandemrix Nebenwirkungen wie bei einer üblichen Grippeimpfung auftreten können. Durch die Adjuvantien könnten sie jedoch möglicherweise noch verstärkt werden, befürchten Mediziner.

Für Schwangere und Kinder könnte der Impfstoff des britischen Konzerns Glaxo Smith Kline (GSK) darum wenig geeignet sein. Der für Soldaten und die Bundesregierung gedachte Impfstoff des amerikanischen Herstellers Baxter, der keine Wirkverstärker enthält, soll demgegenüber weniger Nebenwirkungen haben. Allerdings wurde er bislang wohl auch weniger erprobt als das Konkurrenzprodukt.

Weitere Videos finden Sie hier

Die Unsicherheiten über die verschiedenen Impfstoffe und ihre Vor- oder Nachteile lassen auch Zweifel daran aufkommen, wie unabhängig die Entscheidung für die Schweinegrippe-Impfung getroffen wurde.

"Die Gesundheitsbehörden sind auf eine Kampagne der Pharmakonzerne hereingefallen, die mit einer vermeintlichen Bedrohung schlichtweg Geld verdienen wollen", sagte Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, dem Spiegel. Er könne den Impfstoff derzeit nicht "aktiv empfehlen".

Interessenskonflikte der Entscheider

Auch Transparency International übt Kritik an der Zulassung des Schweinegrippe-Impfstoffs: "Intransparenz und potentielle Interessenskonflikte unterminieren die Glaubwürdigkeit und nähren im aktuellen Fall den Verdacht, dass die H1N1-Grippewelle als Schweinegrippe-Pandemie von der Pharmaindustrie zur Vermarktung genutzt wird", heißt es auf der Webseite der Anti-Korruptions-Behörde.

Transparency fordert sogar, ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss müsse die Vergabe des Auftrags an den Impfstoffhersteller GSK prüfen.

Probleme sieht die Organisation sowohl bei der Ständigen Impfkommission (Stiko) als auch bei der Europäische Zulassungsbehörde Emea. Die Mitglieder der am Robert-Koch-Institut angesiedelten Stiko haben demnach in ihrer Mehrzahl "mehr oder minder intensive Kontakte, darunter auch bezahlte Tätigkeiten, zu den wichtigsten Herstellern von Impfstoffen", schreibt Transparency International. So hat die Mehrzahl der Kommissionsmitglieder Gutachten für Pharmafirmen geschrieben oder Beraterhonorare erhalten.

Einige der insgesamt 16 Mitglieder sollen sich zudem im Fachbeirat "Forum Impfen" engagieren, der von den Pharmakonzernen Sanofi-Pasteur-MSD und Wyeth finanziell unterstützt wird. Über die Höhe dieser Unterstützung gibt es auf der Webseite des Forums keine Informationen.

Auch bei der europäischen Zulassungsbehörde Emea mangelt es Transparency zufolge erheblich an der Unabhängigkeit der Entscheider. So würde die Emea zu fast zwei Dritteln durch die pharmazeutische Industrie finanziert. Eine Überprüfung der Zulassungsentscheidung durch externe Wissenschaftler sei erst nach der erfolgten Zulassung möglich. Als grundsätzliches Problem schätzt die Organisation auch die Tatsache ein, dass die Emea der Generaldirekation Wirtschaft und nicht der für Gesundheit und Verbraucherschutz unterstellt ist.

Wenig Vertrauen einflößend wirkt auch, dass Länder und Ministerien mit den Impfstoffherstellern Geheimverträge geschlossen und diese von jeglicher Haftung ausgeschlossen haben. Die Impfaktion wird Staat und Krankenkassen in Deutschland mindestens 600 Millionen Euro kosten.

© sueddeutsche.de/gal/holz

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite