Süddeutsche Zeitung

Schweinegrippe:Impfen oder nicht impfen?

Impfstoff-Experte Klaus Cichutek über die Dringlichkeit der Schweinegrippe-Prävention sowie Nutzen und Risiken der Spritze.

Christina Berndt

Für 25 Millionen Bundesbürger wollen die Bundesländer Impfstoff gegen die Schweinegrippe bestellen. Von September an könne mit den Impfungen begonnen werden, die das Gesundheitssystem zunächst rund 600 Millionen Euro kosten werden, hieß es am Dienstag. Doch zwei Tage später meldete die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Zweifel an, ob der Impfstoff gegen das Schweinegrippe-Virus H1N1 vor Jahresende fertig sein würde. Die Impfpläne, die Versorgungslage und die Risiken erläutert Klaus Cichutek, Vizepräsident des Paul-Ehrlich-Instituts, das über die Wirksamkeit und Verträglichkeit von Impfstoffen wacht.

SZ: Wird der Impfstoff gegen die Schweinegrippe doch zu spät kommen? Ende des Jahres könnte uns eine heftige neue Krankheitswelle schon erfasst haben.

Cichutek: Die Äußerungen von WHO-Chefin Margaret Chan beziehen sich auf die weltweite Situation. In der EU befinden wir uns aber in einer bevorzugten Lage. Wir haben uns gut vorbereitet. Es gibt hier Musterimpfstoffe, die bereits zugelassen sind. Sie müssen nur noch an das aktuelle Virus angepasst werden, aber das lässt sich in kurzer Zeit erledigen.

SZ: Sie sind sich also sicher, dass zum Beginn der Grippe-Saison im September auch H1N1-Impfstoff zur Verfügung stehen wird?

Cichutek: Wir sind optimistisch, ja. Eine definitive Zusage können wir aber nicht treffen, weil es bei jeder Impfstoffproduktion Schwierigkeiten geben kann.

SZ: Sie sprechen immer von Impfstoffen. Wird es verschiedene Produkte geben, die unterschiedlich gut wirken?

Cichutek: Es wird gewisse Unterschiede geben - schon allein, weil die Impfstoffe von verschiedenen Firmen hergestellt werden. Manche Firmen züchten ihren Impfstoff in Hühnereiern an, andere in Zellkulturen. Unterschiede hinsichtlich Wirksamkeit und Verträglichkeit sind zwischen den Impfstoffen jedoch nicht zu erwarten.

SZ: Es heißt, Deutschland habe Bestelloptionen für 160 Millionen Impfdosen, die für die gesamte Bevölkerung reichen würden. Was sind Bestelloptionen?

Cichutek: Die Bundesregierung hat in Vorbereitung einer möglichen Pandemie Verträge mit mehreren Impfstoff-Herstellern geschlossen. Darin wurde der Zugriff auf bestimmte Mengen zugesichert.

Wer hat Vorrang?

SZ: Wenn jetzt aber nur 50 statt der 160 Millionen Dosen bestellt werden, sind dann noch weitere Bestellungen möglich, falls sich der Bedarf doch als höher herausstellt?

Cichutek: Davon würde ich momentan ausgehen. So hat sich auch die Bundesgesundheitsministerin geäußert. Sie sagte, dass es genügend Impfstoff für alle geben werde, wenn er nötig sei. Aber die Details der Verträge mit den Herstellern sind natürlich den gerade laufenden Verhandlungen überlassen.

SZ: Offenbar soll sich der deutsche Impfplan an den Empfehlungen der WHO orientieren. Demnach wird zuerst das medizinische Personal geimpft. Danach bekommen chronisch Kranke und Schwangere Post von ihrer Krankenkasse, dann 15- bis 49-Jährige, Kinder, 50- bis 64-Jährige und zuletzt Rentner. Wie kommt es zu dieser Rangfolge?

Cichutek: Die am stärksten gefährdeten Gruppen sollen als erste geschützt werden. In den vergangenen Monaten hat sich gezeigt, dass die neue H1N1-Grippe bei Schwangeren und Menschen mit einer Grunderkrankung einen besonders schweren Verlauf nimmt.

SZ: Schwangere und Kinder gehören aber auch zu den besonders sensiblen Bevölkerungsgruppen, für die Medikamente nur selten zugelassen sind. Wie gehen Sie mit diesem Gefahrenpotential um?

Cichutek: Die in Deutschland verwendeten H1N1-Pandemie-Impfstoffe können an Schwangeren angewendet werden. Es handelt sich ja um Impfstoffe, die schon eine Musterzulassung haben. Jeden Winter werden sie nur leicht abgewandelt und an die saisonalen Grippe-Viren angepasst; nun geschieht das gleiche für die Viren der H1N1-2009-Pandemie. Es gibt also sehr viel Erfahrung mit diesen Impfstoffen, und es ist von einem sehr geringen Risiko auszugehen.

SZ: Und was ist mit den Alten? Sie gelten doch sonst immer als die ersten Kandidaten bei Grippe-Impfungen?

Cichutek: Auch bei älteren Menschen wurden bisher eher leichtere Verläufe beobachtet. Womöglich haben sie in ihrem Leben einen gewissen Immunschutz erworben, der einen Vorteil gegenüber dem neuen H1N1-Virus bietet.

SZ: Würden Sie sich als gesunder Mann mittleren Alters gegen H1N1 impfen lassen?

Cichutek: Wenn dieser Altersgruppe die Impfung angeboten wird, würde ich mich impfen lassen. Aber wer nicht zu den vordringlich gefährdeten Populationen gehört, hat auch eine zweite Option: Falls er grippeähnliche Symptome entwickelt, kann er immer noch zum Arzt gehen und sich dann behandeln lassen.

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Quelle:
SZ vom 18.07.2009/beu
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