bedeckt München

Schweinegrippe:"Erreger reisen mit Hochgeschwindigkeit"

In den USA verlaufen die Erkrankungen an der Schweinegrippe wesentlich undramatischer - der Leiter des Münchner Tropeninstituts über die Gefährdungslage.

In Mexiko sterben Menschen, in den USA verläuft die Infektion mit dem H1N1-Virus wesentlich undramatischer - welche Gefahr geht von dem Virus wirklich aus? Ein Gespräch mit Thomas Löscher, Professor und Leiter des Münchner Tropeninstituts.

Nicht nur in Mexiko kämpfen die Behörden gegen den neuartigen Schweinegrippe-Erreger - denn der breitet sich weltweit aus.

Die Bilder.

(Foto: Foto: AP)

sueddeutsche.de: Warum verlaufen die aktuellen Schweinegrippe-Erkrankungen in den USA schwächer als in Mexiko?

Thomas Löscher: Das ist eine sehr gute Frage, und wie auf alle guten Fragen gibt es darauf erst mal keine gute Antwort. Die Erbsubstanz der Viren-Isolate in Mexiko ist verglichen worden mit der der Viren in den USA - die Viren sind nahezu identisch. Es ist jedoch nicht klar, warum die in den USA aufgetretenen Erkrankungen nicht besonders schwer verlaufen im Gegensatz zu Mexiko, wo es doch einige Todesfälle gab.

sueddeutsche.de: Kann das ein Zeichen dafür sein, dass sich das Virus bereits abgeschwächt hat?

Löscher: Das wird von manchen Experten vermutet, aber solche Aussagen sind schwierig zu treffen. Es ist schon beobachtet worden, dass sich ein Virus bei großen Pandemien mit weltweiter Verbreitung schließlich abschwächt. Es ist aber auch schon das umgekehrte Phänomen beobachtet worden - dass das Virus bei Zirkulation im Menschen und entsprechender Anpassung sogar aggressiver wurde, also eine höhere Sterblichkeit entwickelte.

sueddeutsche.de: Also gibt es keinen klassischen Verlauf von Pandemien?

Löscher: Nein. Man muss auch sagen, dass Pandemien heute wesentlich explosiver verlaufen. Früher hat es zum Teil Jahrzehnte gedauert, bis ein Pandemie-Virus in entlegenere Gebiete kam. Das ist heute anders: Die Erreger reisen als Folge der Globalisierung mit Hochgeschwindigkeit. Dieses Rad können wir nicht zurückdrehen, außer wir würden die Welt wirklich lahmlegen.

sueddeutsche.de: Kann der leichtere Verlauf der Erkrankungen an Unterschieden im Immunsystem liegen? Sind die mexikanischen Bürger anfälliger für das Virus?

Löscher: Grundsätzlich eigentlich nicht. Das Immunsystem spielt bei normalen Grippe-Erkrankungen insofern eine Rolle, dass Menschen mit schwächerem Immunsystem - also vor allem ältere Menschen und abwehrgeschwächte Patienten - schwerer erkranken.

sueddeutsche.de: Warum erkranken dann an dem H1N1-Virus vor allem jüngere und gesunde Patienten?

Löscher: Bei einem relativ neuen Virus spielt das Immunsystem insofern eine Rolle, als dass das System solche oder ähnliche Viren noch nicht kennt. Es könnte sein, dass das H1N1-Schweinegrippe-Virus dem normalen, in den vergangenen Jahren in den USA verbreiteten H1N1-Grippevirus des Menschen mehr ähnelt, als dem in Mexiko. Und dass es deshalb in den USA so etwas wie eine Teil- oder Kreuz-Immunität gibt. Aber das ist Spekulation.

sueddeutsche.de: Ist die Auslösung des nationalen Gesundheitsalarms in den USA in einem so frühen Stadium eine übertriebene Maßnahme?

Löscher: Das ist eine schwierige gesundheitspolitische Frage. Man kann ja bei neuen Ereignissen wie dieser Grippe die weitere Entwicklung nicht vorhersehen. Wenn man übertriebene Maßnahmen ergreift, ist das kontraproduktiv - nichts zu tun, ist aber auch nicht richtig. Das weitere Vorgehen ist also immer von Tag zu Tag zu entscheiden.

sueddeutsche.de: Warum gibt es in Deutschland noch keine Reisewarnung für Mexiko?

Löscher: Es gibt natürlich Empfehlungen, dass man Kontakt zu Erkrankten und Menschenansammlungen meiden soll. Man beobachtet nun. Sollte eine pandemische Situation eintreten, dann werden Auswärtiges Amt und Robert-Koch-Institut wohl schon überlegen, ob man eine Reisewarnung ausspricht. Das ist eine gesundheitspolitische Entscheidung, bei der es auch unter Experten unterschiedliche Meinungen gibt.

sueddeutsche.de: Wann sprechen Sie von einer pandemischen Situation?

Löscher: Eine Pandemie ist definiert als eine erhöhte und andauernde Übertragung in der allgemeinen Bevölkerung in einem Ausmaß, das das öffentliche Leben maßgeblich beeinträchtigt. Heute wird der Begriff auch für eine Länder- und Kontinentübergreifende Ausbreitung verwendet.

sueddeutsche.de: Würde dann auch die Gefährdungssituation im Pandemieplan der Weltgesundheitsorganisation WHO eine Stufe nach oben gesetzt?

Löscher: Die WHO würde eine Höherstufung erst dann vornehmen, wenn in mehreren Ländern hohe Erkrankungszahlen vorliegen, wenn sich das Virus also deutlich verbreitet. Man muss berücksichtigen: Bei den Erkrankungen in Mexiko ist derzeit nur von einer kleinen Anzahl gesichert, dass sie tatsächlich auf dieses Virus zurückgehen.

sueddeutsche.de: Was würde das für Ihre Arbeit bedeuten?

Löscher: Wir würden dann hier die Vorbereitungen treffen, die dem nationalen und bayerischen Pandemieplan entsprechen. Jedes Krankenhaus hat auf dieser Grundlage seinen eigenen Detailplan, wie es auf eine solche Pandemie reagiert. Patienten würden zum Beispiel isoliert, damit die Krankenstationen nicht zu Drehscheiben werden, wie das jedes Jahr bei der Grippe mit den Arztpraxen der Fall ist.

sueddeutsche.de: Sind schon Patienten wegen der Angst vor der Schweinegrippe bei Ihnen gewesen?

Löscher: Ja, wir hatten heute schon Menschen hier, die gerade jetzt aus Mexiko zurückkommen und entweder gesund sind oder eine Erkältungskankheit haben, und die wissen wollen, wie sie sich verhalten sollten. Wir hatten aber noch keinen Fall, in dem wir gesagt hätten, das könnte die Schweinegrippe sein. Dazu gehörte Fieber und trockener Husten, die obligaten Symptome. Wir würden dann mit einem Schnelltest identifizieren, ob eine Influenzavirusinfektion vorliegt. Die genauere Bestimmung würde in Bayern das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit vornehmen.

sueddeutsche.de: Was raten Sie den Gesunden, die aus Mexiko zurückkommen?

Löscher: Denen können wir nur sagen, dass jetzt keine Gefahr von ihnen ausgeht. Selbst wenn sie sich angesteckt haben, können Sie in der Inkubationszeit das Virus noch nicht weitergeben. Das Virus hat eine kurze Inkubationszeit - sollten diese Personen innerhalb von vier, fünf Tagen tatsächlich akut erkranken mit hohem Fieber und Husten, dann sollen sie sich unverzüglich hier oder bei einer anderen ärztlichen Stelle vorstellen. Mehr kann man eigentlich nicht raten. Vorbeugend Grippemittel zu verschreiben, wird nicht empfohlen. Erkrankte sollen zu Hause bleiben, sofern sie nicht stationär aufgenommen werden müssen.

sueddeutsche.de: Kann man mit den Maßnahmen, die in den Pandemieplänen vorgesehen sind, eine Pandemie verhindern?

Löscher: Ehrlicherweise muss man sagen: Wenn das Virus die Potenz hat, sich pandemisch auszubreiten, kann man diese Ausbreitung wohl abmildern, aber nicht verhindern. Es sei denn man hat rasch einen gut wirkenden Impfstoff zur Verfügung. Ansonsten geht es nicht.

sueddeutsche.de: Weil es immer Lücken gibt?

Löscher: Weil das Virus dann so hochansteckend ist - und weil es ein Ereignis auf breiter Front ist.