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Schweinegrippe:Ein Impfstoff für Millionen

Die meisten Deutschen wollen sich nicht durch eine Impfung vor dem Schweinegrippe-Erreger schützen. Die Pharmakonzerne verdienen trotzdem prächtig.

Silke Bigalke

380.000 Hühnereier werden täglich ins Dresdener Serumwerk geliefert. Hier wird der Impfstoff hergestellt, der große Teile Europas vor dem H1N1-Virus, der Schweinegrippe, schützen soll. Die britische Firma Glaxo Smith Kline, kurz Glaxo, produziert auf Hochtouren.

Schweinegrippe-Impfung, Getty Images

Ertragreiche Spritze: Die Schweinegrippe-Impfung ist für die beteiligten Pharmakonzerne ein gutes Geschäft.

(Foto: Foto: Getty Images)

In den Eiern züchten die Mitarbeiter eine virushaltige Flüssigkeit. Mit Hilfe dieser "Virus-Suppe" wird der Impfstoff Pandemrix hergestellt. Produziert wird im Schichtbetrieb, 24 Stunden am Tag. Um den Bestellungen nachzukommen, wurde die Zahl der Mitarbeiter um 150 auf 850 erhöht. 300 bis 400 Millionen Impfdosen sollen bis Ende des Winters das Werk verlassen.

In Deutschland wird bislang fast ausschließlich mit Pandemrix geimpft. 50 Millionen Dosen haben Bund und Länder bereits im Juli bestellt. Insgesamt haben 22 Staaten etwa 440 Millionen Dosen bei Glaxo geordert. Impfstoff im Wert von rund 3,5 Milliarden Dollar, schätzen Analysten der US-Bank JP Morgan.

Glaxo ist nicht der einzige Pharmakonzern, der von der Schweinegrippe profitiert. Laut JP Morgan haben allein die europäischen Hersteller bis Anfang Oktober Aufträge im Wert von 5,2 Milliarden Dollar erhalten (Grafik). Allein in den vergangen drei Monaten sei zusätzlicher Impfstoff im Wert von mehr als zwei Milliarden Dollar geordert worden.

Und die Konzerne hätten nach Einschätzung der Analysten genug Kapazität, um weitere 1,2 Milliarden Dosen Impfstoff zu produzieren. Das entspräche einem Umsatz von rund 10,2 Milliarden Dollar.

In Europa sind neben Pandemrix von Glaxo auch Focetria von Novartis und Celvapan von Baxter zugelassen. Baxter stellt seinen Impfstoff im vergleichsweise kleinen Werk im tschechischen Bohumil her, das mit einer Produktion von 80 Millionen Dosen bereits ausgelastet ist.

Langfristige Lieferverträge

Die amerikanische Firma beliefert neben Staaten wie Großbritannien und Österreich auch die deutsche Bundeswehr. Ihr Impfstoff Celvapan enthält anders als andere Mittel weder Wirkverstärker noch Konservierungsstoffe. Die Bestellung der Bundeswehr hatte eine Diskussion um eine Zwei-Klassen-Behandlung in Deutschland ausgelöst.

Der Schweizer Hersteller Novartis schweigt bislang über seine Auftragszahlen. Bekannt ist nur, dass er 90 Millionen Dosen allein an die USA liefert. Im letzten Quartal 2009 möchte das Unternehmen 400 bis 700 Millionen Dollar mit H1N1-Impfstoffen umsetzen.

Die deutschen Bundesländer halten sich die Option offen, 18 Millionen zusätzliche Dosen bei Novartis einzukaufen. Bisher sieht es jedoch so aus, als würde der Impfstoff von Glaxo genügen.

Wie viele Menschen sich impfen lassen, kann den Konzernen egal sein, wenn sie langfristige Lieferverträge haben. Glaxo braucht es nicht zu kümmern, dass sich nur jeder fünfte Deutsche impfen lassen will. Wird der bestellte Impfstoff, der für etwa 60 Prozent der Bevölkerung reicht, nicht aufgebraucht, bleiben Bund und Länder auf den Kosten sitzen.

Konkurrenz für Tamiflu?

Bislang hat die Impfaktion in Deutschland zwischen 600 und 700 Millionen Euro gekostet, sagt Thomas Schulz, Sprecher des Thüringischen Gesundheitsministeriums, das der Gesundheitsminister-Konferenz vorsitzt. Der Impfstoff kostet pro Person zwischen acht und neun Euro, die komplette Impfung 28 Euro im Schnitt. Die Krankenkassen übernehmen Impfkosten bis zu einer Milliarde Euro. Alles was darüber hinaus geht, zahlen Bund und Länder.

Boris Augurzky, Leiter des Bereichs Gesundheit beim Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) findet es richtig, dass sich Unternehmen und Staaten das finanzielle Risiko für Entwicklung und Produktion des Impfstoffs teilen.

"Dass es so wenig Anbieter gibt, zeigt, dass die Investition in die Entwicklung hoch war", sagt er. Er findet es nicht schlimm, dass die Konzerne jetzt von der Pandemie profitieren. "Nur wer mit Impfstoffen Gewinn machen kann, investiert auch in deren Weiterentwicklung", sagt Augurzky.

Profit mit der Grippe machen auch Firmen, deren Produkt bislang keine EU-Zulassung hat. Bei Sanofi Pasteur von der Sanofi Aventis Gruppe seien Bestellungen im Wert von 722 Millionen Dollar eingegangen, schätzen die Analysten von JP Morgan. Derzeit arbeitet das französische Unternehmen an der Zulassung seines Impfstoffs Panenza in Europa.

Die Staaten decken sich nicht nur mit H1N1-Impfstoff ein. Auch antivirale Grippemittel haben Hochkonjunktur. In Europa sind das die Medikamente Relenza von Glaxo und Tamiflu von Roche aus der Schweiz. Roche erwartet dieses Jahr einen Umsatz von 2,7 Milliarden Franken mit Tamiflu, fast das Vierfache des Umsatzes von 2008.

Die neuen Impfstoffe sieht der Konzern nicht als Konkurrenz. Es könnte etwa passieren, dass das Virus mutiert, sagte eine Roche-Sprecherin. Falls die Impfstoffe dann nicht mehr wirken, helfe Tamiflu.

© SZ vom 29.10.2009/gal

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