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Schwangerschaft:Verstoß gegen die Europäische Menschenrechtskonvention

Dieser Absatz verstößt in den Augen der Strafrechtlerin Frommel gegen die Europäische Menschenrechtskonvention und das Recht auf reproduktive Freiheit. "Ich halte ein solches Informationsverbot für evident rechtswidrig", sagt sie. "Frauen müssen schließlich schon vor der Geburt und nicht erst danach familienplanend tätig sein." Dazu gehöre es auch, mit dem werdenden Vater Gespräche zu führen. Beide Elternteile müssen sich darüber klar werden, ob sie miteinander eine Familie gründen wollen, ob sie vielleicht in eine gemeinsame Wohnung ziehen werden und ob der Vater überhaupt für sein Kind da sein wird - fürsorgend oder zumindest finanziell.

Wie aber soll das gehen, wenn unklar ist, welcher Mann Vater wird? Und wie soll sich die Frau für einen Mann entscheiden, wenn sie eben keinem sein Kind entziehen und auch keinem ein Kuckuckskind unterschieben will, was schließlich für alle Beteiligten eine Lebenslüge bedeuten würde? "Die Frau muss schlicht aus lebenspraktischen Gründen wissen, wer der Vater ihres Kindes ist", sagt Monika Frommel. Andernfalls werde sie handlungsunfähig. Und Vaterschaft an sich, betont sie, sei schließlich keine Diskriminierung, die zu verhindern der eigentliche Zweck des Gendiagnostikgesetzes ist.

Dass der pränatale Vaterschaftstest aber zur Diskriminierung genutzt würde, befürchtete der Gesetzgeber. Seine Sorge war es, dass sich Mütter aufgrund der vorgeburtlichen Diagnostik gegen einzelne Kinder entscheiden. "Der Gesetzgeber möchte nicht mithelfen, dass im Zweifelsfall ein Kind getötet wird", sagt der Heidelberger Humangenetiker Claus Bartram, der die Politik bei der Entstehung des Gesetzes beraten hat. "Das wäre doch die Konsequenz, dass Frauen sagen: ,Von dem will ich das Kind nicht' und dann eine Abtreibung vornehmen lassen."

Doch in der Realität hat das Gendiagnostikgesetz womöglich das Gegenteil bewirkt: Weil den Frauen die Wissensgrundlage für ihre Lebensplanung entzogen ist, entscheiden sie sich Fachleuten zufolge oft für den Abort. Zwar weiß niemand, wie viele Frauen ihr Kind trotz ungeklärter Vaterschaft zur Welt bringen, ohne je eine Beratungsstelle aufzusuchen. Auch ist unklar, wie viele Frauen sich für eine Abtreibung entscheiden, ohne nach einem Vaterschaftstest zu fragen.

Die Erfahrungen von Gentestlabors und Beratungsstellen aber zeigen einen klaren Trend: "Die meisten Frauen entscheiden sich für den Abbruch, weil sie mit der seelischen Belastung nicht zurechtkommen, nicht zu wissen, von wem das Kind ist", sagt Annette Rethemeier von Pro Familia in Hamburg. Claus Waldenmaier vom Gentestlabor Genedia in München bestätigt: "Wenn die Frauen erfahren, dass der Vaterschaftstest während der Schwangerschaft verboten ist, kommt es in den allermeisten Fällen zur Panikabtreibung". Das Gesetz biete den Ungeborenen keinen Schutz, sagt er, "und den Frauen sowieso nicht."

Manche Betroffene haben Angst, ein Kind, das durch einen unüberlegten Seitensprung entstand, in ihre Ehe oder stabile Beziehung hineinzugebären. Diese Frauen würden sich womöglich auch dann für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden, wenn ihnen der Test erlaubt wäre und ihnen zeigte, dass das Kind "vom falschen Mann" ist. Die meisten aber wollen nach Claus Waldenmaiers Erfahrung vor allem wissen, mit welchem Mann sie reden müssen.

"Meistens wollen die Frauen ja das Kind", sagt er. Sonst würden sie gar nicht nach dem Test fragen. Von zehn Schwangeren, deren Kindsvater vor dem Erlass des Gendiagnostikgesetzes bei Genedia festgestellt wurde, bekamen acht das Baby. "Im Prinzip gehen die Frauen sehr ernst mit der Sache um", sagt Waldenmaier. "Das Gesetz würde also Abtreibungen verhindern, wenn es den pränatalen Vaterschaftstest zuließe."

Meist habe das Schicksal die Weichen ohnehin im Sinne der Frauen gestellt, erzählt Waldenmaiers Kollegin Hildegard Haas. "Elf von zwölf Frauen, die sich fragen, wer der Vater ihres Kindes ist, tragen das Kind von ihrem Wunschpartner in sich", sagt sie. "Es gibt keine exakte Erklärung für dieses Phänomen, aber die Psyche scheint bei der Empfängnis eine große Rolle zu spielen."

Der Abtreibungskonflikt entstehe erst durch das Testverbot, meint auch die Strafrechtlerin Frommel. Die Frauen wollten gar nicht unbedingt abtreiben, sie gerieten durch die ungeklärte Vaterschaft in Bedrängnis. "Nicht zu wissen, wer der Vater ist, ist eine Notlage", sagt Frommel. "Und die muss nicht sein." Denn wenn die Frauen mit beiden in Frage kommenden Vätern offen über die Situation sprechen, "sind meist beide Männer weg", sagt Eva Zattler, die als Beraterin bei Pro Familia in München mit solchen Konflikten zu tun hat. Auch deshalb "tendieren Frauen in dieser Situation dazu abzutreiben."