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Schutzvorschriften für Atomkraftwerke:Der finanzielle Druck auf die Branche wächst

Wenn die - rechtlich verbindliche, aber nicht einklagbare - Konvention also so geändert wird, dass auch alte Reaktoren an neuen Maßstäben gemessen werden, geraten die USA in Erklärungsnot. Für die Europäer hingegen wären die Pflichten des neuen Artikels leichter zu erfüllen. Die Staaten, die in der Euratom-Gemeinschaft zusammengeschlossen sind, haben sich diesen Juli eine neue Richtlinie gegeben, die den Vorschlägen der Schweizer ähnelt.

Auch der finanzielle Druck auf die Branche wächst mit dem Schweizer Vorstoß. Der Bau neuer Atomkraftwerke ist kaum ohne Subventionen zu stemmen. Eine Nachrüstungspflicht für Alt-Anlagen würde auch die Wirtschaftlichkeit vieler bestehender Atomkraftwerke infrage stellen -erst recht in Zeiten, da der Boom an billigem Erdgas die Wirtschaftlichkeit von Nuklearanlagen gefährdet.

"Atomkraftwerke bleiben immer gefährlich"

Aus Deutschland kommt Lob für die Schweizer Initiative: "Für die nukleare Sicherheit weltweit stellt der Vorschlag der Schweiz eine gute Grundlage für eine internationale Diskussion dar", erklärte das Bundesumweltministerium. Eine Nachrüstpflicht für alte AKW zu verankern sei ein erster wichtiger Schritt hin zu mehr Sicherheit im Atombereich, sagte auch Sylvia Kotting-Uhl, die atompolitische Sprecherin der Grünen. Nachrüstungen seien aber nur die zweitbeste Lösung. "Atomkraftwerke bleiben immer gefährlich."

Damit die Radioaktivität bei einem "schweren Unfall" zurückgehalten wird, lassen sich manche Sicherheitseinrichtungen nachrüsten. Notstromaggregate und Not-Kühlkreisläufe sollten etwa in mehrere, komplett unabhängige Stränge aufgetrennt sein, die keine gemeinsamen Bauteile oder Schwachstellen mehr haben. Sollte dennoch ein Reaktorkern außer Kontrolle geraten, müsste es die Möglichkeit geben, den Druck unter der Kuppel abzulassen, ohne große Mengen strahlender Isotope in die Umwelt zu blasen.

Nuclear Exhibit

Als Atomenergie noch ein sauberes Versprechen war: Schmückende Skulptur des US-Chemieunternehmens Union Carbide aus dem Jahr 1955.

(Foto: Three Lions/Getty Images)

Entsprechende Filtersysteme sind seit Jahrzehnten Standard, fehlten aber in Fukushima. Andere Sicherheitsvorkehrungen sind hingegen bei alten Reaktoren kaum nachzurüsten. Dazu gehören stärkere Betonkuppeln über den Druckbehältern, die auch dem Absturz großer Flugzeuge standhalten.

Es geht also um Handfestes beim Vorstoß der Schweizer in Wien. Dennoch wolle man nicht mit dem Kopf durch die Wand, versichert Botschafter Stalder. Wenn die USA eine bessere Idee für mehr Sicherheit hätten, sei man offen. "Unser Ziel ist es, dass am Ende alle mitmachen."

© SZ vom 12.11.2014/fued
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