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Schulunterricht:Ein Fach, das die Welt braucht

Mathematik ist bei Schülern entweder beliebt, oder das Fach ist zutiefst verhasst. Das mag an der Mathematik selbst liegen. Doch auch das Umfeld trägt entscheidend dazu bei, ob Kinder den Umgang mit Zahlen gut erlernen.

Von Miriam Hoffmeyer

Versteh ich nicht, braucht kein Mensch, hasse ich derartig: Kaum ein Fach weckt so starke negative Gefühle wie Mathematik. In der Grundschule kommen die meisten Kinder noch mit dem Fach zurecht. Doch sobald negative Zahlen, Bruchrechnung und geometrische Körper ins Spiel kommen, wächst der Mathefrust. Nach einer Studie der Stiftung Rechnen aus dem Jahr 2016 hat fast jedes zehnte Kind Angst vor dem Fach. Unter älteren Mädchen, die eine weiterführende Schule besuchten, lag dieser Anteil am höchsten: Jedes dritte gab an, sich vor Mathematik zu fürchten.

Doch bekanntlich hat jede Rechnung zwei Seiten. Nach einer anderen Studie - ebenfalls von der Stiftung Rechnen - ist Mathematik auch ein Lieblingsfach für viele, nach Sport am häufigsten genannt. An Zahlen, Formeln und Konstruktionen scheiden sich also die Geister. Könnte das an der Mathematik selbst liegen? Das Schöne und das Schwierige seien darin untrennbar verbunden, meint Birgit Schillinger, die seit 13 Jahren am Hebel-Gymnasium Schwetzingen Deutsch und Mathematik in allen Altersstufen unterrichtet. Es sei nun mal kompliziert, den Weg zum mathematischen Ziel - einer richtigen Antwort, einem Beweis - zu finden. "Und dann hat man auf einmal dieses Erfolgserlebnis. Das sehe ich bei meinen Schülern, die haben dann so ein Leuchten im Gesicht!" Das Problem sei, dass der Schulalltag zu wenig Raum für das Erlebnis mathematischen "Gipfelglücks" biete, meint die Lehrerin. Das liege an Stoffverdichtung, fehlenden Übungsphasen, zu heterogenen Klassen. Und nicht zuletzt an dem beliebten Elternsatz: "Ich war auch schlecht in Mathe." Birgit Schillinger würde diesen Satz am liebsten verbieten, so viel Schaden richte er an: "Das Kind spürt sofort, Zahlen sind nichts für mich." Überhaupt werde in der deutschen Gesellschaft gern damit kokettiert, von Mathe keine Ahnung zu haben. "In Asien oder Osteuropa ist das ganz anders."

Um ihre Schüler für Mathematik zu begeistern, setzt Schillinger darauf, das Fach auch sportlich zu sehen und den Spaß am Knobeln im Team zu fördern. Sie leitet drei Mathe-AGs, eine für jede Stufe, und motiviert die Teilnehmer, an Mathe-Wettbewerben teilzunehmen. Außerdem geht sie mit ihren Schülern regelmäßig zu den Ausstellungen und Veranstaltungen der Stiftung Heidelberg Laureate Forum (HLF).

Ein Ziel der Stiftung ist, das gesellschaftliche Bewusstsein für die Bedeutung von Mathematik und Informatik zu stärken. "Wir möchten zeigen, dass Mathematik nicht nur für Wissenschaftler, sondern für jedermann begreiflich ist, dass Mathematik interessant und nützlich ist, voll spannender Überraschungen steckt und wichtig ist für den technologischen Fortschritt und unseren Alltag", sagt Christiane Schirok vom HLF. Seit 2013 gibt es das "Filmfestival Mathematik und Informatik". Die "Science Notes", Abende mit kurzen Vorträgen von Wissenschaftlern plus Livemusik, stoßen auf großes Interesse: Alle 200 Karten für die Science Notes zum Thema Künstliche Intelligenz im Februar 2018 waren innerhalb weniger Minuten vergeben.

Seit 2017 hat die Stiftung ihre eigene Mathematik-Informatik-Station (MAINS) nahe dem Heidelberger Hauptbahnhof. "Matheliebe", die erste Ausstellung in dem neuen Gebäude, zog fast 4000 Besucher an, am 1. Oktober wird die nächste eröffnet: "Wurzeln der Mathematik". Beide Wanderausstellungen wurden vom Mathematikum in Gießen konzipiert, einem Mitmachmuseum, das seit 2002 darauf spezialisiert ist, mathematische Themen anschaulich und sinnlich erfahrbar zu präsentieren. "Wurzeln der Mathematik" geht der Frage nach, wann und warum Menschen unterschiedlicher Kulturen vor Tausenden Jahren angefangen haben, sich mit Zahlen und Mustern zu beschäftigen. Die Besucher können astronomische Beobachtungen nachvollziehen, das babylonische Stellenwertsystem kennenlernen oder uralte strategische Spiele spielen. Zu sehen sind auch Knotenschnüre, mit denen die Inka Zahlen bis zum Zehntausender-Bereich darstellten und addierten, um Daten über ihre Armee, Steuern oder Goldreserven zu notieren und zu verwalten.

Albrecht Beutelspacher, Gründer und Leiter des Mathematikums, ist überzeugt, dass man vom "Reichtum des Lebens" ausgehen müsse, um Schüler für die Gedankenwelt der Mathematik zu interessieren. "Ein gutes Beispiel dafür sind mathematische Stadtführungen. Deren Teilnehmer denken zum Beispiel darüber nach, ob ein Gebäude symmetrisch ist. Und plötzlich werden ihnen die Augen geöffnet für eine Art von Schönheit, die man nur mit Mathematik wahrnehmen kann." Dass wir alle ständig von Mathematik umgeben sind, kein elektronisches Gerät vom Navi bis zur Playstation ohne sie funktionieren würde, ist eigentlich selbstverständlich - sollte Schülern trotzdem immer wieder klargemacht werden, sagt Beutelspacher: "Dass Mathe mit unserer Welt zu tun hat, ist wichtig."

Auf den Praxisbezug setzt auch die moderne Mathematikdidaktik. Der Hass auf Mathe ist dadurch nicht verschwunden. Das könnte daran liegen, dass die neue Didaktik noch nicht komplett in den Schulen angekommen sei, meint Beutelspacher: "Das dauert viele Jahre. Fortbildungen für Lehrer sind ja nicht verpflichtend - und vielleicht gehen gerade diejenigen nicht hin, die es am nötigsten hätten."

Ein besonderes Problem ist die Tatsache, dass sehr viel mehr Jungen als Mädchen das Fach mögen. In Deutschland ist dieses Geschlechtergefälle stärker ausgeprägt als in vielen anderen Ländern. So stimmten in einer Studie der OECD von 2015 wesentlich mehr Mädchen als Jungen in Deutschland der Aussage zu, sie seien "einfach nicht gut in Mathe" - auch wenn ihre Leistungen genauso gut waren wie die der männlichen Mitschüler. Renate Motzer, Leiterin des Arbeitskreises Frauen und Mathematik der Gesellschaft für Didaktik der Mathematik, zweifelt an dieser Erklärung. Sie plädiert dafür, die Lehrpläne zu verschlanken, um mehr Zeit für Übung zu gewinnen. "Mädchen haben in Mathe oft ein großes Sicherheitsbedürfnis und würden sich gern länger mit einem Thema beschäftigen. Die Lehrpläne kommen eher den Wünschen der Jungen nach viel Abwechslung entgegen. Mehr Zeit zum Üben wäre aber für beide Geschlechter gut." Auch Birgit Schillinger bietet nun erstmals eine AG nur für Mädchen an. Und: Jedes Jahr lädt sie einen Teilnehmer des HLF ein. "Das sind immer ganz tolle Stunden", sagt sie. "Die Schüler erarbeiten Fragen auf Englisch. Und sie sehen, dass berühmte Mathematiker gar keine Nerds sein müssen!"

© SZ vom 27.09.2018
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