Corona:Testen statt Aussperren

Gymnasiasten in der Schule

Wichtig wäre, schon jetzt über Wege nachzudenken, die es Kindern und Jugendlichen möglich machen, trotz vierter Welle zur Schule zu gehen.

(Foto: Matthias Balk/dpa)

Eine nächste Corona-Welle im Herbst könnte dazu führen, dass trotz offener Schulen viele Kinder wieder zu Hause bleiben müssen - als Kontaktpersonen, obwohl sie selbst nicht infiziert sind. Mit intelligenten Strategien ließe sich das verhindern.

Kommentar von Christina Berndt

Stell dir vor, die Schulen sind offen, und keiner geht hin. Im Herbst könnten Eltern und Kinder das erleben. Denn dann wird es aller Voraussicht nach wieder eine beachtliche Welle an Corona-Infektionen geben, vor allem unter jungen, noch ungeimpften Menschen. Und Infizierte sowie deren Kontaktpersonen werden dann zu Hause bleiben müssen, es sei denn, sie sind geimpft.

Für Deutschlands Schüler und Schülerinnen kann das heißen: Nach zwei schlimmen Jahren gibt es endlich einen Winter, in dem es keiner wagt, die Schulen zu schließen - aber sie können trotzdem oft nicht hingehen. Immer wieder werden sie Kontaktperson sein. Immer wieder wird das heißen: zu Hause bleiben. Für manch ein Kind wird da eine erkleckliche Fehlzeit zusammenkommen.

Mit kreativen Strategien ließen sich viele durch die Pandemie bedingte Fehltage vermeiden

Der Blick nach Großbritannien sagt im Grunde alles. Dort liegt die Inzidenz schon jetzt bei 488. Zwar wurden dort am Freedom Day fast alle Maßnahmen abgeschafft. Aber noch gilt die Isolationspflicht für Infizierte und deren Kontakte. Deshalb gibt es jetzt in manchen Supermärkten niemanden mehr, der die Regale füllen könnte; der Müll wird nicht abgeholt, und in Krankenhäusern fehlt noch mehr Personal. Für die jungen Menschen im Land aber wiegen die Folgen besonders schwer: Mehr als eine Million Heranwachsende fehlten in der vergangenen Woche in England wegen Covid-19 im Unterricht - fast jeder sechste.

Das kann in Deutschland auch passieren, wenn sich bis zum Herbst zu wenige Menschen impfen lassen. Wichtig wäre es daher, schon jetzt über Wege nachzudenken, die es den Kindern und Jugendlichen möglich machen, trotz vierter Welle zur Schule zu gehen. Denn von jenen, die als Kontaktpersonen zu Hause bleiben, haben die allerwenigsten selbst Corona. In England bestätigte sich der Verdacht in mehr als 98 Prozent der Fälle nicht.

Eine Alternative zur Rundumschlag-Quarantäne könnte intensives Testen sein. Die Universität Oxford hat das gerade in einer Studie mit rund 200 englischen Sekundarschulen erprobt. An der Hälfte der Schulen blieben die Kontaktpersonen von Infizierten, wie es die offiziellen Regelungen verlangen, zehn Tage in Quarantäne. An der anderen Hälfte wurden sie jeden Morgen getestet (statt wie sonst zweimal pro Woche) und mussten nur nach Hause gehen, wenn bei ihnen eine Infektion festgestellt wurde.

Auch wenn die Studie nicht über alle statistischen Zweifel erhaben ist: Das Testen war offenbar ähnlich effektiv wie die Isolation, um neue Fälle zu verhindern. Denn in beiden Schulgruppen suchte sich das Coronavirus ähnlich viele neue Opfer. Zugleich aber ließen sich die Fehltage der Schüler auf diese Art um 17 bis 39 Prozent verringern. Der mögliche Nutzen könnte also immens sein, das Risiko erscheint klein. Solche und andere kreative Strategien müssen weiter erprobt und auch an deutschen Schulen genutzt werden. Denn oberste Priorität muss es haben, dass Kinder und Jugendliche nicht schon wieder aus den Schulen ausgesperrt werden. Das psychische Leid der jungen Generation ist bereits erschreckend groß.

© SZ
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