Zoologie Die geheimen Waffen der Schmetterlinge

Das liebliche Image täuscht. Falter und Raupen sind zu Erstaunlichem fähig: Zum Beispiel Fledermaus-Rufe zu imitieren oder Schnecken zu fressen.

Von Tina Baier

Im Reich der Insekten sind die Schmetterlinge mit die auffälligsten Wesen - und auch die vielfältigsten. Weltweit gibt es etwa 180 000 verschiedene Arten, mehr als 90 Prozent von ihnen sind Nachtfalter. Einer der größten Schmetterlinge ist mit einer Spannweite von 30 Zentimetern die Brasilianische Rieseneule, einer der kleinsten mit nur drei Millimetern Flügelspannweite die Zwergminiermotte. Die meisten Schmetterlinge leben nur wenige Tage. Aber alle haben erstaunliche Fähigkeiten.

Hören

Schmetterlinge gehören zu denjenigen Insekten, die Geräusche wahrnehmen können. Ihre "Ohren", die sogenannten Tympanalorgane, liegen in einer kleinen Grube im Brustbereich oder im Hinterleib. Sie sind einfach gebaut, bei manchen Arten bestehen sie nur aus einer einzigen Sinneszelle. Tagfalter hören damit wahrscheinlich das Rauschen heranfliegender Vögel, die sie fressen wollen.

Viele Nachtfalter hören sogar Töne extrem hoher Frequenzen im für Menschen nicht wahrnehmbaren Ultraschallbereich. Erkennen die Tiere die Ultraschallrufe ihrer ärgsten Feinde, der Fledermäuse, drehen sie ab oder gehen in einen Sturzflug über, was ihnen oft das Leben rettet. Manche Fledermäuse haben den Trick allerdings schon durchschaut. Sie flüstern auf der Jagd, sodass die Falter sie nicht mehr hören.

Rufen

Besonders raffiniert agieren Bärenspinner, die so heißen, weil ihre Raupen stark behaart sind. Die Tiere geben Ultraschallrufe von sich, die denen der Fledermäuse ähneln, verwirren ihre Feinde also durch eine Art Störsender. Noch durchtriebener ist die Gelbe Pfirsichmotte. Dieser Schmetterling imitiert den Ruf einer Fledermaus, um männliche Konkurrenten zu erschrecken und zu vertreiben. Dann lockt er mit einem anderen Ton Weibchen an und paart sich mit ihnen.

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Sehen

Wie alle Insekten haben Schmetterlinge Facettenaugen, die aus Hunderten bis Tausenden Einzelaugen, sogenannten Ommatidien bestehen. Bis zu 17 000 sind es auf jeder Seite. Scharfes, dreidimensionales Sehen wie mit den Linsenaugen etwa des Menschen ist damit nicht möglich. Dafür können Schmetterlinge schnelle Bewegungen besser erkennen.

Jedes ihrer Einzelaugen besteht am oberen Ende aus Hornhaut. Diese ist Teil einer Linse, die das Licht auf tiefer liegenden Sinneszellen bündelt. Da die Einzelaugen in einem Halbkreis angeordnet sind, nimmt jedes von ihnen Bilder aus einer etwas anderen Richtung auf. Diese fügt das Gehirn des Schmetterlings dann zu einem Mosaikbild zusammen, das allerdings ziemlich pixelig ist. Dafür können sich die Fotorezeptoren in den Schmetterlingsaugen besonders schnell wieder erholen, nachdem sie durch einen Lichtimpuls aktiviert worden sind. Aus diesem Grund können die Tiere zwei Reize auch dann noch als getrennt wahrnehmen, wenn sie sehr schnell aufeinanderfolgen. Würden Schmetterlinge Serien auf Netflix anschauen, sähen sie statt eines durchgehenden Films eine langsame Abfolge von Bildern.

Sehen

Viele Falter erkennen mehr Farben als Menschen, weil sie mehr verschiedene Typen von Fotorezeptoren haben. Jede dieser Sinneszellen ist für unterschiedliche Bereiche des Farbspektrums zuständig. Menschen haben drei Arten von Fotorezeptoren und können damit Millionen Farbtöne unterscheiden. Wie bunt muss die Welt dann erst für Schmetterlinge aussehen? Den Rekord hält der in Asien lebende Kolibrifalter Graphium sarpedon, bei dem Biologen 15 verschiedene Fotorezeptoren nachgewiesen haben.

Wozu der schwarz-türkise Schmetterling die alle braucht, ist noch nicht bekannt. Klar ist, dass das Tier UV-Licht sehen kann, das für Menschen unsichtbar ist. Das können aber viele andere Insekten auch. Um Bestäuber anzulocken, haben Pflanzen deshalb oft Blüten mit auffälligen UV-Mustern. Möglicherweise kann der Kolibrifalter mithilfe seiner vielen Fotorezeptoren auch polarisiertes Licht und schnelle Bewegungen erkennen. Zusätzlich zu ihren Facettenaugen haben manche Schmetterlinge zwei Einzelaugen, mit denen sie ihren Tag-Nacht-Rhythmus steuern.