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Schmerzforschung:Bessere Laune, weniger Leid

Antidepressiva und Psychotherapie können chronische Schmerzen effektiv lindern - vorausgesetzt, sie werden gut angepasst.

Schmerz drückt auf die Stimmung. Chronische Schmerzen können sogar depressiv machen. Bisher wissen Ärzte allerdings nicht genau, welches Leid das andere heftiger beeinflusst und warum in 30 bis 50 Prozent der Fälle Schmerzen und Depressionen gemeinsam auftreten. Nehmen Depressive ihre Schmerzen stärker wahr? Oder macht sie der Schmerz überhaupt erst trübsinnig?

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Ärzte aus den USA zeigen im Fachblatt Journal of the American Medical Association vom Mittwoch einen verblüffend einfachen Weg, um die Beschwerden zu mildern (Bd.301, S.2099, 2009). Mit einer besseren Anpassung der Medikamente und psychotherapeutischen Verfahren lassen sich beide Leiden, Schmerzen wie Depressionen, erheblich lindern. "Wir haben uns sehr gefreut, um wie viel besser es unseren Patienten ging", sagt Kurt Kroenke von der Indiana-Universität in Indianapolis, der die Studie geleitet hat. "Wir vermuten sogar, dass wir Schmerz und Depression noch besser in den Griff bekommen könnten."

Das Team um Kroenke untersuchte 250 Patienten, die sowohl an chronischen Rückenschmerzen, Arthrose in Hüfte oder Knie als auch an einer Depression litten. Die Hälfte der Patienten wurde wie bisher von ihren Ärzten betreut. Bei der anderen Gruppe wurden die Medikamente regelmäßig überprüft. Halfen die verordneten Antidepressiva nicht, wurde die Dosis verändert oder ein anderes Mittel probiert.

Zusätzlich bekamen die Patienten der zweiten Gruppe beigebracht, wie sie Schmerzen mental besser verarbeiten konnten. Sie lernten beispielsweise, in welchen Situationen der Schmerz besonders intensiv auftrat, wie sie ihre Muskeln dann entspannen konnten statt zu verkrampfen und auf welche Weise Atemübungen und feste Schlafgewohnheiten die Beschwerden linderten.

Die Erfolge waren deutlich. Bei nahezu 40 Prozent der Patienten verbesserten sich durch diese simplen Veränderungen die Symptome der Depression - in der Gruppe derer, die wie üblich weiterbehandelt wurden, waren es weniger als halb so viele. Auch die Schmerzen ließen durch die veränderte Therapie bei mehr als 41 Prozent der Teilnehmer nach. In der anderen Gruppe verspürten nur 17 Prozent eine Linderung.

"Depressionen zu behandeln müsste so sein wie die Therapie von Bluthochdruck. Da werden auch so lange die Medikamente probiert und angepasst, bis man weiß, was am besten hilft", sagt Kroenke. "Gegen Depressionen wird hingegen oft ein Medikament verschrieben und dieses Schema nicht mehr verändert. Die Schmerztherapie hinkt sowieso Jahrzehnte hinterher."

Schmerztherapeuten wissen, dass Antidepressiva nicht nur die Laune heben, sondern auch Schmerzen bei Menschen dämpfen können, die nicht depressiv sind. "Wer chronische Beschwerden hat, erlebt sie mal stärker als Schmerz, dann stärker als Depression oder Angst", sagt Peter Henningsen, Chef der Psychosomatik an der TU München. "Es ist daher naheliegend, diese Symptome zusammen anzugehen - und im Praxisalltag ist es wichtig, dass der Arzt bei Schmerzpatienten das Ausmaß ihrer Depressivität erfasst."

Weil die Hirnregionen, in denen Schmerzen und Gefühle verarbeitet werden, eng miteinander verknüpft sind, trägt bessere Stimmung dazu bei, körperliche Qualen weniger stark zu empfinden. Die Therapieforschung hat zudem gezeigt, dass im Gehirn ansetzende Behandlungen - ob medikamentös oder psychotherapeutisch - Patienten besser helfen als Pharmaka, die an Knochen oder Muskeln wirken.

"Für chronisch Kranke ist es wichtig, ihre Schmerzerwartung zu unterbrechen", sagt Carl Scheidt, Professor für Psychosomatik an der Universität Freiburg. "Schafft man es nicht, bleibt ein Teufelskreis bestehen: Dann sagt chronischer Schmerz weiteren chronischen Schmerz voraus." Die Patienten kommen dann selten in den Genuss zu erleben, wie schön es ist, wenn der Schmerz nachlässt.

© SZ vom 27.05.2009/beu
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