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Schmerz lass nach:Wie geht's dem Wurm am Haken?

Empfinden auch niedere Tiere wie Schnecken, Insekten und Würmer Schmerzen? Wissenschaftler versuchen sich erneut an einer Antwort.

Das Kaninchen quiekt. Mit starrem Blick und weit geöffneten Pupillen sucht es nach einem Ausweg: Es strampelt heftig. Urin rinnt plötzlich an seinen Hinterläufen entlang. Es besteht kein Zweifel: Das Tier hat Schmerzen.

Aufgespießte Wanderheuschrecke

Autsch! Das könnte dieser Wanderheuschrecke ganz schön wehgetan haben...

(Foto: Foto: ddp)

Der Regenwurm schreit nicht. Er hat nicht einmal Pupillen, die sich weiten könnten. Aber er windet sich, wenn der Angler ihn mit dem Haken durchbohrt. Angler-Tipp: den Wurm nicht ganz vorne aufpiksen, sondern ihn etwas weiter hinten zwei- bis dreimal durchstechen und das Ende herunterbaumeln lassen - dann zappelt der Köder länger und stärker. Was mag der Wurm dabei spüren?

Eine heikle Frage, die derzeit auch die Regierung in Oslo beschäftigt. Weil eine Reform des norwegischen Tierschutzgesetzes ansteht, wollte die Regierung auch wissen, wie es um die Schmerzwahrnehmung bei niederen Tieren steht - bei Würmern etwa, Schnecken oder Insekten.

Schließlich mehren sich die Hinweise, dass zumindest ursprüngliche Wirbeltiere wie Fische Schmerzen deutlich wahrnehmen können. Ihnen wurde das Schmerzempfinden bisher abgesprochen, weil ihrem Gehirn der Neokortex fehlt. Diese Hirnregion ermöglicht höheren Wirbeltieren wie dem Menschen eine bewusste Wahrnehmung. Ohne eine solche Wahrnehmung gibt es auch kein aktives Schmerzempfinden, so die These.

Doch vor zwei Jahren belegte Lynne Sneddon vom schottischen Roslin-Institut, dass Forellen gut mit Sinneszellen ausgerüstet sind, die den Schmerzrezeptoren höherer Wirbeltiere entsprechen. Auch ohne Neokortex reagierten die Fische auf Schmerzreize mit komplexen Verhaltensweisen: Wenn ihnen die Forscher Essigsäure in die Lippen spritzten, rieben die Tiere ihren Mund am Boden des Aquariums oder wiegten ihren Körper hin und her.

Bei diesen Reaktionen der Forellen könnte es sich um weit mehr als nur um einfache Reflexe handeln, gibt Sneddon zu bedenken - auch wenn die Tiere Schmerzen aufgrund ihrer einfacheren Hirnstruktur vermutlich ganz anders empfinden als Menschen.

Nervenkostüm des Regenwurms

Was aber Fischen letztlich weh tut und was nicht, darauf kennen auch Wissenschaftler keine abschließende Antwort. Sie können sie auch gar nicht kennen, denn Schmerz ist eine persönliche Erfahrung.

Forscher stoßen bei dem Versuch, den Schmerz von Tieren zu untersuchen, auf ein erkenntnistheoretisches Problem: Weil jedem Menschen nur die eigenen Gefühle direkt zugänglich sind, kann er gar nicht wissen, wie Tiere Schmerzen empfinden, und auch nicht, ob sie es tun. Schließlich kann niemand ins Nervenkostüm eines Regenwurms schlüpfen oder in die Gefühlswelt einer Forelle eintauchen.

Es gibt derzeit keine Methode, mit der sich Gefühle messen lassen. "Wir müssen ehrlich sein", sagt Randolf Menzel, Neurobiologe an der Freien Universität Berlin. "Es gibt hier einfach Probleme, die wir als Wissenschaftler nicht überwinden können."

Um dennoch wissenschaftlich mit dem Phänomen Schmerz bei Tieren umgehen zu können, stützen Forscher sich auf das, was eindeutig mess- und sichtbar ist. Bei Säugetieren, zu denen auch der Mensch gehört, gelingt das noch relativ gut. Stöhnen, Zähneknirschen, Aggressivität, Harnlassen und Koten sowie erhöhte Atem- und Herzfrequenz gelten als typische Zeichen von Schmerz bei Säugetieren. Dass Tiere wie Hunde, Katzen oder Schweine Schmerzen empfinden können, wird heute auch kaum bezweifelt.

Allerdings bleibt es für Wissenschaftler selbst hier schwierig, die Schmerzen zu erkennen.

Denn längst nicht alle Säugetiere zeigen ihren Schmerz. "Beutetiere äußern Schmerz häufig nicht sichtbar", sagt Jörg Hartung von der Tierärztlichen Hochschule Hannover. "Um dem Angreifer nicht aufzufallen, gliedern sich Schafe und Pferde so gut es geht in die Gruppe ein."

Eine Biene kann nicht stöhnen

Anzeichen für Schmerz würden oft erst durch physiologische Tests offenbar, etwa als erhöhte Herzfrequenz oder veränderte Hormonwerte.

Auch wenn Schmerz auf diese Weise zum messbaren Gefühl wird: Letztlich überträgt der Mensch nur per Analogieschluss eigene Erfahrungen auf die Tierwelt.

Das mag sinnvoll sein, wenn es um Tiere geht, die relativ nah mit dem Menschen verwandt sind. Je weiter er sich jedoch auf stammesgeschichtlicher Ebene entfernt, desto willkürlicher erscheinen die Schmerz-Kriterien: Eine Biene kann nicht stöhnen oder mit den Zähnen knirschen.

Ihr Nervensystem ist mit dem Zentralnervensystem der Wirbeltiere kaum zu vergleichen. Trotzdem hält der Neurobiologe Menzel, der selbst Lernvorgänge bei Bienen erforscht, den Analogieschluss zur Bewertung von Schmerzen für sinnvoll: "Ich denke, dass die Ähnlichkeit zum Menschen kein schlechtes Kriterium ist. Aus einem einfachen Grund: Uns steht gar kein anderes zur Verfügung."

Im gleichen Atemzug warnt Menzel jedoch vor dem Umkehrschluss: "Man muss sich hüten, davon auszugehen, dass der Wurm Schmerzen empfindet, nur weil er sich krümmt."

Aus wissenschaftlicher Sicht sei zu viel Empathie nicht angebracht, sagt auch Alexander Borst vom Max-Planck-Institut für Neurobiologie in Martinsried. Menschen unterschieden sich viel zu sehr von Tieren, um über das Schmerzempfinden von Tieren urteilen zu können: "Ein Insekt mit einem kaputten Bein läuft genauso wie vorher, ohne das Bein sichtbar zu schonen." Auch Heuschrecken fressen einfach weiter, während sie selbst von einer Gottesanbeterin verspeist werden.

Unbewusster Schmerz?

Solche Beobachtungen weisen darauf hin, dass vor allem Insekten einen Schmerz, wie ihn der Mensch kennt, nicht empfinden. Sie besitzen zwar Sinnesorgane, mit denen sie Schmerzreize wahrnehmen können. Doch vermutlich werden sich die meisten wirbellosen Tiere wegen ihrer einfachen Hirnstruktur keines Schmerzes bewusst - auch Regenwürmer und Insekten nicht.

Eine andere These vertritt der Berliner Neurobiologe Menzel. Seiner Ansicht nach ist Schmerz nicht abhängig vom Bewusstsein oder von der stammesgeschichtlichen Entwicklungsstufe. Für Menzel hat Schmerzempfinden etwas mit Identifikation zu tun. "Wenn Tiere sich als Individuum erfahren, dann können sie auch eine emotionale Komponente entwickeln - so etwas wie Schmerz", sagt Menzel.

Ein Oktopus sei dazu beispielsweise in der Lage. Die Arbeiterinnen eines Bienenvolks könnten sich dagegen nicht als Individuen erkennen. Dass Bienen Schmerzen empfinden, hält Menzel daher für eher unwahrscheinlich.

Auch wenn Zweifel bleiben: In Deutschland ist es grundsätzlich verboten, Tieren Schmerzen zuzufügen. Das Tierschutzgesetz folgt damit dem Analogieschluss. Strafrechtlich geschützt sind allerdings nur Wirbeltiere wie Fische, Lurche, Kriechtiere, Vögel und Säugetiere. Wirbellose Tiere wie Insekten, Spinnen und Schnecken bleiben außen vor.

Inzwischen müssen auch Versuche mit diesen Lebewesen nur noch gemeldet, aber nicht mehr genehmigt werden. Eine Sonderstellung nehmen bestimmte Tintenfische und hoch entwickelte Krebstiere wie der Hummer ein. Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass diese Tiere ein sehr hoch entwickeltes Nervensystem besitzen, das Schmerzempfinden möglich macht.

Kein Bußgeld für Kaulquappen-Killer

Im Vergleich zu den Tierschutzgesetzen anderer EU-Staaten gilt die deutsche Gesetzgebung als besonders differenziert. So dürfen deutsche Hobby-Angler keine kleinen Fische als Lebendköder benutzen - zappelnde Würmer am Haken sind dagegen erlaubt.

Hilflos wirkt die deutsche Gesetzgebung in einigen Bereichen trotzdem: Zum Beispiel zählen Kaulquappen, anders als ausgewachsene Frösche, nicht zu den Wirbeltieren. Deshalb macht sich ein Mensch nicht strafbar, wenn er das Wasser mit darin lebenden Kaulquappen aus seinem Gartenteich ablässt. Wer Frösche austrocknen lässt, dem droht hingegen ein Bußgeld.

Ganz glatt verläuft der Versuch der norwegischen Regierung, ein wissenschaftlich fundiertes Tierschutzgesetz zu erlassen, aber auch nicht. Zur Angelhaken-Frage ließ sie jüngst ein Fachgutachten erstellen. Das Ergebnis: Der Wurm zappelt vermutlich wegen angeborener Reflexe, nicht vor Schmerz. Irrtum aber nicht ausgeschlossen.