Schlangengift Tödlich und tödlicher

Die Grüne Buschviper (Atheris squamigera) ist in Zentralafrika verbreitet

(Foto: Benjamin Tapley)
  • Wie tödlich eine Schlange ist, hängt vor allem von ihrer Beute ab - aber auch von der Umgebung, in der sie lebt.
  • So lautet die Schlussfolgerung dreier Zoologen, nachdem sie mehr als hundert Giftschlangen untersucht haben.
  • Große Schlangen, die auf dem Boden leben, produzieren am meisten Gift.
Von Hanno Charisius

Es gibt Schlangen, die produzieren so viel Gift, dass sie damit Zehntausende Tiere töten könnten. Andere Schlangen haben dagegen nur winzige Mengen Toxin, die noch dazu nicht besonders gefährlich sind. Warum die Unterschiede so groß ausfallen, war bislang rätselhaft. Nun liefern drei Zoologen eine Erklärung: Wie tödlich eine Schlange ist, hängt vor allem von ihrer Beute ab - und von der Umgebung, in der sie lebt.

Das Trio um Kevin Healy von der National University of Ireland in Galway verglich Literaturangaben zu den Giften von 102 Schlangenarten, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen. Aus evolutionärer Perspektive ergebe dies durchaus Sinn, sagt Healy: "Im Meer leben keine Mäuse, also würde man auch nicht erwarten, dass Schlangen, die dort leben, Gift produzieren, das für Mäuse tödlicher ist als für Fische."

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Die produzierte Menge des Giftes hänge außerdem mit der Größe der Schlange zusammen, schreiben die Forscher in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts Ecology Letters. Große Schlangen, die auf dem Boden leben, produzieren am meisten Gift. Kleinere Baumbewohner oder Wasserschlangen lagern weniger Toxin in ihrem Giftapparat. Das habe auch damit zu tun, wie oft diese Arten jeweils auf Beute stoßen in ihren jeweiligen Lebensräumen.

Die am Boden lebende Weißlippenkobra transportiert im Durchschnitt 570 Milligramm ihres Gifts mit sich herum, während die eierfressende Seeschlange Emydocephalus annulatus gerade einmal 0,15 Milligramm gespeichert hat. Ähnlich stark unterscheiden sich die Gifte auch darin, wie tödlich sie sind. Manche wirken erst ab einem Gramm pro Kilogramm Körpergewicht tödlich. Mit solch einer Giftmenge kann der Vielbindenbungar, eine hauptsächlich in China lebende Giftnatterart, einige tausend Beutetiere erledigen, überwiegend andere Schlangen und Echsen, aber auch kleine Säugetiere.

Für die Wissenschaftler sind diese Erkenntnisse spannend, weil sie Rückschlüsse auf die Entstehungsgeschichte nicht nur der Schuppenechsen zulassen, sondern eben auch auf die Evolution der Gifte sowie die gemeinsame Entwicklung von Räubern und ihrer Beute. Aber auch ganz praktisch sollen die Resultate der Studie Menschen helfen, die von giftigen Schlangen gebissen wurden. Es gibt zwar keine gesicherten Zahlen, wie oft das tatsächlich passiert. Doch die Schätzungen reichen bis über zwei Millionen Bisse pro Jahr. Laut einer Studie aus dem Jahr 2008 sterben bis zu 94 000 Menschen jährlich an Schlangenbissen.

"Zu verstehen, wie sich die Gifte entwickelt haben, könnte uns helfen, Risiken zu erkennen, die von den verschiedenen Schlangenarten oder anderen giftigen Tieren ausgehen", sagt Chris Carbone vom Institute of Zoology in London, der an der Studie beteiligt war. Durch den systematischen Vergleich der Giftarten lassen sich nämlich auch Rückschlüsse auf bisher noch nicht so genau untersuchte Substanzen ziehen.

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