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Schlafmangel:Die ganze Nacht kein Auge zugemacht

Schlafentzug als Therapie

Überraschenderweise führt Schlafentzug für eine Nacht bei Menschen mit Depressionen häufig zu einer deutlichen Verbesserung der Krankheit - das gilt immerhin für 40 Prozent der Betroffenen. Überraschend ist dies deshalb, weil die meisten Menschen mit diesem Leiden sowieso schlecht schlafen.

Wieso es zu der Stimmungsaufhellung kommt, ist noch nicht geklärt. Auch hilft die Methode nur kurzfristig. Nach einem oder wenigen Tagen ist die lebensgefährliche Traurigkeit wieder da. Schlafentzug kann deshalb eine Therapie mit Medikamenten und anderen Behandlungsmethoden nur unterstützen.

Einen Schlafentzug ganz anderer Art erleben Menschen, die an Schlaflosigkeit (Insomnia) leiden - und das sind sehr viele. Bei bis zu 40 Prozent der Deutschen - vor allem bei Frauen und Älteren - kommt es gelegentlich zu Ein- und Durchschlafproblemen. Ausgelöst werden sie zum Beispiel durch Stress. Andere Ursachen sind äußere Faktoren wie Lärm oder Licht.

Darüber hinaus können Drogen wie Nikotin oder Alkohol den Schlaf beeinträchtigen, wobei ihre Wirkung sehr verschieden ist: Wer vor dem Schlafengehen raucht, findet langsamer ins Reich der Träume, wer dagegen trinkt, schläft schlechter. Diese Form der Schlaflosigkeit, die transiente Insomnie, vergeht jedoch in der Regel nach wenigen Tagen.

Ist der Stress jedoch groß, gibt es zum Beispiel berufliche Probleme oder Konflikte in der Familie, so kann der Schlaf über mehrere Wochen gestört sein (kurzfristige Insomnie).

Ohne Schlaf rundum geschwächt

Manche Menschen aber leiden an chronischer Insomnie: Sie schlafen fast jede Nacht schlecht. Wer länger als einen Monat darunter leidet, der sollte einen Arzt aufsuchen. Denn ungenügender Schlaf wirkt sich auf Dauer auch am Tage aus - und nicht nur auf die Psyche.

Vielmehr kann ein Schlafdefizit auch zu Diabetes, Übergewicht und Bluthochdruck führen, unser Immunsystem schwächen und uns sogar alt machen, wie etwa Eve Van Cauter von der University of Chicago herausgefunden hat. Langfristig sind bei Insomnia deshalb Medikamente oder eventuell eine Psychotherapie angesagt.

Wie viel Schlaf der Mensch braucht, ist übrigens individuell unterschiedlich - und bei jedem einzelnen offenbar auch flexibel. So gelten sieben bis acht Stunden als ausreichend. Vor der Erfindung der Glühbirne allerdings schlief der Mensch, je nach Jahreszeit und Region, vermutlich eher länger - viel länger, wenn man Dunkelheit und Schlaf mehr oder weniger gleichsetzt.

Allerdings gibt es Experimente, bei denen sich Langschläfer (acht Stunden) ohne Probleme an eine Sechs-Stunden-Nacht gewöhnten. Eine Verkürzung der Nachtruhe auf fünf Stunden erhöhte dagegen das Schlafbedürfnis am Tage. Andere Versuche zeigten jedoch, dass Menschen, die so lange schlafen dürfen, wie sie wollen, sich auf eine Nachtruhe von neun bis zehn Stunden einrichten.

Die allgemeine Übermüdung

Dafür, dass wir im Allgemeinen unter Übermüdung leiden, sprechen übrigens viele Katastrophen, die ihre Ursache in Schlafmangel gehabt haben sollen. Dazu zählen etwa der GAU von Tschernobyl, der Atomunfall von Three Mile Island, die Exxon-Valdez-Ölkatastrophe, die Explosion des Space Shuttles Challener, wie der Schlafforscher Stanley Coren von der Universität von British Columbia in Vancouver berichtet.

Dazu kommt, dass ein großer Teil aller Autounfälle durch übermüdete Fahrer verursacht wird.

Es scheint demnach keine gute Idee, seine Schlafenszeit mit Gewalt auf wenige Stunden zu reduzieren - auch wenn etwa ein Napoleon Bonaparte behauptet hat, ein Mann schlafe vier, eine Frau fünf und ein Idiot sechs Stunden.

Als ausgeschlafener Kaiser hätte er seinen Lebensabend vielleicht nicht auf Sankt Helena verbringen müssen.

© sueddeutsche.de
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