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Kommentar:Faustrecht im Weltall

Dr. Illinger, Patrick

Patrick Illinger leitet das Ressort Wissen der SZ. Als er 2004 über den damals vierten Sachstandsbericht des Weltklimarates berichtete, dachte er, die Vorgänge in der Erdatmosphäre müssten die Menschheit aufrütteln. Das denkt er auch noch heute.

Im Orbit geht es derzeit zu wie im Wilden Westen. Das geltende Weltraumrecht muss dringend modernisiert werden.

Von Patrick Illinger

Es fehlten nur wenige Meter, als Ende Januar zwei ausgediente Forschungssatelliten knapp aneinander vorbeirasten. Ein Crash hätte tonnenweise Weltraumschrott hinterlassen, der unkontrollierbar mit zigtausend Stundenkilometer um die Erde kreist. Einige Wochen zuvor waren zwei Raumfahrzeuge auf Kollisionskurs geraten, ein Wettersatellit der Esa und ein Satellit des Starlink-Netzwerks, das Tesla-Gründer Elon Musk derzeit im Weltraum platziert. Ein Zusammenstoß wurde nur vermieden, weil die Esa kurz vor dem Crash ein Ausweichmanöver veranlasste. Musks Unternehmen hatte ein Eingreifen verweigert.

Das Weltraumrecht ist ein Relikt des Kalten Krieges

Im Orbit gilt das Faustrecht. Es ist wie einst im Wilden Westen. Der Platz im All gehört jenen, die ihn sich als Erste nehmen und stärkere Nerven haben. Hinzu kommt, dass es keine Regeln für Ausweichmanöver, Unfallkosten und Abfall gibt. Das geltende Weltraumrecht stammt aus den 1960er-Jahren, ein Relikt des Kalten Krieges. Genauso gut hätte es Jules Verne verfassen können. Mit der Realität im Orbit hat es nichts mehr zu tun.

Dabei kreisen bisher nur gut 2000 aktive Satelliten um den Erdball. Doch schon in wenigen Jahren soll sich diese Zahl vervielfachen (siehe folgende Doppelseite). Allein Musks Starlink-Netzwerk soll mit 12 000 Satelliten das Internet in jede Weltgegend bringen. Für die Zulassung genügte eine Lizenz der US-Behörde für Radiofrequenzen FCC, berichtete kürzlich die Neue Zürcher Zeitung.

Schon die Regeln, aber insbesondere auch die Durchsetzung des 1967 gut gemeinten, von mehr als hundert Staaten unterzeichneten Weltraumvertrags sind unzulänglich. In Streitfällen gibt es keine klärende Instanz. Das zuständige UN-Gremium braucht Einstimmigkeit. Dieses ordnungspolitische Vakuum nutzen manche Staaten bereits, um ihre Volkswirtschaft anzukurbeln, darunter das als Weltraumnation wenig bekannte Luxemburg: Dort sind Firmen herzlich willkommen, die sich auf Rohstoffabbau im All spezialisieren.

Ein rücksichtsloser Wettlauf hat begonnen

Goldgräberstimmung ist also keine schräge Metapher, wenn es um die aktuellen Vorgänge im Weltraum geht. Während die Öffentlichkeit gebannt auf die spektakuläre bemannte Raumfahrt blickt, hat ein rücksichtsloser Wettlauf begonnen: um die Ressourcen im All, um Orbits, Funkfrequenzen, Rohstoffe und wer weiß, was noch kommt.

Es ist ein Schulbuchbeispiel für das aus der Volkswirtschaft und Verhaltenspsychologie bekannte Phänomen der "Tragödie der Gemeinschaftsgüter". Wo es ohne Regeln, ohne ordnende Hand und ohne Sanktionen etwas zu verteilen gibt, langt jeder zu, so schnell und rücksichtslos es geht. Am Ende jedoch, so fürchteten es schon die alten Gallier, könnte uns der Himmel auf den Kopf fallen.

© SZ vom 08.02.2020

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