Süddeutsche Zeitung

Artenschutz:Mit Chili auf Elefanten schießen

Lesezeit: 6 min

Elefanten im Maisfeld können lästig sein. Damit ein Zusammenleben mit den Tieren 
dennoch möglich ist, greifen die Menschen in Sambia zu Chili-Kanonen.

Reportage von Eva Gross

Die Nacht ist heiß und schwül. Beko Mumba sitzt auf dem hölzernen Wachturm unweit eines Feldes unter einem Moskitonetz und schaut in die dunkle Stille. Ihm entgeht kein Geräusch, er hört, wie sich das Gras bewegt, wie Äste zur Seite geschoben werden, ein leises Knacken. Nur schemenhaft erkennt er einen massigen, dunklen Körper weit hinten am Fluss.

Schnell weckt Beko die neben ihm dösenden Männer und ruft in die Dunkelheit: "Njovu" - das Wort für "Elefant" in Senga, eine der vielen Sprachen, die in Sambia gesprochen werden. Stimmen aus der Dunkelheit erwidern seinen Ruf. Plötzlich wird es betriebsam am Feldrand. Sechs Männer mit Taschenlampen, Stöcken und Metallgegenständen zum Trommeln bringen sich in Stellung.

Beko schultert seine Chili-Kanone und lädt sie mit einem der orangefarbenen Ping-Pong-Bälle, die er in der Tasche trägt. Er sprüht einen Stoß Insektenspray in ihren Tank, schraubt ihn wieder zu und bewegt sich in die Richtung, aus der er das leise Mampfen eines Elefanten hört. Sein Kollege Elias ist ihm dicht auf den Fersen. Auch er hat seine Chili-Kanone geladen und schussbereit. Nun müssen sich die Männer langsam an den Elefanten anschleichen und dürfen dabei keine weiteren Tiere übersehen. Sie haben Glück, die kleine Gruppe von drei Elefanten steht nahe des Flusses, in leicht überschaubarem Gelände.

Aus 30 Metern Entfernung feuert Beko seinen Schuss ab. Der Ping-Pong-Ball trifft das Leittier an der Schulter und zerplatzt. Zurück bleibt ein dunkler Fleck. Der Elefant zuckt, tastet mit seinem Rüssel nach dem Fleck, schüttelt den Kopf. Der Ball war mit einem selbst hergestellten Chili-Öl-Extrakt gefüllt, das den empfindlichen Rüssel des Elefanten stark reizt. Angewidert zieht sich der Elefant zurück. Nicht panisch, aber schnell. Die anderen beiden Elefanten folgen ihm. Der Plan der Männer ist aufgegangen.

Beko ist einer von 20 Chili-Schützen, die ich am Rande des Nord-Luangwa-Nationalparks in Sambia ausgebildet habe, um Mais- und Hirsefelder vor hungrigen Elefanten zu schützen. Zusammen mit Bauern, deren Felder oft von Elefanten heimgesucht werden, bewachen sie, sobald Mais oder Hirse zu reifen beginnen, die Grenze eines Farmblocks. Ziel ist es, die Elefanten effektiv von den Feldern fernzuhalten, ohne ihnen dabei Schaden zuzufügen.

Seit über zehn Jahren bin ich für verschiedene Naturschutzorganisationen tätig und begleite seither die Bauern im sambischen Luangwatal bei der Lösung von Konflikten mit Elefanten. Die Zoologische Gesellschaft Frankfurt (ZGF) hat es mit ihren Maßnahmen zum Wildtierschutz geschafft, die Wilderei auf Elefanten massiv zu reduzieren.

Das Jahr 2018 war das erste seit über einem Jahrzehnt, in dem kein gewilderter Elefant im Nord-Luangwa-Nationalpark verzeichnet wurde. Der Erfolg sind langsam steigende Zahlen der großen Dickhäuter. Diese machen nun jedoch vermehrt den Bauern am Rande des Nord-Luangwa-Nationalparks zu schaffen. Hier, in der Pufferzone des Nationalparks, leben Menschen und Wildtiere nämlich in direkter Nachbarschaft.

Die ZGF, unterstützt von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und der USAID, startete deshalb ein Projekt, das den Bauern bei der Absicherung ihrer Felder helfen und gleichzeitig dem Schutz der Elefanten dienen soll. Zusammen mit meinem sambischen Kollegen Billy Banda von Conservation South Luangwa habe ich im Rahmen dieses Projektes im letzten Jahr über 500 Bauern darin geschult, ihre Felder mit unterschiedlichen Techniken gegen Elefanten zu schützen. Dazu gehört, dass, bevor die Regenfälle im Dezember einsetzen, die Bauern Wachtürme an strategisch wichtigen Stellen entlang großer Felder bauen und Wachschichten organisieren. Die Chili-Patrouillen sollen die bäuerliche Initiative unterstützen: ein System, das sich bereits seit fünf Jahren in Süd-Luangwa bewährt hat.

Weniger Wilderei, mehr Konflikte

Ähnlich wie Wildschweine hierzulande verursachen Elefanten in afrikanischen und asiatischen Ländern große Schäden auf landwirtschaftlichen Flächen. Besonders am Rande von Nationalparks und anderen Schutzgebieten können Landwirte über Nacht eine gesamte Ernte verlieren, wenn die Elefanten unentdeckt bleiben oder sich nicht effektiv vertreiben lassen. Wenn dann die Unterstützung durch die Wildtier- oder Naturschutzbehörde ausbleibt, fühlen sich die Bauern ohnmächtig und vom Staat allein gelassen. Denn als vom Aussterben bedrohte Tierart genießt der Elefant den höchsten Schutzstatus und darf nicht, oder nur in extremen Ausnahmesituationen, gejagt werden. Wut und Unverständnis machten sich in den letzten Jahren bei der ländlichen Bevölkerung breit. Ein Bauer erklärte einmal, er hätte das Gefühl, das Leben der Elefanten sei den Behörden wichtiger als das der Landwirte.

Wenn die Ernte dann eingeholt wird, folgen die Elefanten dem Mais in die Dörfer. In traditionellen, aus Reisig geflochtenen großen Körben wird der Mais vor dem Haus aufbewahrt. Dies ist verführerisch für Elefanten, die die Maisspeicher massenhaft zerstören. Als die Dickhäuter in Süd-Luangwa schließlich begannen, auch die Häuser nach Futter abzusuchen und dabei zu zerstören, und so Familien in Angst und Schrecken versetzten, habe ich zusammen mit meinem Team vor Ort einen neuen, elefantensicheren Maisspeicher entwickelt. Der ist dem traditionellen Maisspeicher nachempfunden, doch besteht er aus einem festen Betonfundament und Betonblöcken. Nach der Ernte wird er mit getrockneten Maiskörnern gefüllt und versiegelt. Nur über eine kleine, verschließbare Tür am unteren Teil des Speichers lässt sich der Mais portionsweise entnehmen. Bisher wurden schon über 140 dieser Maisspeicher hergestellt, und noch hat es kein Elefant geschafft, einen von ihnen zu knacken.

Vor knapp zehn Jahren dann kamen im Luangwatal lokale Jäger auf die Idee, Chili anstatt Schrot in ihre Vorderladergewehre zu stopfen und damit auf Elefanten zu schießen, die auf den Feldern Mais fraßen. Der Effekt war erstaunlich. Die Elefanten nahmen Reißaus und ließen sich lange nicht mehr blicken. Doch die nächtlichen Chilischüsse waren nicht von Schüssen der Wilderer zu unterscheiden. Die Ranger verzeichneten in der Zeit einen Anstieg der Wilderei und eine Lösung musste her. Nach einer Testphase verwenden die Bauern heute Chili-Kanonen nach dem Vorbild einer Erfindung aus Simbabwe. Während meiner Tätigkeit bei der französischen Organisation Awely half ich, in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Darmstadt und dem Julius-Kühn-Institut in Dossenheim, diese weiter zu verbessern. Die Waffe lässt sich aus preiswerten Materialien vor Ort zusammenbauen und ist wartungsarm. Das Ganze besteht aus einem Brunnen-, einem Abwasserrohr und einem Piezozünder.

Damit das Abwehrsystem gegen Elefanten zuverlässig funktioniert, bedarf es einiger Logistik. Ausreichend Chili-Öl-Extrakt muss hergestellt und in Hunderte Ping-Pong-Bälle gefüllt werden, bevor die Saison beginnt. Die Wachschichten der Bauern müssen organisiert werden, die Chili-Patrouillen brauchen Stiefel und Regencapes. Notwendig ist auch ein Überwachungssystem. So lässt sich dokumentieren, wann und wo Elefanten vertrieben wurden und wie sie reagierten.

Im Oktober 2018 habe ich gemeinsam mit meinem sambischen Kollegen die neue Chili-Patrouille für Nord-Luangwa ausgebildet. Meist sind es erfahrene Jäger oder sogar Wilderer, die Chili-Schützen werden. Sie wissen, wie mit großen Wildtieren umzugehen ist und wie man sich nachts im Busch verhält.

In Süd-Luangwa sind die Bauern sehr zufrieden mit der Unterstützung durch die Chili-Patrouillen. Hier kamen im letzten Jahr 2500 Einsatztage zusammen, dabei wurden 900 Mal Elefanten von Feldern vertrieben. Zwar müssen die Bauern noch immer Wachdienste schieben, denn die Chili-Patrouillen werden nur dort eingesetzt, wo Bauern Eigeninitiative zur Bewachung zeigen. Doch sie sind nicht mehr allein und die Abwehr erfolgt nun strategisch und effektiv. Im letzten Jahr haben die Elefanten wesentlich weniger Schäden angerichtet, meint einer der Bauern, doch seine Ernte sei stark von der Trockenheit bedroht. Es bleibt abzuwarten, ob dieses Jahr in Nord-Luangwa ähnlich große Erfolge erzielt werden, wenn die Ernte im April oder Mai beginnt.

Kräuter gegen die Elefanten

Um langfristig ein friedliches Zusammenleben mit den großen Pflanzenfressern am Rande von Schutzgebieten zu ermöglichen, muss jedoch noch mehr getan werden. Für Elefanten hoch attraktive Feldfrüchte wie Mais oder Hirse mit nächtlichen Wachsystemen und Chili-Gewehren zu verteidigen, ist nicht nur arbeits- und kostenintensiv, sondern auch noch sehr gefährlich. Bei der Suche nach weiteren Strategien, um die Konflikte zwischen Menschen und Elefanten zu verringern, kam mir der Umstand zugute, dass mir Bauern immer wieder von einzelnen Nutzpflanzen erzählt haben, die nicht von Elefanten gefressen würden. Diese zu kultivieren und zu verkaufen könnte einträglicher sein, als dort den traditionellen Mais zu produzieren, wo Elefanten regelmäßig zu Besuch kommen und sich der Maisanbau kaum lohnt.

In Feldexperimenten konnte ich zeigen, dass Afrikanische und auch Asiatische Elefanten die Hauptnahrungspflanzen Mais und Reis bevorzugen und Heilkräuter wie Zitronengras, Kurkuma oder Kamille und Gewürzpflanzen wie Chili, Knoblauch oder Basilikum meiden. Der Grund liegt in den chemischen Inhaltsstoffen dieser Pflanzen, die für den Elefanten zwar verdaulich sind, aber im Stoffwechsel neutralisiert werden müssen. Für diese Entgiftung braucht das Tier viel Energie und es müsste noch mehr fressen. Als Nährstofflieferant sind diese Pflanzen für Elefanten deswegen nicht gewinnbringend. Gewinn bringen sie allerdings den Bauern, denn die Ernte wird gut bezahlt.

Vielleicht liegt darin der Schlüssel; die Elefanten mögen solche Pflanzen nicht fressen. Also sollte man den Bauern helfen, solche Pflanzen zu produzieren und zu vermarkten. In Süd-Luangwa bringt die Produktion von Chili, Zitronengras und Kurkuma einigen Hundert Bauern bereits sichere Einnahmen. Doch es ist ein weiter Weg, die Landwirtschaft grundsätzlich elefantenfreundlich umzustellen. Bis dahin werden die Chili-Patrouillen noch gebraucht.

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