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Artenschutz:Knapp ein Drittel der Säuger in Deutschland gilt als gefährdet

Eurasischer Luchs (Lynx lynx)

Als "vom Aussterben bedroht" wurde erstmals auch der Luchs eingestuft.

(Foto: Robert Günther; WWF/obs)

Auf der neuen Roten Liste der Säugetiere finden sich Arten vom Feldhasen bis zum Schweinswal: Um sie zu retten, sind nach Ansicht von Experten grundsätzliche Veränderungen vor allem in der Landwirtschaft nötig.

Von Carina Seeburg

Wenn Fischotter am Abend ihr Versteck verlassen, ist es bereits dunkel. Zumindest wäre es das, wenn der Mensch nicht wäre. Das Licht der Autos durchschneidet die Dunkelheit ebenso wie das Rauschen der Motoren die Ruhe der Nacht und das dichte Straßennetz die Landschaft. Ein Netz, das den Lebensraum von Wildtieren radikal begrenzt und in dem nachtaktive Arten oft verenden. Für den Fischotter ist der Verkehrstod die häufigste Todesursache, aber längst nicht die einzige menschengemachte Bedrohung, mit der das Tier zu kämpfen hat. Verschmutzte Gewässer, Jagd, Fischreusen. Die Gefahren sind vielfältig und haben dazu geführt, dass Deutschlands größte Marderart schon lange als gefährdet gilt. Durch gezielte Schutzmaßnahmen erholen sich die Bestände langsam. Eine glückliche Ausnahme, denn die Populationen vieler Säugetiere in Deutschland befinden sich in einem Abwärtstrend.

Knapp ein Drittel der heimischen Säugetiere sind in ihrem Bestand gefährdet, vom Feldhasen bis zum Schweinswal. Das ist das traurige, wenn auch nicht überraschende Ergebnis der aktuellen Roten Liste der Säugetiere, die das Bundesamt für Naturschutz (BfN) heute gemeinsam mit dem Rote-Liste-Zentrum (RLZ) vorgestellt hat. Für insgesamt 97 in Deutschland einheimische Säugetiere hat ein Expertenteam dafür in jahrelanger Arbeit den Gefährdungsstatus bewertet. "Die Arten gehen zurück, weil die menschliche Nutzung ihrer Lebensräume weiter zunimmt", sagt BfN-Präsidentin Beate Jessel. Mehr als die Hälfte der Säugetiere zeige einen negativen Bestandstrend in den vergangenen 150 Jahren.

Zugleich wurden 41 Prozent der Säugetiere aufgrund ihrer aktuellen Häufigkeit und räumlich begrenzten Vorkommen als selten bis extrem selten eingestuft. Dazu zählen Arten wie der Steinbock und der Iltis, dessen Bestände aktuell stark abnehmen und der erstmals als gefährdet eingestuft wurde. Als "vom Aussterben bedroht" wurden zudem erstmals auch der Luchs und der Zwergwal, der nur selten im deutschen Teil der Nordsee gesichtet wird, eingestuft.

Für Tiere und Pflanzen bleibt immer weniger Platz

"Um den Artenrückgang ernsthaft aufzuhalten, müssen wir an einer Reihe von Stellschrauben drehen", sagt Jessel, einzelne Artenschutzmaßnahmen würden hier nicht mehr ausreichen. "Wir brauchen auf breiter Fläche eine naturverträgliche Land- und Forstwirtschaft", sagt die BfN-Präsidentin mit Blick auf Pestizide, künstliche Dünger und fehlende Schutzräume zwischen Feldern, auf denen intensive Landwirtschaft betrieben wird. Gerade für mobile Arten müsse auch die durch Straßen, Schienen und intensive Landwirtschaft zerschnittenen Lebensräume wieder durchlässiger werden. Besonders schlimm setze der Natur zudem der immense Flächenverbrauch durch den Menschen zu. Denn in Deutschland werden täglich rund 60 Hektar Landschaft für Gewerbe, Verkehr und Wohnungsbau verbraucht. Straßen und Felder statt Wäldern und Wiesen: Für Tiere und Pflanzen bleibt immer weniger Platz. Damit sind wir kein Einzelfall: Weltweit sind nach dem im Mai in Paris veröffentlichten Bericht des Weltbiodiversitätsrates rund eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht, weil der Mensch ihre Lebensräume zerstört oder verändert.

Die Artenvielfalt auf dem Planeten verringert sich in einem rasanten Tempo. Von den Autoren der Roten Liste des BfN wurde daher auch die Verantwortung Deutschlands für den weltweiten Erhalt einzelner Arten eingeschätzt. Dabei wurden 16 Säugetiere ausgemacht, für die Deutschland eine besondere Verantwortung trägt, weil hierzulande ein bedeutender Anteil der Weltpopulation lebt oder die Arten weltweit gefährdet sind. Darunter die Alpenspitzmaus, der Feldhamster, dessen Situation sich seit der letzten Roten Liste 2009 noch einmal drastisch verschlechtert hat und einige Fledermausarten.

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