Rohrkolben als Bausubstanz Dämmstoff aus dem Schlamm

Aus den Blättern eines Sumpfgewächses lassen sich Bauplatten fertigen, die stabil sind und Wärmeverluste verringern. Die Pflanzen könnten in trockengelegten Mooren angebaut werden - das würde auch dem Klima helfen.

Von Andrea Hoferichter

Die Lieblingspflanze von Werner Theuerkorn gedeiht am besten im Morast. Der Architekt aus Postmünster mag Rohrkolben vor allem aus beruflichen Gründen.

"Rohrkolben sind das perfekte Baumaterial", sagt er. Die Blätter des Sumpfgewächses, das seinen Namen den zylindrischen Blütenständen verdankt, enthalten eine Mischung aus festen Fasern und schaumartigem Zellgewebe. Das macht sie stabil und wärmeisolierend zugleich. Öle, Wachse und Bitterstoffe schützen sie vor Wasser und Fäulnis. Außerdem vermehren sich Rohrkolben ausgesprochen schnell und produzieren leicht viermal so viel Biomasse wie ein Baum.

Gemeinsam mit Forschern des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik im oberbayrischen Valley hat Theuerkorn nun Bauplatten aus dem Pflanzenmaterial entwickelt, die aussehen wie grobe Spanplatten, aber deutlich leichter sind und dabei fast so gut dämmen wie übliche Mineralfasermatten. Sie vereinen also die Eigenschaften von zwei bisher getrennt verwendeten Baustoffen wie Holz und Steinwolle. "Mit dem Material können Sie sogar Balken oder Mauerwerk ersetzen", berichtet Theuerkorn.

Ökologische Vorteile haben Baustoffe aus Typha - so der lateinische Name für Rohrkolben - ohnehin. Schließlich sind sie aus einem nachwachsenden Rohstoff gefertigt und komplett kompostierbar, denn als einzigen Zusatzstoff enthalten sie das natürliche Mineral und Bindemittel Magnesit. Den Praxistest in einem Fachwerkhaus der Nürnberger Altstadt haben die Typhaplatten im Rahmen eines von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) geförderten Projekts bereits bestanden.

Die Produktion ist einfach: Kreismesser spalten die bis zu drei Meter langen Rohrkolbenblätter in drei Millimeter dünne Stränge, die auf sieben Zentimeter gekürzt und mit Magnesit verpresst werden. Zwar sind die aktuellen Produktionskosten von 500 Euro je Kubikmeter noch hoch, doch Theuerkorn ist optimistisch. "Werden die Platten erst industriell hergestellt, können die Kosten auf unter 200 Euro sinken", schätzt er. Dann wäre das Typhamaterial billiger als Ziegel oder gedämmte Holzwände. Einen Industriepartner müssen die Ingenieure allerdings noch finden.

"Einer muss erstmal zeigen, dass es geht"

Auch das österreichische Unternehmen Naporo will Baustoffe aus Rohrkolben vermarkten. Es setzt dabei allerdings nicht auf Platten, sondern auf weiche Dämmmatten und Einblasstoffe. Dafür werden die Rohrkolbenblätter zermahlen und bei 150 Grad Celsius mit Polyesterfasern oder Maisstärke gemischt. In etwa anderthalb Jahren soll die Zulassung als Baustoff vorliegen. Naporo ist zudem an einem UN-Projekt in Senegal beteiligt, das gerade anläuft. Am Senegal-Fluss gilt Typha als Unkraut, weil es immer wieder den Zugang zum Wasser zuwuchert. Das Projekt soll nun lokalen Betrieben helfen, die tonnenweise anfallenden Rohrkolben in nützliche Brenn- und Dämmstoffe zu verwandeln.

Von einem solchen Rohrkolbenüberschuss kann man in Deutschland nur träumen. Selbst die eher kleinen Mengen für das DBU-Projekt und die Naporo-Prototypen mussten aus dem Donaudelta in Rumänien importiert werden. "Der ungesicherte Materialnachschub ist ein Grund dafür, dass sich Typha als Baumaterial bisher nicht durchsetzen konnte", vermutet der Architekt Theuerkorn. Dabei könnten Rohrkolbenplantagen hierzulande beim Klimaschutz helfen, vor allem wenn sie auf ehemaligen Moorflächen angepflanzt werden, die einst für landwirtschaftliche Zwecke trockengelegt wurden und nun renaturiert werden. Diese Flächen setzen bisher große Mengen Treibhausgase frei, denn der im Torf gespeicherte Kohlenstoff reagiert mit Luftsauerstoff zu Kohlendioxid.

"Trockengelegte Moore haben mit fünf bis sechs Prozent einen erheblichen Anteil an den weltweiten jährlichen Kohlendioxidemissionen", bestätigt Christian Schröder von der Universität Greifswald. In den moorreichen Bundesländern Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Brandenburg und Bayern liegt der Anteil etwa bei zehn, in Mecklenburg-Vorpommern sogar bei fast 30 Prozent der Emissionen. Würden Rohrkolben auf den wiederbewässerten Moorflächen angebaut, könnten je Hektar 15 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr eingespart werden - mehr, als ein Durchschnittsdeutscher im gleichen Zeitraum produziert. Der Rohrkolbenanbau in deutschen Mooren wird deshalb auch vom bundeseigenen Thünen-Institut empfohlen.

"Mit den Baustoffprodukten kann sich der Umstieg auf Rohrkolben sogar rechnen", sagt Schröder. Doch die Landwirte sind skeptisch. Sie fürchten, Beihilfen zu verlieren, denn Rohrkolbenfelder gelten nicht als landwirtschaftlich genutzte Flächen. Die Umstellung kann zudem mehrere Jahre dauern, und vom Wirtschaften mit nassen Böden haben viele keine Ahnung. Schröder hofft deshalb nicht nur auf agrarpolitische Anreize, sondern auch auf einen mutigen Pionier. "Wie bei vielen großen Veränderungen", sagt er, "muss erst mal einer zeigen, dass es geht."