Riskante Forschung Die dunkle Seite der Spitzentechnologie

Fukushima, Deepwater Horizon, Bhopal - vielleicht haben Forscher und Entwickler sich zu sehr von ihrer Entdeckerlust hinreißen lassen in der Annahme, alles Neue werde sich schon irgendwie beherrschen lassen. Jetzt duldet die Entwicklung eines weltweit vorausschauenden Krisenmanagements keinen Aufschub mehr.

Eine Außenansicht von Dietrich Grönemeyer

Jeder Wissenschaftler, jeder Ingenieur kennt das Glücksgefühl, das einen überwältigt, wenn es gelungen ist, etwas Neues zu entdecken, eine bislang unbekannte Gesetzmäßigkeit, einen neuen Rohstoff, ein Verfahren, eine Methode, irgendetwas, von dem wir glauben, dass es unser Leben verbessert.

Am 14. März zerstört eine Explosion den Reaktorblock 3 des Atomkraftwerks Fukushima-1. Immer wieder kommt es zu furchtbaren Katastrophen, auf die niemand vorbereitet ist.

(Foto: AFP)

Immer weiter hat uns diese Begeisterungsfähigkeit der Forscher vorangebracht. Ohne sie gäbe es keine Herzschrittmacher und keine Satelliten; es wäre sehr viel schlechter um unser Leben bestellt. Mögen die Fortschrittsskeptiker sagen, was sie wollen, ohne die Lust an der Entdeckung, ohne diesen Drang nach Neuem säßen wir heute noch am Lagerfeuer.

Und dennoch, obwohl wir beispielsweise der Entdeckung des Erdöls so unendlich viel zu verdanken haben, beinahe unseren ganzen Luxus, von der Energieversorgung bis zur modernen Kleidung, merken wir, dass es so nicht weitergehen kann.

Bedrohlich drängt sich die Frage auf, ob wir uns womöglich zu sehr von unserer Entdeckerlust haben hinreißen lassen, als wir das Vertraute und Beherrschbare immer wieder durch Neues ersetzt haben, von dem wir annahmen, dass es sich dann auch schon irgendwie werde beherrschen lassen: Holz und Kohle durch Erdöl und Erdgas und diese dann wiederum durch die Atomenergie.

Keine Frage, die Warnsignale strahlen deutlicher denn je, im wahrsten Sinne des Wortes. Müssen wir uns also an die Kette legen und unseren Forscherehrgeiz bezähmen?

An Romantikern, die sich das vorstellen könnten, fehlt es nicht. Wer ihnen folgen wollte, würde aber vom Regen in die Traufe geraten. Denn erstens lässt sich das menschliche Wesen nicht einfach ideologisch umgestalten. Der Erkenntnisdrang ist uns angeboren. Wer ihn unterdrücken wollte, erzeugte einen Überdruck, von dem zu befürchten wäre, dass er sich in politischen Experimenten entlädt, die unsere Freiheit bedrohen würden. An Beispielen dafür fehlt es in der Geschichte nicht.

Und zweitens würden wir uns damit nur noch mehr in Gefahr bringen. Sind wir doch gerade jetzt, angesichts der sich häufenden Katastrophen, darauf angewiesen, das Potential des menschlichen Wissens und Erkenntniswillens nach Kräften auszuschöpfen.

Nicht der Fortschritt an sich wird durch Ereignisse wie die Explosion der Bohrinsel Deepwater Horizon, die Chemiekatastrophe von Bhopal oder den Reaktorunfall in Japan in Frage gestellt, sondern die einseitige Ausrichtung unserer Entwicklungsanstrengungen.

Ich meine jene Blauäugigkeit, mit der wir wieder und wieder davon ausgehen, dass das Neue, kaum dass wir es erfolgreich ausprobiert haben, schon irgendwie gut gehen wird. Mit großem Eifer arbeiten wir an der Effizienz von Verfahren. An die Möglichkeit von Störfällen denken wir lieber nicht, davon wollen wir uns nicht die Freude über den Fortschritt verderben lassen.

Die nötigen Sicherheitskonzepte werden immer erst in der Not, kaum aber vorausschauend entwickelt. Die Forscher fühlen sich nicht für den wirtschaftlichen Erfolg oder Misserfolg ihrer Arbeit zuständig, die Unternehmer nicht für die technologischen Fehler.

An diesem Punkt vor allem müssen wir nach den jüngsten Erfahrungen von Grund auf umdenken. Können wir doch ganz einfach nicht mehr davon ausgehen, dass sich der Krisenfall schon irgendwie wird schaukeln lassen und dass ein paar verwegene Burschen das Ganze wieder in den Griff bekommen.

Die Zeiten eins Red Adair, des legendären Feuerwehrmanns der Ölindustrie, sind endgültig vorbei. Die Sicherheit, die wir heute brauchen, ist eine Frage der Hochtechnologie. Ihre Entwicklung sollte Teil der Grundlagenforschung sein, und zwar in einem internationalen Verbund der Wissenschaft und Ingenieurskunst. Denn infolge des weltweit steigenden Energiebedarfs sind mittlerweile Anlagen entstanden, die Schäden anrichten, von denen man noch gar nicht absehen kann, in welchem Ausmaß sie die ganze Welt in Mitleidenschaft ziehen.

Kaum ist die Katastrophe von Fukushima in der Berichterstattung durch neue Ereignisse wie die Euro-Krise verdrängt worden, berührt sie außer den direkt Betroffenen nur noch wenige. Doch Generationen von Lebewesen werden vermutlich noch Folgen spüren, die wir uns selbst in unseren kühnsten Träumen bisher nicht haben ausdenken können. Dennoch tun wir bereits wieder so, als ginge uns das ferne Unglück nichts mehr an.

Aber Japan allein wird es nicht richten. Wer darauf hofft, unterliegt genauso wie bei Tschernobyl einem tragischen Trugschluss. Erst heute, 25 Jahre nach der Katastrophe, scheint die Finanzierung eines Sarkophags durch die Weltgemeinschaft endlich möglich.

Noch eine Vielzahl solcher Schutzhüllen wird aber nicht nur dort in den nächsten zigtausend Jahren benötigt werden, da Strahlung bekanntlich Materialien schnell brüchig werden lässt. Dies muss schon heute vorsorglich bedacht werden - auch für künftige Unglücke ähnlicher Art. Entsprechende Finanzrücklagen wären zu bilden. Wer glaubt, eine "Augen zu und durch"- Mentalität könne Leben bewahren und Geschäfte weiter blühen lassen, wird gerade eines Besseren belehrt.