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Zoologie:Der Biss der Ringelwühle

Ringelwühle

Die Ringelwühle wirkt wie eine Schlange, ist aber ein Amphibium. Und die haben eigentlich keine Zähne.

(Foto: Carlos Jared)

Amphibien haben normalerweise keine Giftzähne. Siphonops annulatus dagegen schon. Und das ist nicht die einzige unangenehme Eigenschaft des Tieres.

Von Tina Baier

Die Ringelwühle Siphonops annulatus sieht aus wie ein riesiger Regenwurm. Auch für eine kleine Schlange könnte man das bis zu 40 Zentimeter lange Tier auf den ersten Blick halten. In Wahrheit ist die Ringelwühle keines von beidem. Siphonops gehört wie Frösche, Kröten und Salamander zu den Amphibien. Doch im Unterschied zu den meisten ihrer Verwandten ist sie alles andere als harmlos.

Das Maul der Ringelwühle, die in Südamerika östlich der Anden lebt, ist voller Giftdrüsen, wie US-amerikanische Biologen herausgefunden haben. Sowohl im Unter- als auch im Oberkiefer münden die Drüsen in Zähne. Die Wissenschaftler gehen deshalb davon aus, dass das Gift der Ringelwühle dieselbe Funktion hat wie das von Schlangen, die es beim Zubeißen injizieren und dadurch ihre Beute oder auch Angreifer töten oder zumindest schwächen. "Viele Amphibien lagern eklige, giftige Sekrete in ihrer Haut, um Feinde abzuschrecken", sagt Edmund Brodie von der Utah State University, der an der Studie beteiligt war. Doch ein Amphibium, das wie eine Schlange zubeißt und seine Gegner vergiftet, war bisher nicht bekannt.

Junge Ringelwühlen sind Kannibalen, die sich von der Haut ihrer Mutter ernähren

Die Entdeckung, über die Brodie zusammen mit Kollegen des Butantan-Instituts im brasilianischen São Paulo in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsjournals iScience berichtet, fügt den vielen gruseligen Eigenschaften der blinden Ringelwühle nun eine weitere hinzu. Erst kürzlich hatte das Team herausgefunden, dass die Amphibien an beiden Enden ihres Körpers Schleim absondern. Das Sekret am Vorderende ist dazu da, das Tier bei Gefahr glitschiger zu machen, sodass es sich schneller in den Boden bohren und in Sicherheit bringen kann. Der Schleim am Hinterende ist giftig und dient der Ringelwühle als chemische Waffe, die Verfolger davon abhält, ihr in den Untergrund zu folgen.

Schon länger weiß man, dass junge Ringelwühlen Kannibalen sind, die sich von der Haut ihrer Mutter ernähren. Mit ihrem Maul reißen sie Stücke ab und verschlingen sie. Die Haut, die viele Fette und Proteine enthält, regeneriert sich und wird dann erneut abgefressen. Zwei Monate muss die Mutter durchhalten. In dieser Zeit wird sie von acht bis 16 Jungtieren zweimal die Woche bei lebendigem Leib gehäutet. Wenn die Jungen den Bau verlassen, bleibt sie ausgemergelt zurück und braucht etwa zwei Jahre, um sich zu erholen. Erst dann kann sie erneut Nachwuchs bekommen - und tut es trotz der Tortur auch.

Ringelwühlen sind urtümliche Tiere, die seit 250 Millionen Jahren auf der Erde leben. Schlangen, die zu den Reptilien gehören, entstanden dagegen erst vor ungefähr 100 Millionen Jahren. Dass beide Tiere einen ähnlichen Körperbau haben und offensichtlich unabhängig voneinander im Lauf der Evolution Giftzähne entwickelten, lässt die Forscher einen Zusammenhang vermuten. "Sowohl Schlangen als auch Ringelwühlen haben lediglich ihren Kopf, um die Umgebung zu erforschen, zu kämpfen, zu essen und zu töten", sagt die brasilianische Evolutionsbiologin Marta Maria Antoniazzi, die ebenfalls an der Studie beteiligt war. Es sei deshalb möglich, dass ein Körperbau ohne Gliedmaßen zur Erfindung des Gifts beigetragen habe.

© SZ
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