Mehrere Tausend Meter unter dem Meeresspiegel gibt es eine Welt, die so absurd und bizarr ist, dass man glauben möchte, sie läge in einer fernen Galaxie. Es ist die Welt der Vampir-Tintenfische mit leuchtenden Organen, der Dumbo-Oktopusse, die mit Elefantenohren durch das Wasser schweben, der Röhrenaugen-Fische, deren Augen im Inneren ihres durchsichtigen Schädels liegen. Hier leben Zombie-Würmer, die weder Augen noch Mund haben, aber dennoch Knochen von Walkadavern auf dem Meeresboden verspeisen. Und Riesenshrimps, die so groß wie Kaninchen werden.
Nur selten verirren sich solche Kreaturen der Tiefe in menschliche Gefilde, deshalb gelten sie als selten. Nun aber deutet eine Studie darauf hin, dass zumindest die Riesenshrimps weit häufiger sein könnten als angenommen. Laut einer Forschergruppe um die Meeresbiologin Paige Maroni von der University of Western Australia bewohnen die Tiere der Art Alicella gigantea Meerestiefen zwischen 3890 und 8931 Metern im Pazifik, Atlantik und im Indischen Ozean, und damit 59 Prozent der Ozeanböden.

Dass sie bisher so selten gefunden wurden, liegt daran, dass Expeditionen in diese Tiefen extrem schwierig sind. In der Fachsprache nennt man sie Abyssal- und Hadal-Zonen, abgeleitet von den altgriechischen Vokabeln ábyssos und hádēs, die so viel bedeuten wie „Höllenschlund“ und „Unterwelt“. Kein Sonnenstrahl gelangt dorthin, die Temperaturen liegen nur wenige Grad Celsius über dem Gefrierpunkt, und der Druck ist so hoch, dass ein Mensch dort sofort zerquetscht würde. Doch die albinoweißen Riesenshrimps fühlen sich hier wohl. Sie ernähren sich von „marinem Schnee“, also toten Fischen, Quallen, Holz oder sogar Walen, die zum Meeresboden sinken. „Um dorthin zu gelangen, braucht man riesige finanzielle Mittel, hoch spezialisierte Ausrüstung und wochen- oder sogar monatelange Expeditionen auf See, weit entfernt von jeglichem Festland“, so Maroni.
Schätzungen zufolge leben in der Finsternis bis zu 1,6 Millionen bislang unentdeckte Arten
Mit ihren Kollegen untersuchte die Meeresbiologin nun 195 bisher registrierte Funde von Alicella gigantea an 75 Fundorten auf der Welt. Sie sequenzierten Genproben und analysierten, ob es sich bei all den Funden tatsächlich um die gleiche Art handelte. Und tatsächlich: Die Gencodes der verschiedenen Monstershrimps waren durchweg fast identisch, obwohl die Fundorte mehrere Tausend Kilometer voneinander entfernt liegen.
„Diese Erkenntnis bestätigt, dass der Superriesen-Amphipode alles andere als ‚selten‘ ist – vielmehr handelt es sich um eine einzelne, weltweit verbreitete Art mit einem außergewöhnlich weiten Verbreitungsgebiet in der Tiefsee“, schreiben die Autoren. Doch die seltsamen Wesen geben weitere Rätsel auf. Wie genau gelingt es ihnen, in der Tiefe zu überleben? Wie passen sie in die Nahrungskette der Tiefsee? Und woher kommen sie?
„Jede neue Art, die wir erforschen, eröffnet uns ein Fenster in die enorme, oft verborgene Biodiversität des größten Ökosystems unseres Planeten“, erklärt Maroni. „Solche Erkenntnisse deuten darauf hin, dass die Tiefsee biologisch vernetzter und artenreicher sein könnte, als wir je vermutet haben. Dort unten warten noch unzählige Geschichten darauf, erzählt zu werden.“ Nun wollen die Meeresbiologen weitere, umfangreiche genetische Untersuchungen starten, um die Rätsel der Tiefe zu lösen. Klar ist, dass in den Untiefen des Ozeans noch viele weitere Lebewesen existieren, die bislang nicht bekannt sind. Zwar wurden bereits mehr als 190 000 Meeresarten wissenschaftlich beschrieben. Doch Schätzungen zufolge könnten bis zu 1,6 Millionen weitere noch auf ihre Entdeckung warten. Einige davon dürften ziemlich seltsam aussehen.

