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Restrisiko der Atomkraftwerke:Eine Frage des Geldes

Am Ende ist Sicherheit auch eine Frage des Geldes. "Man kann sich theoretisch bestimmt vorstellen, einen Druckwasserreaktor inhärent sicher zu bauen, aber dann hat er jegliche Wirtschaftlichkeit verloren", sagt Hans-Josef Allelein, Professor für Reaktorsicherheit an der Technischen Hochschule Aachen. Das ist kein technokratisches Argument, es geht Allelein nicht darum, die Sicherheit der Menschen gegen die Profite der Elektrizitätskonzerne abzuwägen: Der Strom aus einem solchen Kraftwerk wäre unter keinen Umständen mehr konkurrenzfähig, die Anlage also überflüssig. Auch Wolfgang Liebert sagt: "Es gab mal die Pläne, Kernkraftwerke komplett unterirdisch zu bauen, aber das musste an den Kosten scheitern."

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In jedem Fall kennen Kernkraftexperten viele technische Kniffe, um die Sicherheit von Atommeilern weit über das Niveau von Anlagen wie Fukushima oder Brunsbüttel anzuheben. Viele davon haben sie in einem neuen Kraftwerkstyp zusammengebracht, der in Finnland und Frankreich gebaut wird, dem sogenannten European Pressure Reactor (EPR). Er hat zum Beispiel wesentlich besser geschützte, räumlich verteilte Kühlmittelpumpen. Der zentrale Unterschied zu bisherigen Designs aber sind die Vorbereitungen, die für das Schmelzen des Brennmaterials getroffen werden.

Kein bestehender Reaktor am Netz ist darauf auslegt, einen solchen Unfall sicher zu beherrschen; wenn es allen Widrigkeiten zum Trotz dennoch gelingt, nach einer teilweisen Kernschmelze die massive Freisetzung von Radioaktivität zu verhindern, ist das wie in Harrisburg und hoffentlich in Fukushima eine Frage des Glücks, vielleicht auch der menschlichen Erfindungsgabe und Opferbereitschaft, aber jedenfalls nicht eine Frage kluger Planung.

"Der EPR ist dafür ausgelegt, den geschmolzenen Kern innerhalb der Anlage aufzufangen und genügend zu kühlen", sagt der Stuttgarter Experte Laurin. Unter dem Druckbehälter ist eine große flache Wanne vorgesehen, in der sich die glühende Masse ausbreitet. Nur zehn Zentimeter hoch soll der Metallbrei darin stehen. Sogenannter Opferbeton unter ihm soll dann schmelzen und eingelagertes Wasser freisetzen, auch von oben soll kühlendes Wasser kommen. Eine zentrale Voraussetzung dafür ist aber, dass die Wanne knochentrocken ist, wenn die Kernschmelze hineinläuft, wenden Kritiker ein. Bei einem Bruch von Kühlleitungen, wenn die Mannschaft im Kontrollraum schon lange um die Beherrschung der Anlage kämpft, könnte auch Wasser in die Auffangwanne geströmt sein, so dass der glühende Brei dort heftige Dampfexplosionen auslöst.

Solche fatalen Verkettungen von widrigen Umständen sind seit Fukushima besonders in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. Auch der Test der 17 deutschen Atommeiler wird nun zum ersten Mal prüfen, "ob die Leute auf den Anlagen ihre geplanten Notfallmaßnahmen auch umsetzen können, wenn nicht nur im Reaktor Schäden aufgetreten sind und die Mannschaft reduziert ist, sondern auch draußen die Straßen zerstört sind, Helfer nicht durchkommen, kein LKW einen externen Stromgenerator bringen kann und eine Flutwelle die Ansaugstutzen für Kühlwasser zerstört hat", sagt GRS-Chef Weiß. Bisher hatten die berechneten Störfall-Szenarien vorausgesetzt, dass Schäden geordnet und einzeln auftreten, nicht gehäuft wie in Fukushima.

Die dabei verwendete Methode heißt Probabilisitische Sicherheitsanalyse. Die Planer überlegen sich dabei, wie wahrscheinlich die Ereignisse in jenen Ketten von Ereignissen sind, die zu schweren Unfällen führen könnten. Das ist bei einer komplizierten Maschinerie vielleicht auch nicht anders möglich, weil sich nicht jeder denkbare Zustand der Anlage deterministisch vorhersehen lässt. Trotzdem ist das Verfahren oft kritisiert worden, weil schließlich irgendwo ein Schlussstrich gezogen wird und die Vorbereitung auf ein sehr unwahrscheinliches Szenario unterbleibt. "Was aber, wenn die Berechnungen nicht alle Unwägbarkeiten berücksichtigen?", fragen die Statistik-Professoren Helmut Küchenhoff von der Universität München und Göran Kauermann von der Hochschule in Bielefeld in einem Gastbeitrag für die FAZ. Es sei ein "schwieriges, ja fast unlösbares Problem" für die Bestimmung von Unfallwahrscheinlichkeiten, wenn "Szenarien eintreten, die nicht im Kalkulationsmodell berücksichtigt worden sind".

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