Der Deutsche Wetterdienst (DWD) hatte vor extremen Unwettern gewarnt, die höchste Warnstufe also, und so kam es auch: In Teilen von Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz sind in der Nacht auf Dienstag und am Dienstagvormittag Regenmengen gefallen, wie sie nur höchst selten zusammenkommen. „An manchen Messstationen waren es mehr als 120 Liter pro Quadratmeter in zwölf Stunden, etwa eine Badewanne – das ist schon bemerkenswert“, sagt DWD-Meteorologin Jacqueline Kernn. Einige Messstationen meldeten laut dem Wetterportal Kachelmannwetter neue Allzeit-Rekorde. Die lokale Wiederkehrzeit eines solchen Unwetters gibt der DWD in manchen Gebieten mit mehr als Hundert Jahren an.
In Mönchengladbach rückten Polizei und Feuerwehr nach dpa-Angaben bis zum Morgen bereits mehr als 100 Mal aus. Etwa musste eine Familie aus einer vollgelaufenen Wohnung befreit werden, Autofahrer saßen in ihren Autos fest. Auf der A46 in Düsseldorf lief ein Autobahntunnel voll. Auch Bedburg im Rhein-Erft-Kreis ist stark betroffen, ganze Straßenzüge stehen unter Wasser. Sascha Solbach, Bürgermeister von Bedburg, spricht in einem auf Facebook verbreiteten Video von „Wassermassen, wie wir das hier alle noch nicht erlebt haben“.
Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz hat für die Region eine Hochwasser-Gefahrenmeldung herausgegeben. An der Erft bei Neubrück erreichte der Pegel laut dem länderübergreifenden Hochwasserportal die höchste Meldestufe, an Niers und Wurm die zweithöchste. In Luxemburg waren die Regenmengen mit bis zu 149 Litern pro Quadratmeter teils sogar noch höher, dort gab es laut dpa Hunderte Einsätze der Rettungskräfte.
Feuchtwarme Luft wurde angehoben und kühlte ab
Zu den starken Regenfällen kam es aufgrund einer zunächst an sich nicht so ungewöhnlichen Wetterlage: Etwa bei Island liegt das großräumige Tief Walter, das sich gegen den Uhrzeigersinn dreht, über Russland das Hoch Nina, das im Uhrzeigersinn rotiert. Zwischen sich ließen sie sehr feuchte, warme Luft aus dem Mittelmeerraum heranströmen. An der Frontlinie von Tief Walter spaltete sich dann ein kleineres Bodentief ab und zog mit der Front über Westdeutschland nach Nordosten. Die feuchtwarme Luft wurde angehoben, kühlte ab und ließ gewaltige Niederschlagsmengen herunterkommen.
Dass die Wassermengen so extrem waren, lag dabei laut Kernn aber weniger an der hohen Luftfeuchtigkeit, sondern vor allem an der „sehr langsamen Verlagerung“: Wenig Wind führte dazu, dass das Wasser über einer vergleichsweise kleinen Region niederging. Von Montagabend bis Dienstagvormittag bewegte sich nicht viel, es regnete in der betroffenen Region einfach durch.
Gegen Dienstagmittag war das Gröbste jedoch bereits vorbei, der DWD hob die Warnungen vor extremem Unwetter auf, gewarnt wurde nur noch vor Starkregen in Teilen von Nordrhein-Westfalen. Danach sollten sich die Niederschläge auf den Nordosten verlagern. Auch am Mittwoch bleiben im äußersten Norden und Nordosten Gewitter mit Starkregen, kleinem Hagel und starken Böen möglich.
Die Wetterlage mag bei manchen zunächst Erinnerungen an die Ahrtal-Katastrophe im Sommer 2021 geweckt haben. Tatsächlich sind die beiden Ereignisse aber sehr unterschiedlich: Zum einen fielen damals binnen zwei Tagen lokal sogar bis zu 200 Liter Regen pro Quadratmeter, also noch deutlich mehr als aktuell. Hinzu kam, dass die Böden 2021 nach dem nassen Frühjahr gesättigt waren und wenig zusätzliches Wasser aufnehmen konnten; in diesem Jahr war das nicht der Fall. Vor allem aber trafen die Niederschläge im Ahrtal auf ein Tal, in dem sich alles Wasser sammelte. „Jetzt hatten wir Glück, dass es nicht in eine Tallage fiel, sondern sich verteilen konnte“, sagt Kernn.

