Rechtspsychologie:Deutlich weniger kuschelig: die sogenannte "methodenkritische Stellungnahme"

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Der regelmäßige Austausch über solche Standards könne zur Etablierung eines Gruppendenkens führen, das viel mit wechselseitiger Bestätigung, aber wenig mit fachlicher Kritik zu tun habe, warnt Banse. "Je ähnlicher die Gruppenmitglieder und je homogener die Meinungen, desto niedriger der reale Informationswert eines fachlichen Austauschs, aber desto größer die subjektive Gewissheit, mit der so etablierten sozialen Norm richtigzuliegen." Fehler werden übersehen, weil man sich gegenseitig in der Richtigkeit des eigenen Tuns bestärkt. Deutlich weniger kuschelig wäre zwar die sogenannte "methodenkritische Stellungnahme", bei der Sachverständige die Mängel der Kollegen offenlegen. Aber auf offene Konfrontation werde der Kritisierte stets defensiv reagieren, weil seine im Gutachterwesen existenzielle Reputation auf dem Spiel steht.

Das Peer-Review-Verfahren vermeidet hingegen sowohl Verbrüderung als auch direkte Konfrontation. Banse lehnt sich dabei an die Praxis bei internationalen Fachzeitschriften an: Dort werden Manuskripte von zwei bis vier Gutachtern beurteilt, und zwar anonym - damit bei der Beurteilung weder Rivalität noch Rücksichtnahme oder auch der gute Ruf des Autors das Ergebnis färben. Dieses System habe sich als effizient und selbstkorrigierend erwiesen.

Nach Banses Vorstellungen sollten die Sachverständigen auf freiwilliger Basis einige wenige stichprobenartig gezogene Gutachten dem Kompetenzzentrum zur Verfügung stellen, die dann anonymisiert von zwei Kollegen auf systematische Fehler, methodische Mängel oder Wissensdefizite untersucht wird. Jeder erhält also ein Feedback, das der Selbstkorrektur dienen kann - ohne konfrontativen Rüffel. Als Anreiz zur Teilnahme würde Kannegießer, Projektleiterin des Kompetenzzentrums, gern ein Qualitätszertifikat einrichten, das den Familienrichtern signalisiere, welche Gutachter sich einer regelmäßigen Qualitätskontrolle unterzögen - ein Vorteil im Wettbewerb um Gutachtenaufträge.

Für die Begutachtung von Autofahrern gibt der Staat Geld. Geht es um Familien, ist er geizig

Geplant ist zunächst ein Pilotprojekt, das wissenschaftlich begleitet wird. Sollte es sich als erfolgreich erweisen, könnte der Ansatz auf Gutachten zur Schuldfähigkeit oder zur Rückfallgefahr in Strafsachen ausgeweitet werden - deren Konsequenzen kaum weniger existenziell sein können. Schon deshalb hält Banse die Qualitätsverbesserung für eine Aufgabe des Staates, der sich aber bisher kaum engagiert. Das Kompetenzzentrum hatte sich 300 000 Euro für die ersten drei Jahre als Starthilfe erhofft, aber daraus wurde nichts.

Anderswo sind die staatlichen Prüfmechanismen für die Qualität von Gutachten übrigens deutlich elaborierter. Für medizinisch-psychologische Untersuchungen von Autofahrern - vulgo Idiotentest - gibt es gut funktionierte Kontrollmechanismen durch die Bundesanstalt für Straßenwesen. Dort geht es nicht um Kinder, die aus Familien herausgenommen werden - dort geht es um Führerscheinentzug.

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