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Raumfahrt:Mächtig Dampf machen

Mehr als 500 europäische Raketenbauer tüfteln in der schwäbisch-fränkischen Provinz an den Raumfahrtantrieben der Zukunft. In einem Wald nördlich von Heilbronn testen sie Raketenmotoren - manchmal entstehen dabei so dicke Wolken, dass es regnet.

Alexander Stirn

Die Ruhe vor dem Sturm wird jäh unterbrochen - von einem Pfeifton, dessen Penetranz nichts Gutes erahnen lässt. Genau zehnmal hallt er durch den saftig grünen Mischwald. Dann bricht das Inferno los. Flammen schlagen meterweit durch die Luft, Gase werden auf mehrfache Schallgeschwindigkeit beschleunigt, Dampfwolken steigen in den blauen Himmel. Und ein dicker Lärmteppich legt sich über die zuvor so friedliche Landschaft.

So stark wie tausend Ferraris, doch im Vergleich zu dem Ottomotor eines Sportwagens ein sauberer Antrieb: Weil für dieses Vulcain2-Hauptstufentriebwerk einer Ariane-Rakete Wasserstoff und Sauerstoff als Sprit dienen, entsteht nur Wasserdampf als Abgas.

(Foto: DLR)

Schall und Rauch - im Harthäuser Wald, 18 Kilometer nördlich von Heilbronn, gehören sie zum Alltag. Verantwortlich dafür sind mehr als 500 Raketenbauer, die sich in der schwäbisch-fränkischen Provinz eingenistet haben. Gut versteckt tüfteln sie hier an den Raumfahrtantrieben der Zukunft.

Sie verbessern die Triebwerke der europäischen Ariane-Rakete, sie entwickeln komplett neue Zukunfts-Konzepte. "Wir bewegen uns stets in den Grenzbereichen des technisch Machbaren", sagt Gerald Hagemann, Projektleiter beim Raumfahrtkonzern Astrium. "Intensive Tests der Triebwerke sind daher unumgänglich." Entsprechend oft geht es auf den Prüfständen zur Sache.

Wenn keine Raketenmotoren donnern, deuten lediglich ein paar Warnschilder am Wegesrand - "Versuchsgelände", "Lebensgefahr" - an, dass tief im Harthäuser Wald Raumfahrtgeschichte geschrieben wird. Ansonsten geht das Leben seinen gewohnt ruhigen Gang.

Lampoldshausen, der nächstgelegene Ort, ist ein typisches Dorf in dieser ländlichen, kaum besiedelten Ecke Baden-Württembergs. Die älteren Frauen tragen Kittelschürzen, wenn sie sich morgens zum Tratschen treffen, blaue Altpapiertonnen stehen akkurat an der Bordsteinkante. Und wenn die Raketenbauer mal wieder Krach machen, wenn die Scheiben klirren und Rauchwolken die Sonne verdunkeln, nehmen die Menschen das mit der ihnen eigenen stoischen Ruhe hin.

Das war nicht immer so: Ende der 1950er Jahre stand der deutsche Raketenpionier Eugen Sänger vor einem Problem. In Stuttgart hatte er gerade ein neues Institut für die Physik der Strahlantriebe aufgebaut, nur testen konnte Sänger seine Entwicklungen dort nicht. "Er suchte daher ein genügend großes Gelände, in dem er niemandem auf die Nerven ging", erinnert sich sein Sohn Hartmut.

Mehr als dreißig Areale machte Sänger Senior beim Blick auf die Landkarte aus, jedes wurde im Detail benotet - angefangen von der Entfernung nach Stuttgart bis zum Untergrund und der Wasserversorgung. Ein vergilbter, eng beschriebener Zettel zeugt noch heute von Sängers Rangliste. Am Ende blieb der Harthäuser Wald übrig.

Der Gemeinderat von Lampoldshausen war gar nicht begeistert. "Raumfahrt hatte zu jener Zeit noch immer den Ruf des Militärischen", sagt Hartmut Sänger. Das atomare Wettrüsten war in vollem Gange. Lampoldshausen, im Weltkrieg zu 60 Prozent zerstört, wollte nicht schon wieder ins Visier der Großmächte geraten.

Zwei Stunden redete Eugen Sänger, ein kleiner, blonder, charismatischer Ingenieur, auf die Gemeindeversammlung ein. Er erzählte von zivilen Raumstationen, von Hyperschallflugzeugen, von Reisen zu fernen Galaxien. Und davon, dass Lampoldshausen bei der Eroberung des Weltalls vorne mit dabei sein würde. Am Ende bekam er einhellige Zustimmung. Die Tatsache, dass der Ort zusammen mit dem Testgelände erstmals an die Trinkwasserversorgung angeschlossen werden sollte, war sicherlich auch hilfreich.

Die Straße, die sich durch das hügelige Testareal windet, ist heute selbstverständlich nach "Professor Sänger" benannt. Viele Ampeln stehen dort, ein bisschen sieht es aus wie auf einem Übungsparcours für Fahrschüler. Bei Rot kann die Wartezeit durchaus etwas länger dauern. Dann wird irgendwo in der Nähe ein Triebwerk gestartet.

So wie an diesem Tag. Gut 300 Meter beträgt der Sicherheitsabstand zu dem Triebwerk, das nun bereits seit 15 Sekunden Feuer spuckt. Getestet wird heute die Schubkammer von Vinci, der jüngsten Entwicklung für die europäische Ariane-5-Rakete.

Noch 20 Kilometer entfernt wackeln die Gläser im Schrank

Von 2016 an soll das neue Triebwerk Arianes Oberstufe bewegen. Vorher muss sich Vinci allerdings auf Prüfstand P3 beweisen. Armdicke Wasserfontänen kühlen den Feuerschweif, der aus dem Betongebäude kommt. Mit einem Schub von 180000 Newton drückt das Triebwerk dort gegen die Wände - das entspricht einem Gewicht von rund 18 Tonnen oder 1000 Ferraris. Nur der Klang ist anders: Aus der Ferne hört sich das Triebwerk wie ein rauschender Wasserfall an. Ein sehr hoher Wasserfall.

Tatsächlich sind die großen Triebwerke, die in Lampoldshausen getestet werden, gewaltige Wasserproduzenten. Sie werden gespeist von eiskaltem, flüssigem Wasserstoff und Sauerstoff, die in der Brennkammer reagieren, sich ausdehnen und dabei den nötigen Rückstoß erzeugen. "Rund 24 Tonnen Wasserdampf produziert Vinci während eines zehnminütigen Testlaufs", sagt Gerald Hagemann.

Wenn das viel größere Haupttriebwerk der Ariane mit seinen vier Millionen PS getestet wird, sind es sogar 180 Tonnen Wasser in zehn Minuten. Mehrere Kilometer hoch steht dann die Wolke über dem Testgelände, je nach Wetterlage erzeugt sie sogar Regen, "und wir sprechen nicht von einigen Tropfen, sondern von monsunartigen Regenfällen", sagt Stefan Schlechtriem, Direktor des Instituts für Raumfahrtantriebe, wie der Standort Lampoldshausen vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) offiziell heißt.

Bei solchen Tests wackeln selbst im 20 Kilometer entfernten Jagsthausen noch die Gläser im Küchenschrank, erzählt Gerald Hagemann - und so mancher Anwohner dürfte sich an die Worte erinnern, die Götz von Berlichingen an jenem Ort geprägt haben soll.

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