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Raumfahrt:Chinesische Raumstation stürzt bald auf die Erde

Tiangong 1

Im Frühjahr 2016 verlor die Bodenkontrolle offenbar den Kontakt zu Tiangong 1. In den kommenden Wochen wird die Raumstation auf die Erde stürzen.

(Foto: dpa)
  • Die Raumstation Tiangong 1 wird im Frühjahr wahrscheinlich unkontrolliert auf die Erde abstürzen. Das Meiste verglüht dann wohl in der Atmosphäre, doch einige Trümmer dürften die Erdoberfläche erreichen.
  • Die Absturzprognosen fallen Forschern schwer, vermutlich ist es zwischen Mitte März und Mitte April so weit.
  • Auch der Ort des Absturzes lässt sich bislang nicht wesentlich eingrenzen. Wegen der derzeitigen Umlaufbahn dürfte Europa allerdings verschont bleiben.

Von Alexander Stirn

Die unbeugsamen Gallier aus den "Asterix"-Heften haben nur eine Sorge: dass ihnen eines Tages der Himmel auf den Kopf fällt. Zumindest ein Himmelspalast könnte diese Befürchtung nun wahr werden lassen. Tiangong 1, zu Deutsch: der himmlische Palast, heißt eine chinesische Raumstation, die im Frühjahr vermutlich unkontrolliert auf die Erde stürzen wird. Wann, wie und wo, vermag derzeit niemand zu sagen. Sicher scheint nur zu sein: Mehrere Trümmerteile des ursprünglich 8,5 Tonnen schweren Kolosses dürften den feurigen Wiedereintritt überstehen und die Erdoberfläche erreichen.

Grund zur Panik sei dies dennoch nicht, sagt Holger Krag, Leiter des Büros für Weltraumrückstände bei der Europäischen Raumfahrtagentur Esa in Darmstadt. "Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person durch ein Fragment von Tiangong zu Schaden kommt, ist kleiner als zweimal im Jahr vom Blitz getroffen zu werden", so Krag.

In etwa 275 Kilometern Höhe kreist Tiangong 1 derzeit um die Erde. Vor einigen Jahren, nachdem die Chinesen 2011 den Himmelspalast als ihr erstes Raumlabor gestartet hatten und zweimal von Taikonauten besuchen ließen, waren es noch knapp 400 Kilometer. Doch dann, im März 2016, verlor die Bodenkontrolle offenbar den Kontakt zu Tiangong 1. Es war nicht mehr möglich, die Bahn des gut zehn Meter langen Moduls anzuheben oder den Himmelspalast kontrolliert zum Absturz zu bringen.

Die Station könnte so gut wie überall in Reichweite seiner Umlaufbahn herunterfallen

Da selbst in solchen Höhen noch einige wenige Gasmoleküle aus der Erdatmosphäre anzutreffen sind, verliert die Station durch die Zusammenstöße mit diesen Teilchen kontinuierlich an Geschwindigkeit - und damit an Höhe. Ein Absturz ist unausweichlich. Wie stark die Bremswirkung ausfällt, lässt sich allerdings kaum vorhersehen: "Die Dichte der Erdatmosphäre kann sich in diesen Höhen stark ändern - um den Faktor zehn oder sogar noch mehr", sagt Holger Krag. Schuld daran ist die Sonne. Deren Eruptionen und Aktivitäten, die von Astronomen noch immer nicht prognostiziert werden können, blähen die Atmosphäre auf - oder lassen sie schrumpfen.

Entsprechend schwer fallen Absturzprognosen: Zwischen dem 17. März und dem 21. April, so die aktuelle Vorhersage der Esa, wird Tiangong 1 zu seinem feurigen Sturzflug ansetzen. "Das ist, zugegeben, ein sehr großer Zeitraum, aber das ist normal", sagt Krag. "Grob geschätzt liegt die Unsicherheit stets bei etwa 20 Prozent der verbleibenden Zeit." Selbst zehn Tage vor dem Ende, wenn die Raumstation längst immer dichtere Regionen der Atmosphäre erreicht hat und zunehmend an Höhe verliert, lässt sich der Zeitpunkt des Absturzes nur auf plus oder minus 48 Stunden genau angeben. Vier Tage, in denen der Himmelspalast gut 60 Mal um die Erde kreist, bei jedem Orbit auf einer etwas anderen Bahn. Sprich: Er könnte so gut wie überall in Reichweite seiner Umlaufbahn herunterfallen.

Erst wenn Tiangong 1 eine Höhe von etwa 100 Kilometern erreicht hat, wird das Bild klarer. Dann dürfte ausgeschlossen sein, dass die Raumstation eine weitere Erdumrundung schafft. Irgendwo entlang ihrer zukünftigen Bahn, die immer noch den halben Globus umspannen kann, wird sie zur Erde stürzen. In etwa 80 Kilometern Höhe bekommt der Himmelspalast, der mit 28 000 Kilometern pro Stunde um den Globus rast, dann die volle Wucht der Erdatmosphäre zu spüren. Er erhitzt sich stark. Er bricht auseinander. Große Teile seiner Aluminiumkonstruktion schmelzen.

"Solche Trümmer liegen einfach auf dem Boden, ein bisschen wie weggeworfener Schrott"

Komponenten aus Titan und Edelstahl, die in der Raumfahrt für besonders stark belastete Tanks und für Teile des Antriebssystems verwendet werden, könnten den heißen Ritt allerdings überstehen. Holger Krag rechnet damit, dass "eine Handvoll bis mehrere Dutzend" Trümmerteile nicht verglühen. Aus gut 50 Kilometern Höhe fallen die Brocken, die zusammen bis zu 3,5 Tonnen schwer sein können, schließlich wie ein Stein zu Boden - verteilt über ein Trümmerfeld, das mehrere Tausend Kilometer lang und etwa zehn Kilometer breit ist.

Da die Teile mit nur 300 Kilometern pro Stunde auf der Erdoberfläche auftreffen, wird es - anders als bei einem Meteoriteneinschlag - allerdings keine Krater geben. "Solche Trümmer liegen einfach auf dem Boden, ein bisschen wie weggeworfener Schrott", sagt Krag. "Wer sich nicht auskennt, geht vielleicht vorbei und ahnt nicht, dass so was aus dem Weltall kommt." Falls überhaupt jemand auf die Überreste stoßen sollte. Ein Großteil von Tiangongs Bahn führt über die Ozeane, die Wüsten und über unbewohntes Land.

Sicher ist nur, wo die Raumstation nicht herunterkommen wird: Der Orbit des Himmelspalastes deckt nur Gebiete der Erde ab, die zwischen den 43. Breitengraden im Norden und im Süden liegen. Nördlich einer Linie, die sich von Toulouse über Florenz bis nach Sarajevo erstreckt, kann Europa damit aufatmen. Deutschland, Österreich und der Schweiz fällt garantiert kein Himmelspalast auf den Kopf. Auch die unbeugsamen Gallier in ihrem kleinen, nordwestfranzösischen Dorf bleiben ein weiteres Mal verschont.

© SZ vom 17.01.2018/cat
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