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Raumfahrt:Europa landet auf dem Mars

  • Die europäische Raumsonde Schiaparelli, benannt nach dem italienischen Astronomen Giovanni Schiaparelli, soll am Mittwochnachmittag auf dem Mars landen.
  • 2003 hatten die Europäer schon einmal eine Marslandung versucht. Doch das Landegerät telefonierte nie nach Hause.
  • In vier Jahren wollen die Europäer gemeinsam mit Russland ein unbemanntes Fahrzeug auf dem Mars absetzen, einen sogenannten Rover.

Von Alexander Stirn

Verläuft alles nach Plan, dann erlebt Europas Raumfahrt am Mittwoch sechs höllische Minuten. Punkt 16:41 Uhr wird eine unbemannte Raumsonde auf die dünne Atmosphäre des Planeten Mars treffen. Sie wird mit einem Hitzeschild, mit Fallschirmen und Bremsraketen zur Oberfläche vordringen, in den Marsstaub plumpsen und Bilder zur Erde funken.

Es ist Europas Eintritt in ein weltweites Wettrennen zum Roten Planeten. Von Amerika bis zu den Arabischen Emiraten arbeiten Ingenieure an immer neuen Mars-Missionen. Sogar Privatunternehmer wie der Tesla-Gründer Elon Musk wollen Menschen dorthin schicken. Es geht nur noch zum Teil um wissenschaftliche Erkenntnisse und die Frage, ob die Menschheit einst den Mars besiedeln könnte. Prestige und Nationalstolz sind ebenso wichtige Antriebe des Marsfiebers. 20 Rover, Sonden und Geschosse haben in den vergangenen fünf Jahrzehnten eine Landung auf der Marsoberfläche versucht. Lediglich neun waren erfolgreich. Sie alle stammten - mit Ausnahme einer sowjetischen Sonde, die 15 Sekunden durchgehalten hat - aus den USA.

"Vor allem die dünne und damit unberechenbare Mars-Atmosphäre macht uns Sorgen"

Schiaparelli heißt nun Europas Beitrag in diesem globalen Wettkampf. Das zweieinhalb Meter große Landegerät befand sich bis Sonntag noch in der Obhut seines Mutterschiffs Exomars, das im vergangenen März im kasachischen Baikonur gestartet ist und seitdem mehr als 480 Millionen Kilometer zurückgelegt hat. Am Wochenende koppelte sich das Landegerät, benannt nach dem italienischen Astronomen Giovanni Schiaparelli, ab und nahm Kurs auf den Roten Planeten.

"Vor allem die dünne und damit unberechenbare Mars-Atmosphäre macht uns Sorgen", sagt Paolo Ferri, Leiter des Missionsbetriebs bei der Europäischen Raumfahrtagentur Esa in Darmstadt. Bereits einmal, an Weihnachten 2003, hatten die Europäer eine Marslandung versucht. Doch das Landegerät, der kleine Beagle 2, telefonierte nie nach Hause.

Dieses Mal soll alles besser werden. In einer Höhe von 120 Kilometern wird Schiaparelli auf die Marsatmosphäre treffen - mit einer Geschwindigkeit von 21 000 Kilometer pro Stunde. Durch die Reibung der Gasteilchen beginnt sein Hitzeschild weiß zu glühen; die Geschwindigkeit sinkt auf ein Zehntel. In elf Kilometern Höhe öffnet sich schließlich ein Bremsfallschirm. 1300 Meter über dem Boden übernehmen Bremsraketen die Arbeit. Sie lassen das Landegerät auf ihrem Feuerstrahl tänzeln und schalten sich zwei Meter über dem Marsboden ab. Mit der Geschwindigkeit eines Joggers kracht Schiaparelli schließlich in den Marsstaub.

"Unser Ziel ist es zu landen, zu überleben und Daten zu schicken", sagt Ferri. Im Idealfall hält Schiaparelli acht Tage durch, untersucht seine Nachbarschaft und liefert Erkenntnisse über die Umwelt und mögliche Spuren von Leben auf dem Mars. Dort müssen einst ganz ähnliche Bedingungen geherrscht haben wie auf der Erde, auch wenn der Rote Planet heute eine lebensfeindliche, luftleere Wüste ist.

In vier Jahren wollen die Europäer gemeinsam mit Russland ein unbemanntes Fahrzeug auf dem Mars absetzen, einen sogenannten Rover. Die Kooperation mit Moskau war - allen politischen Spannungen zum Trotz - entstanden, nachdem sich die Amerikaner 2012 überraschend aus dem Projekt zurückgezogen hatten. Die Esa musste einen neuen Partner finden. Die Russen waren erst wenige Monate zuvor mit einer selbstgebauten Marssonde gescheitert.

"Ich glaube nicht, dass Menschen bereits in den 2030er Jahren auf dem Mars landen werden"

Die USA wollen nun in vier Jahren erneut einen eigenen Rover über den Mars fahren lassen. Auch die Chinesen haben entsprechende Pläne verkündet, um sich als Raumfahrtmacht zu etablieren. Die private Raketenfirma Space-X könnte hinzustoßen ebenso wie Indiens Raumfahrtagentur. Beginnt ein Rover-Rennen auf dem Mars? Die Faszination für den Roten Planeten ist jedenfalls ungebrochen. Es geht auch um den Ehrgeiz, eines Tages erste Menschen auf dem Planeten abzusetzen, so wie es im vergangenen Jahr der Spielfilm "Der Marsianer" glaubhaft machte. Space-X-Gründer Elon Musk spricht sogar von einer Mars-Siedlung mit einer Million Menschen.

Die Visionen staatlicher Raumfahrtbehörden klingen fast so ambitioniert: Ziel der USA sei es, in den 2030er-Jahren erste Menschen zum Mars und wieder zurück zu fliegen, bekräftige US-Präsident Barack Obama vor wenigen Tagen im TV-Sender CNN. "Unser ultimativer Ehrgeiz sollte allerdings darin bestehen, eines Tages für lange Zeit auf dem Mars zu bleiben", sagt der scheidende Präsident.

Der Europäer Paolo Ferri ist angesichts der buchstäblich exorbitanten Kosten eher skeptisch: "Ich glaube nicht, dass Menschen bereits in den 2030er-Jahren auf dem Mars landen werden", sagt der Esa-Physiker. Dennoch ist auch für ihn "undenkbar, dass die Menschheit auf unseren Planeten begrenzt bleiben wird".

© SZ vom 15.10.2016/fehu

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