Raumfahrt:Dämmerung an der Space Coast

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Mit der "Endeavour" wird heute zum vorletzten Mal eine US-Raumfähre ins All starten, das Shuttle-Programm geht zu Ende. Doch die Region um Cape Canaveral lebt von den Starts der Raumfähren. Wie soll es nun weitergehen?

Alexander Stirn

Noch einmal wird alles so sein wie in der guten alten Zeit. Schulter an Schulter werden sich die Menschen an der Küste von Cape Canaveral drängeln. Sie werden sich Radios ans Ohr halten, und sie werden stundenlang warten, bis endlich das große Feuerwerk beginnt - jene knapp dreiminütige Show, deren Lärm die Besucher buchstäblich erzittern lässt.

Raumfahrt: Die Endeavour soll am heutigen Freitag zu ihrer letzten Mission ins All starten. Wegen der vielen Schaulustigen sind in der Gegend um Cape Canaveral seit Wochen sämtliche Hotels und Campingplätze ausgebucht. Die Tourismusbranche sieht dem Ende der Shuttle-Ära deshalb mit Sorge entgegen.

Die Endeavour soll am heutigen Freitag zu ihrer letzten Mission ins All starten. Wegen der vielen Schaulustigen sind in der Gegend um Cape Canaveral seit Wochen sämtliche Hotels und Campingplätze ausgebucht. Die Tourismusbranche sieht dem Ende der Shuttle-Ära deshalb mit Sorge entgegen.

(Foto: AFP)

Die Hauptdarstellerin heißt dieses Mal Endeavour. Die amerikanische Raumfähre soll am Freitagnachmittag von der Startrampe 39A des Kennedy Space Centers in Florida abheben. Es wird ein großes Spektakel - das größte, das Cape Canaveral in den vergangenen zehn Jahren erlebt hat. Aber es wird auch ein letztes Aufbäumen, eine bittersüße Abschiedsvorstellung.

Denn mit der Endeavour wird zum vorletzten Mal eine Raumfähre ins All starten. Zu teuer ist das Shuttle-Programm geworden, zu anfällig sind die Orbiter. Mitte Juli, mit dem finalen Flug der Atlantis, soll deshalb ein für allemal Schluss sein. Keine Shuttle-Starts mehr. Keine Shuttle-Touristen. Keine-Shuttle-Arbeitsplätze. Es wird ein harter Einschnitt für die Menschen am Kap, die mehr als 30 Jahre lang mit dem Shuttle und für das Shuttle gelebt haben.

"Space Coast" nennt sich der 116 Kilometer lange Küstenstreifen rund um Cape Canaveral selbstbewusst. Seit 1961 sind alle bemannten Missionen der Amerikaner von hier gestartet worden, natürlich auch alle 133 bisherigen Shuttle-Missionen. Kein Wunder also, dass die Raumfähren auch kurz vor ihrem Ende noch allgegenwärtig sind: Luftballons im Supermarkt haben die charakteristische Form der Orbiter, Spielgerüste im Schnellrestaurant sehen aus wie eine Mini-Raumfähre. Selbst auf den Kennzeichen der Autos starten die Spaceshuttles in eine vermeintlich goldene Zukunft.

Die Realität sieht anders aus. Von den einst 10.500 Jobs im Shuttle-Programm sind aktuell noch gut 4000 übriggeblieben. Zuletzt wurden Anfang April 650 Arbeiter und Ingenieure gefeuert. Darauf angesprochen, sagt Shuttle-Manager Mike Moses nur: "Wir haben das Ende des Programms seit vielen Jahren vorbereitet. Jetzt verfahren wir einfach nach Plan." Moses klingt dabei so emotionslos, als würde er den Countdown einer Shuttle-Mission herunterbeten.

Doch Klagen hilft nichts. Die Betroffenen wissen, was auf sie zukommt. Wenn im Juli der letzte Flug abgefertigt ist, müssen allein in Florida noch einmal 2000 Beschäftigte gehen. Weniger als 1400 sollen übrigbleiben. Sie werden sich um die Abwicklung des einst stolzen Programms kümmern und einige kleine Projekte vorantreiben. Ein großes Nachfolgeprogramm ist derzeit nicht in Sicht. Der US-Raumfahrtbehörde Nasa fehlt schlichtweg das Geld.

Selbst Amerikas Astronauten sehen keine große Zukunft mehr. Im vergangenen Jahr haben 20 Raumfahrer den Dienst quittiert, 61 aktive Astronauten sind übriggeblieben. Vor zehn Jahren waren es noch mehr als 150, berichtet die New York Times. Doch auch wenn den verbliebenen Raumfahrern eine Mission zugeteilt wird, werden ihre Dienstreisen nicht mehr an Floridas Küsten führen: Auf absehbare Zeit müssen alle US-Astronauten mit russischen Raketen ins All starten - abgeschossen in der kasachischen Steppe.

Briten als Hoffnungsträger

Viel Geld hat auch Florida nicht. Dennoch will der Bundesstaat künftig 20 Millionen Dollar ausgeben, um am Kap neue Raumfahrtunternehmen anzusiedeln. "Space Florida" heißt die dazu gegründete Initiative. Ihr Chef, Frank DiBello, sagt: "Nach dem Ende des Shuttle-Programms wollen wir aus Florida den Knotenpunkt für Versorgungsflüge in den niederen Erdorbit und zur Internationalen Raumstation machen." Die Ansprüche sind bescheiden geworden.

Gelingen soll das unter anderem durch internationale Kooperationen. Gerade erst war eine Delegation aus Großbritannien am Kap. Die Engländer sollen, so die Hoffnung von Space Florida, Cape Canaveral zur Basis ihres Satellitenprogramms machen - und so zumindest einige neue Arbeitsplätze schaffen.

Große Hoffnungen setzt Florida auch in die private Raumfahrt: Das Unternehmen Space-X, mit dem der Internet-Millionär Elon Musk die Raumfahrtbranche revolutionieren will, startet seine Raketen bereits vom Kap. Irgendwann könnten mit ihnen auch Astronauten zur ISS fliegen. Für DiBello eine "extrem spannende Entwicklung". An den Glamour eines Shuttle-Starts wird so eine private Rakete allerdings nie herankommen.

Auch der Tourismus, traditionell das zweite große Standbein an der Space Coast, kann nur begrenzt helfen - selbst wenn die allerletzten Shuttle-Flüge noch einmal für einen Ausnahmezustand sorgen werden: 100.000 bis 150.000 Neugierige lockt ein normaler Shuttle-Start an die Küste - so zumindest die Durchschnittswerte der vergangenen Jahre.

Ende Februar, beim finalen Flug der Discovery, sind es bereits dreimal so viele. Schon Tage vor dem Start haben die Mietwagenfirmen in Orlando, dem nächstgelegenen Flughafen, nur noch ein paar ungeliebte Minivans im Angebot. Am Starttag selbst reservieren sich Shuttle-Fans noch vor Sonnenaufgang die besten Plätze - nicht mit Handtüchern, sondern mit Stativen. Die 11.000 Hotelbetten und 35.000 Campingmöglichkeiten sind ausgebucht.

Fast im Minutentakt klingelt im Touristenmotel in Melbourne, 40 Meilen südlich des Startgeländes, das Telefon. Geduldig erklärt der Rezeptionist, dass wegen des Starts der Discovery alle Zimmer belegt sind. Ob er die Shuttles vermissen wird? Der gebürtige Inder schmunzelt. "Auf jeden Fall werden uns die Shuttle-Fans fehlen."

Mehr als 500.000 Schaulustige dürften dieses Mal, zum Start der Endeavour, an die Space Coast pilgern. Sie werden zwischen zehn und 15 Millionen Dollar in den Kassen der Hoteliers und Geschäfte lassen, schätzt Robert Varley, Leiter des örtlichen Fremdenverkehrsamts. Die Tourismusorganisation hat natürlich eine Raumfähre in ihrem Logo.

Der allerletzte Flug der Atlantis könnte sogar die Millionenmarke knacken und damit mehr Zaungäste anlocken als der Mondflug von Apollo 11. "Es sieht so aus, als stehe ein Shuttle-Start bei sehr vielen Menschen auf der Liste der Dinge, die sie unbedingt noch erleben möchten", sagt Varley dem Onlinedienst Space.com. Eine nachhaltige Einnahmequelle ist allerdings auch das nicht.

Dafür soll ausgerechnet die Atlantis sorgen: Das Besucherzentrum des Kennedy Space Centers hat vor zwei Wochen den Zuschlag für den Orbiter bekommen. Nach seinem letzten Flug darf er in Cape Canaveral ausgestellt werden. 100 Millionen Dollar will das Zentrum in eine neue, 6000 Quadratmeter große Halle investieren. In ihr soll die Raumfähre dem zahlenden Publikum freischwebend präsentiert werden - als würde sie noch immer fliegen. "Die Atlantis wird für lange Zeit unsere größte Attraktion bleiben", sagt Varley.

Alles vom Shuttle inspiriert

Auch sonst muss sich im Besucherzentrum, einem in die Jahre gekommenen Vergnügungspark mit Fahrgeschäften, Imax-Kino und angeschlossener Raumfahrtausstellung, einiges ändern. Alles ist vom Shuttle inspiriert - die Souvenirs im Geschenkladen, das Fastfood in den Imbissbuden, vor allem aber die Bustour, die die Besucher übers Gelände des Space Centers kutschiert. Sie führt vorbei am 160 Meter hohen "Vehicle Assembly Building", in dem schon bald keine Raumfähren mehr zusammengeschraubt werden. Sie stoppt an den beiden Shuttle-Startrampen, von denen eine bereits abgerissen wird. Sie ist besonders beliebt, wenn gerade eine Raumfähre auf den Start wartet.

Unterwegs flimmert über die schuhkartongroßen Fernseher in den Bussen ein Film, in dem erzählt wird, wie 6500 Angestellte die Shuttles und die Astronauten penibel auf den Start vorbereiten. All das wirkt schon heute seltsam anachronistisch.

In den kommenden Jahren werde die Tour samt Ausstellung komplett umgestaltet, verspricht Bill Moore, Chef des Besucherzentrums. Die Gäste würden das Kennedy Space Center als "lebendigen Ort der Raumfahrt" erleben. Sollte sich an den grundlegenden Plänen der Nasa nichts ändern, dürfte es eher eine Museumstour durch die jüngere Raumfahrtgeschichte werden.

Gut 1,5 Millionen Besucher zählt das Zentrum derzeit pro Jahr - trotz Eintrittspreisen von umgerechnet 32 Euro pro Person. Ohne die Besuchermassen, die die Starts mit sich bringen, dürfte die Zahl in den kommenden Jahren deutlich zurückgehen. Erst Ende 2013, wenn die Atlantis-Ausstellung fertig ist, rechnet Moore wieder mit einem Zuwachs. Dann jedoch soll eine Steigerung von 15 Prozent möglich sein. Bis zu 19 Millionen Dollar pro Jahr könnten die Shuttle-Touristen dann zusätzlich in die Region bringen. Das Arbeitsplatzproblem wird allerdings auch die Atlantis nicht lösen: Im Besucherzentrum soll die ausgemusterte Raumfähre lediglich 46 neue Jobs schaffen.

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