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Ein Deutscher im Weltraum:Überhaupt, die Notfälle

Gerst versucht dem - zumindest vermittelt er den Eindruck - mit einer Mischung aus großem Bruder und fürsorglichem Chef zu begegnen. Im Sojus-Landesimulator, in dem Russisch die Amtssprache ist, hilft er US-Kollegin Seron Auñón-Chancellor bei komplexen Problemen schon mal auf Englisch weiter - "einfach, weil ich selbst ein bisschen schneller Englisch sprechen kann als Russisch", so seine galante Erklärung.

In Houston hingegen, wo die Crew Notfallprozeduren trainiert, wo Feuer, Druckabfall und Austritt des hochgiftigen Kühlmittels Ammoniak bekämpft werden müssen, erklärt er Prokopjew das Vorgehen in Ruhe noch einmal auf Russisch. "Ich merke, dass ich mit meiner Erfahrung den Kollegen vielleicht die ein oder andere Sorge oder Angst nehmen kann", sagt Gerst.

Überhaupt, die Notfälle. Zu den wichtigsten Aufgaben eines ISS-Kommandanten gehört es, stets den Überblick zu behalten - auch wenn nachts um vier Uhr ein Alarm losgeht. "Solche Situationen sind mitunter extrem komplex", sagt Gerst. "Hat irgendein Modul zum Beispiel ein Loch, dann ist das eine Entscheidungsmatrix, die ausgebreitet mehrere Quadratmeter füllen würde."

Schließlich gleicht kein Teil der Station dem anderen. Manche Module versperren den Weg zur Rettungskapsel, andere sind eher unkritisch. Nur: Zeit, um Handbücher zu wälzen, bleibt im Notfall nicht. "Die Vorbereitung auf solche Dinge, das ist die wirkliche Arbeit", sagt Gerst. Eine Belastung? Der Sonnyboy spricht viel lieber vom "Spaß", den ihm das alles bereitet.

"Ein Raumschiff muss nicht luftschnittig sein"

Zurück in der Sojus-Fahrschule blinkt plötzlich eine Warnleuchte. Gerst greift zu einem Zeigestab mit einer Art Pistolengriff, seiner "Fernsteuerung". Hoch oben am Armaturenbrett der Kapsel drückt er damit eine Pfeiltaste. Einmal. Zweimal. Der Cursor auf dem Kontrollmonitor macht zwei Sprünge nach rechts, auf ein Feld mit kyrillischen Buchstaben. Gerst drückt auf die Enter-Taste. Weiter geht die Fahrt.

Elon Musk, Chef des privaten Raumfahrtunternehmens Space-X, will in seinen Kapseln Touchscreens für die Steuerung einbauen. Gerst, der den ruckeligen Ritt ins All schon mal mitgemacht hat, schüttelt beim Gedanken daran den Kopf. Viel zu ungenau. In der Sojus sind die entscheidenden Knöpfe sogar von Metallkäfigen umgeben, damit Finger oder Zeigestab bloß nicht abrutschen. Alles ist hier ein bisschen robuster, vielleicht auch ein bisschen altmodischer.

"Ein Raumschiff muss nicht luftschnittig sein, es muss auch keine blinkenden Lichter obendrauf haben. Es muss funktionieren", sagt Gerst. Die Sojus-Kapsel macht das seit 40 Jahren ohne Probleme. Angst, dass die Technik streiken könnte, habe er auch vor vier Jahren nicht gehabt - eher, dass sein Körper, dass sein Kopf nicht mitspielt: "Vor meinem ersten Flug habe ich mir tatsächlich gedacht: Okay, ist das nicht vielleicht eine Nummer zu krass für mich?", erzählt der 41-Jährige. "Jetzt weiß ich, und das ist wohl das Wichtigste, dass ich es kann."

Gerst absolvierte das Training bei minus 30 Grad, im Zelt und ohne Schlafsack

"Zwanzig Meter", "zehn Meter". Auf Russisch gibt Gerst den aktuellen Abstand zur simulierten ISS durch, deren Bild rasch größer wird. Die Funksprüche sind kurz, präzise. Die Steuerimpulse werden intensiver. "Rasswet" heißt der heutige Parkplatz, eine der russischen Andockstellen an der Station. Noch sieht alles gut aus.

Nicht ganz nach Plan verlief hingegen die Vorbereitung auf Gersts zweite Mission. Mitte Januar, keine fünf Monate vor dem Start, wurde ihm die Ärztin Auñón-Chancellor als neues Crewmitglied in die Kapsel gesetzt. Zuvor hatte der Deutsche eineinhalb Jahre lang mit Jeanette Epps trainiert, die die erste afroamerikanische Langzeitastronautin auf der ISS werden sollte. Gemeinsam mit Prokopjew, einem ehemaligen Kampfpiloten, absolvierten die beiden das harte Winterüberlebenstraining: Bei minus 30 Grad Celsius, im Zelt und ohne Schlafsack, sind dabei Teamgeist und Gruppendynamik mindestens so wichtig wie das reine Überleben. Trotzdem tauschte die US-Raumfahrtbehörde Nasa Epps aus. Kurzfristig, ohne Begründung.

Ein Problem? Gerst lächelt solche Fragen einfach weg. Auñón-Chancellor sei ein "absolut tolles Crewmitglied", eine "gute Freundin". Ohnehin: "Auf so etwas habe ich als Commander keinen Einfluss. Unsere Aufgabe ist es nun, das zum Laufen zu bringen." Nur nicht aus der Ruhe bringen lassen.

Zuvor war bereits der Starttermin um sechs Wochen nach hinten verschoben und die Mission somit verkürzt worden. Weniger Zeit im All bedeutet allerdings auch weniger Zeit für deutsche und europäische Experimente - zumal Gerst als Kommandant, als Koordinator und Motivator, kaum Zeit zum wissenschaftlichen Arbeiten finden wird. Ärgerlich, sagt er, aber "völlig normal in diesem Geschäft". Zwei Monate später dann die Entwarnung: Auch die Landung soll verschoben werden, auf Mitte Dezember. Somit könnte es Gerst auf 187 Tage im All bringen. 65 europäische Experimente, davon 48 aus Deutschland oder mit deutscher Beteiligung sind nun geplant.

Noch drei Meter. Im Simulator beginnt die heiße Phase. Funkstille. Das Bild der ISS füllt den Monitor längst aus. Nun gilt es, mit einem Fadenkreuz ein schwarz-weißes Ziel anzupeilen, das auf der Station prangt, direkt neben der Andockstelle. "Das ist schwer gerade", murmelt Gerst auf Deutsch. "Das ist etwas, das man schon üben muss." Zehn Sekunden später streckt er beide Daumen nach oben.

Eingeparkt, unfallfrei.

Keine Fanfare, kein "Game Over", kein "Wollen Sie noch einmal spielen?". Nicht einmal ein leises Pling. Nur ein letzter Funkspruch. Das Ganze, daran lassen die russischen Fahrlehrer wenig Zweifel, ist kein Spiel. Es ist hartes Training. Und es ist noch lange nicht vorbei. Drei weitere Einparkversuche stehen an diesem Nachmittag noch auf dem Stundenplan der orbitalen Fahrschule.

© SZ vom 14.04.2018/fehu
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