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Rauchen:Deutschland, Bastion der Tabak-Industrie

Eine solch drastische Erhöhung hätte auch den Effekt, das Rauchen selbst, die Ursache all der Folgekosten, einzudämmen. In Großbritannien und Irland, wo die Zigarettenpreise innerhalb der zurückliegenden zehn Jahre auf mehr als neun Euro je Packung erhöht wurden (flankiert von Werbeverboten und Warnhinweisen auf Tabakprodukten), ging der Raucheranteil der Bevölkerung ab 15 Jahren um elf beziehungsweise acht Prozentpunkte zurück: von 33 auf 22 Prozent und von 29 auf 21 Prozent.

In Deutschland liegt der Rückgang im selben Zeitraum bei nur drei Prozentpunkten, wobei der Anteil der Raucher zuletzt sogar wieder leicht gestiegen ist. Im europäischen Vergleich sei es "eines der Länder mit dem größten Handlungsbedarf in der Tabakkontrolle", so der vom DKFZ veröffentlichte Tabakatlas Deutschland. Seit fast einem Jahrzehnt seien keine nennenswerten politischen Maßnahmen mehr ergriffen worden. Sonja von Eichborn überrascht das nicht: "Das Gesundheitsministerium richtet sich an der deutschen Regierungspolitik aus. Und die lautet nicht: die Tabakindustrie abwürgen. Im Gegenteil."

Deutschland ist einer der wichtigsten Standorte der Tabakindustrie. Bis auf die China National Tobacco Corporation sind alle großen Zigarettenkonzerne mit Produktionsstätten vertreten. Um die 160 Milliarden Zigaretten exportiert Deutschland jährlich, so viel wie kaum ein anderes Land. Der deutsche Markt selbst ist mit rund 80 Milliarden versteuerten (und mehreren Milliarden als Schmuggelware unversteuert gekauften) Zigaretten der größte Westeuropas. "Deutschland ist neben Bulgarien das einzige Land in Europa, wo noch Plakatwerbung für Zigaretten erlaubt ist", so von Eichborn. Das müsste seit Jahren verboten sein - wenn die deutsche Regierung die WHO-Rahmenkonvention zur Tabakkontrolle ernst nehmen würde. Laut Vertragstext verpflichteten sich alle Länder, innerhalb von fünf Jahren nach Inkrafttreten, also spätestens 2010, "ein umfassendes Verbot aller Formen von Tabakwerbung, Förderung des Tabakverkaufs und Tabaksponsoring" zu erlassen.

Würden Deutschland und die anderen 179 Unterzeichnerländer der WHO-Rahmenkonvention Ernst machen und der Zigarettenkonsum nähme rapide ab, wäre das global gesehen wie ein kalter Entzug: kurzfristig Nervosität und Unwohlsein, langfristig gesteigerte Lebensqualität. Das gilt sogar für Malawi, den tabakabhängigsten Staat der Welt, wo Zehntausende Tabakbauern in sklavenähnlichen Zuständen leben - auch wenn hier internationale Hilfe einen Übergang erleichtern würde. "In Malawi hat der Tabak in den vergangenen Jahren die Hälfte der Exporterlöse ausgemacht", sagt von Eichborn. "Wenn dort von einem Tag auf den anderen alle nur noch ökologischen Gemüselandbau betreiben würden, hätte der Staat keine Devisen mehr."

Die extreme Fokussierung des südostafrikanischen Landes auf den Tabak ist "ein Irrsinn", findet Agrarwissenschaftler Udo Kienle von der Universität Hohenheim. Einen vielversprechenden Ausweg für Malawi und andere Tabakländer sieht er in der Umstellung auf eine Cash Crop, die der Gesundheit sowohl der Menschen als auch des Planeten zuträglicher wäre: Süßkraut - Stevia rebaudiana.

Der aus der Pflanze gewonnene Süßstoff Stevia hat eine vielfach höhere Süßkraft als Zucker, ist dabei aber kalorienfrei und diabetikerverträglich. "Übergewicht und Diabetes nehmen weltweit zu", so Kienle. "Das sind tickende Zeitbomben." Stevia könnte helfen, sie zu entschärfen. Zudem sind für den Stevia-Anbau im Vergleich zum Tabak weit weniger Pestizide nötig. Gleiches gilt für die Düngemittel. Bei gleichem Blattertrag benötige Stevia weniger als ein Drittel des Düngers, erklärt Kienle: "Das ist schon ein deutlicher Unterschied." Feuertrocknung und Filterproblem entfallen bei Stevia ohnehin.

Stevia wäre also eine ziemlich attraktive Tabakalternative. Einen Fehler allerdings sollte Malawi tunlichst vermeiden: komplett von der einen Cash Crop auf die andere umzusatteln. "Ein Land, das auf ein einziges landwirtschaftliches Produkt fokussiert ist", sagt Kienle, "sitzt immer in der Falle."