bedeckt München 23°

Rauchen:"Diese Kippen sind eine Art Sondermüll"

Besonders rodungsintensiv ist der Virginia-Tabak, aus dem Zigaretten großteils bestehen. Während manche Tabaksorten sonnen- oder luftgetrocknet werden, benötigt Virginia-Tabak eine Trocknung im Heißluftverfahren. Dafür könnte theoretisch ein kohle-, strom- oder solarbetriebener Ofen sorgen - auf der Webseite von British American Tobacco (Lucky Strike, HB, Pall Mall etc.) ist denn auch betont neutral von einer "externen Wärmequelle" die Rede. Tatsächlich greifen die Bauern in Afrika, Asien und Südamerika mangels Alternativen oft zum Naheliegendsten und Günstigsten: Bäumen. Um ein Kilogramm Virginia-Tabak zu trocknen, werden bis zu neun Kilogramm Holz verheizt. Auf diese Weise emittiert jede Zigarette ihre größte Rauchwolke schon vor dem Anzünden.

Nach dem Anzünden, mit dem Erlöschen der Glut, wird aus dem Klimaproblem Zigarette ein Müllproblem. Auch das hat globale Ausmaße. Die meisten Zigarettenkippen, weltweit schätzungsweise drei Viertel, werden achtlos in die Landschaft, auf den Gehsteig, aus dem Fenster geschnippt. Ein Filter für sich genommen wiegt fast nichts. Alle Filter zusammen ergeben einen mehr als 750 000 Tonnen schweren Plastikberg. "Filter zersetzen sich extrem langsam. Und beim Rauchen sammeln sich darin sehr viele Schadstoffe an, die dann ins Wasser und den Boden abgegeben werden", so Katrin Schaller vom DKFZ. "Diese Kippen sind quasi eine Art Sondermüll."

Die Folgekosten werden auf die Umwelt abgewälzt

Die Filter bestehen zum größten Teil aus Celluloseacetat-Fasern, die sich durch foto- und biochemische Prozesse in der Natur nur sehr langsam abbauen. Und sie sind angereichert mit all den Stoffen, die eine Zigarette zu bieten hat: Arsen, Blei, Cadmium beispielsweise. Aromatische Kohlenwasserstoffe. Pestizidrückstände. Nikotin natürlich und Teer. Fische, Vögel und Meeressäuger verwechseln Filter mit Futter und vergiften sich daran. Auch Tiere, die den Filter nicht verschlucken, können an ihm zugrunde gehen. In einem Experiment mit Wasserflöhen wurden diese Wasser ausgesetzt, das mit zwei benutzten Zigarettenfiltern pro Liter kontaminiert war. Keiner der Flöhe überlebte dies länger als zwei Tage.

Weltweit machen Zigarettenkippen bis zu 50 Prozent der achtlos weggeworfenen Gegenstände aus. Seit Jahrzehnten sind sie die häufigsten an Stränden gefundenen Müllobjekte. Dadurch, dass die Filter nur im Zeitlupentempo verrotten, wächst der Kippenberg kontinuierlich. Um zumindest die Parks und Strände vor der eigenen Haustür säubern zu können, hat die Stadt San Francisco eine Zigarettenkippensteuer von 20 US-Cent auf jede verkaufte Packung eingeführt. Auf diese Weise kann man Menschen dafür bezahlen, dass sie den Müll anderer Menschen an jenen Orten wegräumen, die Menschen gerne aufsuchen. Auf diese Weise schafft man das Problem allerdings nicht aus der Welt.

Wie dann? Eine Alternative wären biologisch abbaubare Zigarettenfilter. Doch davon hält Elizabeth Smith, Professorin für Sozial- und Verhaltensforschung an der Universität von Kalifornien in San Francisco, nicht viel: "Diese Idee führt uns auf eine völlig falsche Fährte. Untersuchungen zeigen, dass biologisch abbaubare Filter das Problem sogar noch verschärfen könnten." Solche "Bio-Filter" würden noch mehr Raucher dazu animieren, ihre Kippen in die Landschaft zu schnippen. Allerdings dürfte es selbst unter idealen Bedingungen Monate dauern, ehe diese zumindest nicht mehr mit bloßem Auge zu sehen sind. Und das Problem der im Filter steckenden Giftstoffe wäre keineswegs aus der Welt - nur schneller unsichtbar. Smith, die seit vielen Jahren über den gesellschaftlichen Einfluss der Tabakindustrie und die politischen Möglichkeiten der Tabakregulierung forscht, sieht nur einen gangbaren Weg: "Höchstwahrscheinlich kann allein das Verbot von Einwegfiltern Abhilfe schaffen."

Die Abschaffung von Einwegfiltern ist auch eine der zentralen Empfehlungen des WHO-Berichts, der im Vorfeld der Delhi-Konferenz veröffentlicht wurde. Eine weitere ist, die Industrie entschiedener für die Umweltfolgen von Tabakproduktion und -konsum haftbar zu machen. Die Internalisierung externer Effekte ist eine naheliegende Forderung - doch aus Sicht der Tabakindustrie eine existenziell bedrohliche. Schließlich funktioniert ihr Geschäftsmodell nur deshalb, weil der Großteil der Folgekosten für die Umwelt sowie für die Gesundheit der Raucher und Passivraucher auf die Gesellschaft abgewälzt wird.

Die sechs dominierenden Unternehmen, die mehr als 80 Prozent des globalen Zigarettenmarktes auf sich vereinen - Philip Morris International, Altria, British American Tobacco, Japan Tobacco International, die Imperial Tobacco Group sowie der chinesische Staatskonzern China National Tobacco Corporation - erwirtschaften zusammen pro Jahr einen Gewinn von etwa 44 Milliarden US-Dollar. Die volkswirtschaftlichen Kosten des Rauchens und des Tabakanbaus dürften beim Zwanzig- bis Dreißigfachen dieser Summe liegen. Das DKFZ beziffert allein die Gesundheitskosten in Deutschland auf rund 80 Milliarden Euro. Würde man diese Kosten einpreisen, läge der Verkaufspreis für eine Schachtel Zigaretten bei 11,30 Euro.