Süddeutsche Zeitung

Kampf um Artenvielfalt:Grüne Krieger

Weltweit kämpfen Ranger in Schutzgebieten für das Überleben von Nashörnern, Elefanten, Gorillas. Doch im Kampf gegen Wilderer begeben sie sich häufig selbst in Lebensgefahr. Denn der Gegner ist mit Macheten und sogar Schnellfeuergewehren bewaffnet. Ein Besuch beim World Ranger Congress in Tansania.

Auf frischer Tat ist der Wilderer ertappt. In die Enge getrieben. Er schwitzt. Vollgepumpt mit Adrenalin. Kein Leugnen und keine Flucht sind ihm mehr möglich. Nur eins: Angriff. Mit einem Parang, einem halbmeterlangen, pfundschweren Haumesser stürmt er auf den Ranger zu. Der hat nichts zur Abwehr, nur sich selbst.

Das ist kein Spiel. Es geht ums Töten oder Getötetwerden. So ein Parang zerteilt mühelos dicke Äste, trennt genauso leicht Arme vom Rumpf, spaltet Köpfe. Es geht um Bruchteile von Sekunden.

Einen Versuch hat der Ranger, dem Angriff zu begegnen. Einen einzigen. Er weicht aus, der wuchtige Hieb geht ins Leere, er tritt den Wilderer in die Kniekehle, der stürzt zu Boden, der Angriff ist überstanden.

Keith Roberts lacht und hilft seinem Partner auf, der eben noch den Part des Wilderers übernommen hat. Er gibt ihm den harmlosen Knüppel zurück, der die tödliche Waffe darstellt - alles nur Show. Dann wird der Ranger aus Tansania wieder ernst: "Vergesst den ganzen Kampfsport-Quatsch. Wenn euch jemand angreift, müsst ihr dem Hieb ausweichen oder Fersengeld geben. Sonst seid ihr tot oder habt wenigstens den Arm verloren." Die Umstehenden nicken. Sie sind alle Ranger, manche haben bereits Freunde und Kollegen im Busch verloren.

Schauplatz der kleinen Unterrichtsstunde ist der 7. World Ranger Congress. 264 Delegierte aus 40 Ländern haben sich in Arusha, einer Stadt in Tansania in Sichtweite des Kilimandscharo getroffen, um über aktuelle Entwicklungen im Naturschutz zu sprechen, über die Situation in ihren Parks und Ländern, und um voneinander zu lernen. Es ist eine Mischung aus Familientreffen, Infobörse und Zukunftswerkstatt.

Selbstverständlich gibt es Vorträge zu hören und Filme zu sehen. Es gibt Arbeitsgruppen und Hintergrundgespräche, etwa darüber, wie Ranger gegenüber der Öffentlichkeit und Politikern auftreten. Aber es gibt eben auch jeden Morgen eine Lotterie, bei der Bücher, Bierkühler oder Kalender zu gewinnen sind, ein Fußballturnier und Exkursionen - schließlich kann man Menschen, die sonst jeden Tag draußen sind, nicht die ganze Woche in ein Hotel sperren.

Einige Formalitäten gehören bei einem Ranger-Kongress natürlich trotzdem dazu: Etwa der feierliche Fahnenappell am ersten Tag. Hier zeigt sich auch schon, wie bunt die Truppe ist; da weht Sierra Leone neben Malaysia und den Vereinigten Staaten, Finnland neben Kongo und Jordanien. Noch bunter sind die Uniformen und die Aufnäher an den Ärmeln. Gestickte Paradiesvögel und Berge, Bäume und Blumen. Hüte, Kappen, Barette in Grün und Beige. Manche tragen Uniformen mit Bügelfalte, andere Tarnanzüge im Mix von Braun und Grün.

Doch dann, als es in den Tagungssaal geht, haben viele bereits ihre Uniformen abgelegt und gegen Shorts und T-Shirts eingetauscht. Nur ein paar afrikanische Ranger tragen weiterhin Kleidung, die ihnen ein militärisches Aussehen verleiht.

Die Stunden sind angefüllt mit Powerpoint-Präsentationen und Diskussionen. Und auch in den Pausen kreisen die Gespräche immer wieder um das zentrale Thema der Konferenz: Wilderei in Afrika. 2012 war das blutigste Jahr seit mehr als zwei Jahrzehnten. 10. 000 Elefanten und über 600 Nashörner wurden getötet. "Und das sind nur die Arten, die Aufsehen erregen", sagt Keith Roberts, der die Wildlife Division in Tansania berät und unter anderem Rangern Selbstverteidigung beibringt. In sachlichem Ton erzählt er von wöchentlichen Scharmützeln, verrottenden Kadavern in Schlingen und was er seiner kleinen Tochter antwortet, wenn sie fragt, wie die Einschusslöcher ins Auto gekommen sind: "Ich beschütze Tiere vor Menschen, und die schießen auf uns."

Wie im Krieg

Eine Kaffeepause weiter bestätigt ein Ranger aus Uganda den Kriegszustand in weiten Teilen Afrikas. Er reicht sein Handy herum, auf dessen Display die letzte Aufnahme einer Kollegin zu sehen ist. Die Frau war von einem Wilderer angegriffen worden, das Foto zeigt sie mit gespaltenem Schädel - tot. Es vergeht kein Monat, in dem nicht ein Ranger getötet wird. Die Wilderer sind häufig gut ausgerüstet, nutzen Schnellfeuergewehre, sind gut vernetzt und wissen, dass sie kaum etwas zu befürchten haben. Wenige werden erwischt und noch weniger bestraft.

Einer der Wildhüter sagt, dass man als Ranger manchmal frustriert ob seiner Machtlosigkeit ist. "Wenn der Wilderer dann von uns eine Abreibung kriegt, bevor man ihn der Polizei übergibt, denkt er wenigstens eine Weile daran." Ein anderer findet, dass nur eins helfe, wenn jemand unbefugt in den Schutzgebieten herumläuft: erschießen.

Solche Verbitterung und derart drastische Kommentare kann nur verstehen, wer selbst tagein, tagaus vor der scheinbar unlösbaren Aufgabe steht, die Natur eines afrikanischen Nationalparks zu schützen. Und wer selbst einen Kollegen, einen Vater, eine Mutter, einen Sohn oder eine Tochter im Busch verloren hat. Um zumindest die finanziellen Folgen solcher Unglücke aufzufangen, unterstützen sich die Ranger gegenseitig, sei es über die nationalen Ranger-Organisationen, die International Ranger Foundation oder in Eigeninitiative.

Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe ist unter Rangern das A und O: Da werden in den wohlhabenden Ländern etwa Schuhe und Ausrüstungen gesammelt und in die ärmeren Länder verschenkt. Oder ein Amerikaner zahlt die Anreise eines Afrikaners zu Kongressen oder Fortbildungen. Hilfe kann aber auch bedeuten, Kollegen bei der Organisation ihrer Arbeit zu beraten: "Wir glauben nicht, dass unsere Nationalparkverwaltung die Weisheit mit Löffeln gefressen hat und immer weiß, was richtig ist", erzählt der Amerikaner Bruce McKeenan, der mit zwei anderen ebenfalls pensionierten Rangern jordanische Kollegen beraten hat. "Aber zumindest verfügen wir drei zusammen über mehr als hundert Jahre Erfahrung und können einige Tipps weitergeben."

Jimmy Conolly, Ranger aus Schottland, verfolgt einen ganz originellen, landsmännischen Weg, um Spenden für Kollegen zu sammeln: Gegen einen kleinen Obolus kann sich jeder der Teilnehmer seinen Kilt ausleihen und damit fotografieren lassen. "Der Sache hilft's", sagt Jimmy, "und Spaß macht es auch." Schon ist er wieder weg, um weitere potenzielle Aushilfsschotten einfangen.

Im Konferenzsaal geht es derweil wieder um Ursachen und Wege aus der Wilderei-Krise in Afrika. Und bei allen Beispielen und Forschungsergebnissen zeigt sich, dass es keine einfachen Lösungen gibt. So berichtet die Sozialwissenschaftlerin Asanterabi Lowassa, die Menschen in Dörfern zur Wilderei befragt hat, dass gerade die Frauen bei der Wilderei eine bislang wenig beachtete, aber wichtige Rolle spielen.

Zwar sei die Jagd selbst in der Regel Männersache, indes seien es oft die Frauen, die ihre Männer, die sonst lieber nicht in den Busch gingen, zur Wilderei trieben. "Was bist du für ein Mann? Schau, die anderen gehen wildern, warum du nicht? Wenn du kein Fleisch bringst, koche ich nicht ...", zitiert die Soziologin aus ihrer Studie. Das heißt, es ist nicht damit getan, die Wilderer zu stellen. "Man muss die ganze Gemeinschaft einbeziehen", sagt Lowassa. Zustimmendes Nicken im Plenum.

Auch der Vortrag von David Western vom Kenya Wildlife Service stößt auf breite Zustimmung. Er beschreibt die Probleme, die dadurch entstehen, dass einzelne Populationen von Elefanten im Grenzgebiet zwischen Kenia und Tansania isoliert leben. Denn zum einen verarmt der Genpool, wenn die Bestände sich nicht austauschen können, und zum anderen zertrampeln die Tiere die Felder der Bauern, wenn sie ihre alten Wanderrouten benutzen.

Auch hier müssen die Bewohner eines solchen Gebietes mit in den Wildtierschutz einbezogen werden, indem man miteinander redet und dann Korridore für die Tiere zwischen ihren Lebensräumen offen hält. "Die Menschen haben Ängste und Sorgen. Die müssen wir ihnen nehmen. Außerdem kann uns niemand besser beim Schutz der Tiere helfen als sie, weil sie die Gegend kennen." Kommunikation ist eben das wichtigste Werkzeug beim Naturschutz.

Und wo sonst als auf einem internationalen Kongress können sich Ranger aus Südkorea mit Rangern aus Neuseeland oder Frankreich austauschen? Abends beim Essen, an der Bar, am Pool oder beim Spaziergang durch die Kaffeeplantagen, die um die Lodge liegen. Spätestens nach dem dritten Bier packen die Ranger dann auch ihre Anekdoten aus: Jeff Ohlfs vom US Wildlife Service California erzählt, dass sie kürzlich verklagt wurden: "Auf einem unserer Campingplätze rasselte eine Klapperschlange in einem Busch. Ein Fünfjähriger wurde von seinen Eltern hingeschickt, er sollte sie fotografieren. Nun, er wurde gebissen, hat aber überlebt. Uns wurde dann vorgeworfen, dass wir kein Schild aufgestellt haben, das davor warnt, sich einer rasselnden Klapperschlange zu nähern."

Jeder hier kennt Geschichten von Gästen, die sich verlaufen oder ungeschickt anstellen und damit in Gefahr bringen. Zum Glück geht es meistens gut aus. Und diese oft kuriosen Geschichten schweißen die Ranger genauso zusammen wie das Privileg, dass jeder von ihnen in einer außergewöhnlichen und schützenswerten Natur arbeit.

Tiere schützen, Touristen aufklären

Zu den Aufgaben der Ranger gehört neben dem Schutz: erklären, aufklären und Besucher betreuen. Über den Tourismus hat der Naturschutz eine große wirtschaftliche Bedeutung. Tansania etwa lebt sehr gut mit und von seinen Naturschätzen: "40 Prozent unserer Landesfläche sind geschützte Natur", sagt Professor David Solora vom tansanischen Ministerium für Tourismus und Naturschutz in seiner Präsentation. "Wir sind stolz darauf."

Im vergangenen Jahr hat das Land durch 880. 000 Touristen fünf Milliarden Dollar mit seiner Natur verdient. Und diese Einnahmen werden in Tansania nicht zuletzt benutzt, um die Ranger zu bezahlen. Kein Wunder, dass jede Gefahr für die Natur als Gefahr für die Wirtschaft des Landes gesehen wird.

Gegen Ende der Konferenz können sich die Ranger selbst davon überzeugen, wie wertvoll die Naturschätze Tansanias sind, denn nach Tagen im Kongresssaal geht es endlich auf Exkursion. Diese Ecke Tansanias ist schließlich eine der schönsten in ganz Afrika. Und man spürt die Begeisterung der Männer und Frauen, als die Geländewagen zum Ngorongoro-Krater rollen - für viele von ihnen ist es das erste Mal, dass sie Afrika erleben.

Zehntausende Gnus, Zebras, Elefanten, Löwen leben hier in der Kulisse einer einmaligen Landschaft. Die Augen stehen nicht still, genauso wenig wie die Auslöser der Kameras. "Schaut dort!", sagt Jimmy und weist zu der Gruppe Zebras, in deren Mitte sich ein Fohlen an seine Mutter schmiegt. "Wunderbar", ist das Einzige, was dem Schotten einfällt. Nach ein paar Augenblicken setzt er hinzu: "Ist der Erhalt von so etwas nicht jedes Risiko wert?"

Obwohl Afrika im Zentrum steht, bleibt bei dem internationalen Kongress die Situation in anderen Erdteilen natürlich nicht ausgespart. Die Rangerin Meg Wessner aus Arizona erzählt von der Kunst, ein Schutzgebiet in Sichtweite der Grenze zu Mexiko zu betreuen. "Der Grenzschutz zerstört die Wüste und hindert die Tiere mit unüberwindlichen Barrieren am Wandern. 2000 Menschen überqueren die Grenze jeden Tag illegal - da bleibt eine Menge Müll zurück."

Solche Probleme gibt es zuhauf: Jeder einzelne Ranger muss erfindungsreich sein, um die Interessen der Natur zu wahren. Auch für den Austausch kreativer Ideen ist der Kongress ein Marktplatz: Klar, GPS und Nachtsichtgeräte sind heutzutage Standardausstattung der Ranger, aber es gibt auch neue Mittel im Kampf für die Wildtiere: Ultraleichtflugzeuge etwa und Datenbanken, die per Handy abgerufen werden können.

Technische Ausstattung ist das eine. Fast noch wichtiger ist aber der Rückhalt in der Bevölkerung. Ranger brauchen eine Lobby. Genau das hat sich Sean Wilmore, der gerade neu gewählte Präsident der International Ranger Foundation auf die Fahne geschrieben. Und Sean ist genau der richtige Mann dafür. Er ist Australier, organisiert Rockkonzerte, um Spenden zu sammeln, und bringt Abenteuerromane für Jugendliche heraus: "Ranger in Danger". Immer geht es in diesen Geschichten darum, einen Naturkonflikt zu zeigen, der von einem beherzten Ranger gelöst wird. Und wie sein Romanheld ist Sean überall ganz vorne mit dabei. Scherzt, hört zu und sucht immer neue Wege, um der Sache zu dienen. Er ist so etwas wie die Zuversicht in Person. "Es ist Zeit, etwas zu tun", sagt er und wirbelt schon wieder weg, um Dinge anzuschieben. So wie die meisten seiner Kollegen erledigt er nicht einfach einen Job - er ist Ranger mit Leib und Seele.

Gerade in Afrika gibt es Männer und natürlich Frauen, die für diesen Job jeden Tag ihr Leben riskieren. So auch Jean Pierre Mirindi, ein Ranger aus dem Kongo, der dabei noch dazu sehr diplomatisch vorgehen muss. "Wir haben in unserem Park auch mit Rebellen zu tun", erzählt er. "Wir stehen zwischen den Fronten eines Bürgerkriegs, der sich um Macht, Einfluss, Erdöl und Gold dreht. Und im Hintergrund ziehen mächtige Männer die Fäden, die wir nicht nennen wollen. Das ist jedoch nicht unsere Aufgabe." Dennoch: Er muss mit den Rebellen zurechtkommen und überleben. "Wenn sie vor unserem Hauptquartier auftauchen, können wir nicht in Kinshasa anrufen und um Hilfe bitten. Also versuchen wir, mit ihnen zu reden."

Der kleine, kräftige Mann zeigt auf sein großes, gelbes Abzeichen. "Die Rebellen wissen, dass die, die so ein Abzeichen tragen, keine Feinde, sondern Ranger sind." Jean Pierre wiederum weiß, dass das natürlich kein hundertprozentiger Schutz ist. "Aber es ist besser als nichts." Wie reagiert er, wenn er Rebellen erwischt, die gerade einen Elefanten getötet haben? Sein Gesicht bekommt einen harten Ausdruck. "Dann behandeln wir sie wie jeden anderen Wilderer. Und das heißt: Wenn sie nicht gleich aufgeben, schießen wir, bevor wir beschossen werden." Dann lächelt Jean Pierre Mirindi: "Jeder Wilderer sollte wissen, dass wir Ranger zusammenhalten. Das gilt für uns weltweit und das ist unsere Stärke. Einer für alle, alle für einen."

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Quelle:
natur - Ausgabe 3/13/mcs
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