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Kampf um Artenvielfalt:Wie im Krieg

Eine Kaffeepause weiter bestätigt ein Ranger aus Uganda den Kriegszustand in weiten Teilen Afrikas. Er reicht sein Handy herum, auf dessen Display die letzte Aufnahme einer Kollegin zu sehen ist. Die Frau war von einem Wilderer angegriffen worden, das Foto zeigt sie mit gespaltenem Schädel - tot. Es vergeht kein Monat, in dem nicht ein Ranger getötet wird. Die Wilderer sind häufig gut ausgerüstet, nutzen Schnellfeuergewehre, sind gut vernetzt und wissen, dass sie kaum etwas zu befürchten haben. Wenige werden erwischt und noch weniger bestraft.

Ranger überwachen auf zahmen Elefanten die Population von Nashörnern auf der Imire Safari Ranch in Harare, Simbabwe.

(Foto: AFP)

Einer der Wildhüter sagt, dass man als Ranger manchmal frustriert ob seiner Machtlosigkeit ist. "Wenn der Wilderer dann von uns eine Abreibung kriegt, bevor man ihn der Polizei übergibt, denkt er wenigstens eine Weile daran." Ein anderer findet, dass nur eins helfe, wenn jemand unbefugt in den Schutzgebieten herumläuft: erschießen.

Solche Verbitterung und derart drastische Kommentare kann nur verstehen, wer selbst tagein, tagaus vor der scheinbar unlösbaren Aufgabe steht, die Natur eines afrikanischen Nationalparks zu schützen. Und wer selbst einen Kollegen, einen Vater, eine Mutter, einen Sohn oder eine Tochter im Busch verloren hat. Um zumindest die finanziellen Folgen solcher Unglücke aufzufangen, unterstützen sich die Ranger gegenseitig, sei es über die nationalen Ranger-Organisationen, die International Ranger Foundation oder in Eigeninitiative.

Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe ist unter Rangern das A und O: Da werden in den wohlhabenden Ländern etwa Schuhe und Ausrüstungen gesammelt und in die ärmeren Länder verschenkt. Oder ein Amerikaner zahlt die Anreise eines Afrikaners zu Kongressen oder Fortbildungen. Hilfe kann aber auch bedeuten, Kollegen bei der Organisation ihrer Arbeit zu beraten: "Wir glauben nicht, dass unsere Nationalparkverwaltung die Weisheit mit Löffeln gefressen hat und immer weiß, was richtig ist", erzählt der Amerikaner Bruce McKeenan, der mit zwei anderen ebenfalls pensionierten Rangern jordanische Kollegen beraten hat. "Aber zumindest verfügen wir drei zusammen über mehr als hundert Jahre Erfahrung und können einige Tipps weitergeben."

Jimmy Conolly, Ranger aus Schottland, verfolgt einen ganz originellen, landsmännischen Weg, um Spenden für Kollegen zu sammeln: Gegen einen kleinen Obolus kann sich jeder der Teilnehmer seinen Kilt ausleihen und damit fotografieren lassen. "Der Sache hilft's", sagt Jimmy, "und Spaß macht es auch." Schon ist er wieder weg, um weitere potenzielle Aushilfsschotten einfangen.

Berggorilla im Virunga National Park

Ein Gorilla beobachtet Ranger im Virunga National Park in der Demokratischen Republik Kongo.

(Foto: AFP)

Im Konferenzsaal geht es derweil wieder um Ursachen und Wege aus der Wilderei-Krise in Afrika. Und bei allen Beispielen und Forschungsergebnissen zeigt sich, dass es keine einfachen Lösungen gibt. So berichtet die Sozialwissenschaftlerin Asanterabi Lowassa, die Menschen in Dörfern zur Wilderei befragt hat, dass gerade die Frauen bei der Wilderei eine bislang wenig beachtete, aber wichtige Rolle spielen.

Zwar sei die Jagd selbst in der Regel Männersache, indes seien es oft die Frauen, die ihre Männer, die sonst lieber nicht in den Busch gingen, zur Wilderei trieben. "Was bist du für ein Mann? Schau, die anderen gehen wildern, warum du nicht? Wenn du kein Fleisch bringst, koche ich nicht ...", zitiert die Soziologin aus ihrer Studie. Das heißt, es ist nicht damit getan, die Wilderer zu stellen. "Man muss die ganze Gemeinschaft einbeziehen", sagt Lowassa. Zustimmendes Nicken im Plenum.

Auch der Vortrag von David Western vom Kenya Wildlife Service stößt auf breite Zustimmung. Er beschreibt die Probleme, die dadurch entstehen, dass einzelne Populationen von Elefanten im Grenzgebiet zwischen Kenia und Tansania isoliert leben. Denn zum einen verarmt der Genpool, wenn die Bestände sich nicht austauschen können, und zum anderen zertrampeln die Tiere die Felder der Bauern, wenn sie ihre alten Wanderrouten benutzen.

Auch hier müssen die Bewohner eines solchen Gebietes mit in den Wildtierschutz einbezogen werden, indem man miteinander redet und dann Korridore für die Tiere zwischen ihren Lebensräumen offen hält. "Die Menschen haben Ängste und Sorgen. Die müssen wir ihnen nehmen. Außerdem kann uns niemand besser beim Schutz der Tiere helfen als sie, weil sie die Gegend kennen." Kommunikation ist eben das wichtigste Werkzeug beim Naturschutz.

Und wo sonst als auf einem internationalen Kongress können sich Ranger aus Südkorea mit Rangern aus Neuseeland oder Frankreich austauschen? Abends beim Essen, an der Bar, am Pool oder beim Spaziergang durch die Kaffeeplantagen, die um die Lodge liegen. Spätestens nach dem dritten Bier packen die Ranger dann auch ihre Anekdoten aus: Jeff Ohlfs vom US Wildlife Service California erzählt, dass sie kürzlich verklagt wurden: "Auf einem unserer Campingplätze rasselte eine Klapperschlange in einem Busch. Ein Fünfjähriger wurde von seinen Eltern hingeschickt, er sollte sie fotografieren. Nun, er wurde gebissen, hat aber überlebt. Uns wurde dann vorgeworfen, dass wir kein Schild aufgestellt haben, das davor warnt, sich einer rasselnden Klapperschlange zu nähern."

Jeder hier kennt Geschichten von Gästen, die sich verlaufen oder ungeschickt anstellen und damit in Gefahr bringen. Zum Glück geht es meistens gut aus. Und diese oft kuriosen Geschichten schweißen die Ranger genauso zusammen wie das Privileg, dass jeder von ihnen in einer außergewöhnlichen und schützenswerten Natur arbeit.