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Rätselhaftes Vogelsterben:Vom Himmel gefallen

Wenn es aus heiterem Himmel Hunderte tote Vögel regnet, wähnen manche den Tag des Jüngsten Gerichts nahe. Doch das Massensterben hat meist natürliche Ursachen - auch, wenn menschliche Einflüsse das Problem verstärken.

In Bebe, einem verschlafenen Städtchen im US-Bundesstaat Arkansas, fielen in der Neujahrsnacht 5000 Singvögel tot vom Himmel - Rotschulterstärlinge, Purpurgrackeln, Braunkopf-Kuhstärlinge und Stare.

VOGELSCHWARM

Stare sammeln sich für den Vogelzug. Was so elegant wirkt, ist für die Vögel Knochenarbeit. Beim Zug in die Wintergebiete geraten die Tiere an die Grenzen ihrer Belastbarkeit.

(Foto: dpa)

Kaum macht die Meldung in der nachrichtenarmen Zeit um die Jahreswende Schlagzeilen, wird ein ähnlicher, wenn auch kleinerer Fall aus Louisiana gemeldet. Opfer sind einige hundert Vögel derselben Arten. Kurz darauf rätseln im schwedischen Falköping die Behörden über den Tod von 100 Dohlen. Und dann ist da noch der Schwarm Stare, der vor einigen Tagen in der rumänischen Schwarzmeer-Stadt Constanta den Tod fand.

Das massenweise, scheinbar simultane Sterben von Singvögeln an weit voneinander entfernten Orten klingt erschreckend. Es weckt Urängste und trägt Elemente von Endzeitstimmung. Wenn es aus heiterem Himmel Hunderte tote Vögel regnet, kann der Tag des Jüngsten Gerichts nicht mehr weit sein, schreiben sogleich Freunde apokalyptischer Szenarien im Internet. Wenigstens muss aber der Klimawandel seine Finger im Spiel haben, vermuten aufgeklärtere Geister. Oder etwa nicht?

In der vogelkundlichen Forschung gelten Massentodereignisse als nicht außergewöhnlich. Sie sind selten, aber keineswegs so selten, wie vielfach angenommen wird. Nur spielen sie sich häufig weitgehend unbeobachtet ab - und sind, selbst wenn sie bekannt werden, meist keine überregionale Beachtung in den Medien wert.

Allein die US-Wildtierbehörde hat im vergangenen Jahr acht Fälle dokumentiert, bei denen mehr als 1000 Vögel starben. Ursachen waren Hunger, Krankheitserreger und Parasiten. In den vergangenen zehn Jahren waren es in den USA sogar 188 Fälle mit je mindestens 1000 toten Vögeln. Die Nachrichtenebbe um die Jahreswende hat also wohl die Berichterstattung gefördert.

Vögel leben gefährlich

Der Massentod einiger tausend Singvögel wirft gleichwohl ein Schlaglicht auf das gefährliche Leben von Vögeln, insbesondere während des Zugs und der Überwinterung. Gleich welche der diskutierten Ursachen letztlich der Grund für den Tod der Stärlinge von Arkansas oder Louisiana sein mögen - Blitzschlag, Hagelsturm, Seuchen, Vergiftung, Silvesterfeuerwerk - , möglich sind sie alle. Ornithologen kennen zahlreiche Beispiele aus aller Welt dafür.

Die meisten Todesfälle hängen mit den enormen Anstrengungen zusammen, die Vögel zu bewältigen haben, um zu überleben. Nur wenige Gramm schwere Singvögel fliegen oft nonstop über viele tausend Kilometer von den Brutrevieren in ihre Überwinterungsgebiete und zurück.

Viele sterben auf dem Weg. "Vögel müssen über unbekannte Gebiete ziehen, oft durch fremde Landschaften, die nicht zu den heimischen Jagdgründen passen. Das macht es schwer, Futter zu finden, natürliche Feinde zu erkennen und ihnen auszuweichen", sagt der britische Ornithologe Ian Newton, Autor des Standardwerks zur Ökologie von Zugvögeln.

Der britische Ornithologe Reginald Ernest Moreau schätzt in seinem posthum erschienenen Werk zum Vogelzug zwischen Eurasien und Afrika, dass nur etwa die Hälfte aller Zugvögel die Reise in das Winterquartier überlebt und in ihr Brutrevier zurückkehrt. Stimmt seine Vermutung auch nur annähernd, dass allein fünf Milliarden Vögel in jedem Herbst von Europa und Zentralasien in die Überwinterungsgebiete Afrikas ziehen, offenbart sich ein Massensterben gigantischen Ausmaßes - das zu einem Gutteil natürliche Ursachen hat.

Eine der größten Todesfallen sind die sogenannten ökologischen Barrieren wie das offene Meer. Sing-, Wat- und Greifvögel können nicht schwimmen. Während die großen und schweren Greifvögel, aber auch Störche und Pelikane, den Flug über das offene Meer vermeiden, fliegen Abermillionen Kleinvögel auf dem Herbst- und dem Frühjahrszug über das Wasser, um auf kürzestem Wege ans Ziel zu gelangen. "Sie begegnen dabei oft widrigem Wetter, Regen, Sturm, Nebel oder ungünstigen Winden", sagt Newton. "Das Gefieder saugt sich mit Wasser voll, der Vogel wird schwerer, das Fliegen anstrengender." Unterkühlung und Gegenwind rauben zusätzlich Energie. Dieser Stress kostet unzählige Vögel das Leben.

Nur manchmal werden diese Dramen sichtbar: So im April 1980 in Israel, einer der Drehscheiben des Vogelzugs zwischen Europa und Afrika, als plötzlich an Mittelmeerstränden in Meterabständen tote Vögel angeschwemmt wurden. Dem warmen Frühlingstag war ein für die Jahreszeit ungewöhnlich starker Temperatureinbruch mit Regen und starken Ostwinden vorangegangen - und das inmitten der Hauptsaison des Rückzugs vieler Vögel aus Afrika.

"Der Ostwind brachte die Zuggemeinschaft aus Abertausenden Vögeln vom Kurs ab, sie drifteten auf das offene Meer. Orientierungslos müssen sie entweder weitergezogen sein, bis sie buchstäblich vor Erschöpfung vom Himmel fielen und ertranken, oder sie erkannten den Fehler und schafften es nicht mehr, aus eigener Kraft umzudrehen", sagt Zev Labinger, Ökologe der israelischen Ornithologenvereinigung. Die an den Stränden aufgesammelten mehr als 1500 toten Bussarde, Steppenadler, Gänsegeier und Weißstörche waren nur ein Bruchteil eines Dramas, das ein Wettersturz ausgelöst hatte.

Dramatische Fälle auch in Deutschland

Newton hat weitere dramatische Fälle zusammengestellt, auch aus Deutschland. So starben im September 1931 bei einem Kälte- und Schneeeinbruch nach Aufzeichnungen von Vogelkundlern Millionen Rauchschwalben, bevor sie in die rettenden wärmeren Gefilde aufbrechen konnten. 1976 starben auf der Ostsee 60.000 Meeresenten, die auf einem Ölteppich gelandet waren - in der tödlichen Fehleinschätzung, auf einem ruhigen Meeresabschnitt pausieren zu können.

Der größte dokumentierte Massentod von Vögeln einer Art geschah 1904 in den US-Staaten Minnesota und Iowa, als 1,5 Millionen Spornammern - finkengroße Singvögel - in einem gewaltigen Schneesturm starben. Trotz dieser enormen Zahlen vermuten Biologen nicht, dass Massensterben allein katastrophale Auswirkungen hat: "Es sieht nicht danach aus, dass solche Ereignisse ganze Arten ausrotten können", sagt der emeritierte Zoologie-Professor von der Universität Tel Aviv, Yoram Yom-Tov. Mit Blick auf die häufigen Stärlingsarten aus den USA sieht Ornithologe Labinger gar "null Effekt auf die Bestände".

Obgleich Vogelmassensterben hauptsächlich natürliche Ursachen haben, sehen Experten dennoch Grund zur Sorge: Denn zum unvermeidbaren natürlichen Stress durch die Biologie der Vögel kommen menschengemachte Stressfaktoren. Wenn Feuchtgebiete trockengelegt werden, verschwinden natürliche Rastgebiete. Tourismus, Städtebau und Verkehr hindern Vögel häufig daran, ihre Energiereserven aufzutanken. Wo Menschen stören, nehmen sich die Vögel zudem weniger Zeit zum Fressen. Ungewöhnlich frühe oder späte Wintereinbrüche durch den Klimawandel berauben wie andere extreme Wetterereignisse die Vögel ihrer Nahrungsgrundlagen.

"Kommt in so einer Situation zusätzlicher Stress hinzu, beispielsweise durch das laute Knallen von Feuerwerk an Silvester, kann das der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt und die durch viele Faktoren bereits nachhaltig belasteten Vögel zu Stressreaktionen treibt, die tödlich sind", sagt Labinger.

Ganz ähnlich analysiert die US-Wildtierbehörde nach Autopsien an den toten Vögeln von Bebe in Arkansas: Die Tiere seien durch Aufprallverletzungen gestorben. Die Experten der Behörde kommen zu dem Schluss, dass womöglich Silvesterknaller die Vögel aufgescheucht und zu panischem Verhalten getrieben haben. Wahrscheinlich sind sie gegen Bäume oder Gebäude geprallt. Dass so viele Vögel gleichzeitig sterben, lässt sich damit erklären, dass die betroffenen Arten gemeinsam in großen Schlafplatzgemeinschaften von Hunderttausenden, manchmal Millionen Exemplaren rasten. Störungen bei Nacht sind für angestrengte Tiere gravierend.

Und die Stare, die im rumänischen Constanta vom Himmel gefallen sind, als die Silvesterböller längst verhallt waren? Obduktionen ergaben, dass sie vergorene Beeren von einem Komposthaufen eines Weinguts verzehrt hatten. Sie starben wohl an Alkoholvergiftung - ein tödlicher Cocktail aus natürlicher und menschgemachter Ursache.

© SZ vom 18.01.2011/blg
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