Qumran-Schriftrollen Von wegen biblisches Alter

  • Die Qumranschriften vom Toten Meer zählen zu den wichtigsten archäologischen Entdeckungen des 20. Jahrhunderts.
  • Ihr Inhalt gilt als unschätzbares Zeugnis des antiken Judentums und des Urchristentums.
  • Jetzt zeigen Forscher: Einige Textfragmente wurden gefälscht.
Von Sebastian Kirschner

Sie sind immer wieder Gegenstand von kirchlichen Verschwörungstheorien und ihre Echtheit steht nicht zum ersten Mal in Zweifel: die Schriftrollen vom Toten Meer, die vermutlich auf die Zeit Jesu zurückgehen. Nun haben sich fünf in Washington ausgestellte Fragmente tatsächlich als Fälschungen herausgestellt. Das ergaben Analysen der deutschen Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM).

Die Schriftrollen vom Toten Meer, auch bekannt als Qumranschriften, zählen zu den wichtigsten archäologischen Entdeckungen des 20. Jahrhunderts. Die Dokumente aus Pergament und Papyrus wurden vor 70 Jahren in elf Höhlen nahe dem namensgebenden Ort Khirbet Qumran im Westjordanland entdeckt. Forschern zufolge entstanden die Texte der heute 15 000 Fragmente von etwa 850 Rollen in der Zeit zwischen 250 vor und 40 nach Christus. Deren Inhalt gilt als unschätzbares Zeugnis des antiken Judentums und des Urchristentums.

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Unter den Qumran-Texten befinden sich einige der ältesten bekannten Bibelhandschriften, aber auch sogenannte Apokryphen, also Schriften, die später nicht in den offiziellen biblischen Kanon eingingen. Der Großteil der empfindlichen Schriftstücke befindet sich heute in Museen und Forschungseinrichtungen in Israel. Ihre Erforschung ist längst noch nicht abgeschlossen: Erst 2018 konnten Wissenschaftler mit neuen Bildgebungsverfahren Schrift auf Fragmenten entziffern, die bis dahin mit bloßem Auge nicht zu erkennen war.

Manche der Fragmente gelangten aber in den 1950er-Jahren über lokale Händler in die Hand von privaten Sammlern. Auf diesem Weg kamen auch die 16 Qumran-Fragmente nach Washington D.C., die das dort im November 2017 neu eröffnete Museum of the Bible ausstellte. Bereits vor Eröffnung des Museums hatten Forscher Zweifel an der Echtheit zumindest einiger Schriftstücke geäußert.

Kipp Davis von der Trinity-Western-Universität in Kanada etwa fand heraus, dass mindestens sieben Fragmente in der Sammlung des Museums wahrscheinlich moderne Fälschungen sind. "Meine Untersuchungen haben sich dabei vor allem auf zwei Aspekte der Fragmente in diesem Museum konzentriert: die Qualität und Technik der Schrift, die physikalische Zusammensetzung und der Zustand des Manuskripts, auf dem sie geschrieben sind."

Weitere Untersuchungen sollten diesen Verdacht überprüfen. Dazu schickte das Museum fünf Fragmente an die BAM in Berlin. Wissenschaftler hatten dort im Rahmen von Forschungen bereits zwischen 2006 und 2010 derartige Schriftstücke untersucht. Die Experten der BAM nahmen nun eine Reihe von Tests vor, um die Echtheit der Dokumente auf die Probe zu stellen. Unter anderem Röntgenfluoreszenz-Analysen, Röntgenspektroskopie sowie chemische Untersuchungen an den Schriftrollen-Resten und ihrer Tinte sollten Klarheit verschaffen.

Die deutschen Resultate erhärten die ursprünglichen Annahmen: Die Analysen der BAM ergaben, dass die untersuchten Stücke offenbar doch keine 2000 Jahre alt sind. Nach Angaben des Museums zeigen die Fragmente "Merkmale, die mit einem antiken Ursprung nicht vereinbar sind". Demzufolge liegen wohl tatsächlich moderne Fälschungen vor.

Angesichts der ernüchternden Ergebnisse hat das Museum die fünf Fragmente aus seiner Ausstellung entfernt. Stattdessen werden nun drei andere Stücke präsentiert, deren Analyse noch nicht abgeschlossen ist. Der Fall mache deutlich, wie wichtig Echtheitsprüfungen für seltene biblische Artefakte sind. Daher sollen weitere Untersuchungen auch die übrigen Fragmente der Sammlung prüfen.

Die Nachricht über die Fälschung könnte indes nicht nur das Museum treffen, sondern auch einen seiner maßgeblichen Geldgeber: Hinter der Einrichtung steht unter anderem der evangelikale US-Milliardär Steve Green, Eigentümer einer Einrichtungs- und Handarbeitskette. Der stand bereits 2017 in der Kritik, weil er am Antiquitäten-Schmuggel aus dem Irak beteiligt war. Das Gericht verurteilte ihn deshalb zu einer Strafe von drei Millionen Dollar.

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