Psychosomatik:Elementare Bedrohung

Sozialer und physischer Schmerz teilen sich gemeinsame Nervenbahnen und Signalwege", sagt Eisenberger. "Vermutlich werden Ablehnung und der Verlust von etwas Geliebtem als elementare Bedrohung wahrgenommen."

Während Eisenberger den Überlebensvorteil in der Gruppe, ohne die der Einzelne in Gefahr wäre, als evolutionäre Wurzel für die Nähe von psychischen wie physischem Leid anführt, betont Peter Henningsen die Bedeutung dieser Befunde für die Behandlung in Klinik wie Praxis. "Viele unserer Patienten reagieren auf belastende Lebensereignisse und soziale Ausgrenzung durch Jobverlust oder Trennung mit vermehrten körperlichen Schmerzen", sagt der Tagungspräsident und Chef der Psychosomatik an der Technischen Universität München. "Deshalb lindern Psychotherapien, die dazu beitragen, dass sich jemand sozial besser unterstützt fühlt, auch oft die Schmerzen."

Die Forschung von Vittorio Gallese von der Universität Parma könnte dazu beitragen, psychosoziale wie körperliche Beschwerden vieler Patienten zukünftig noch besser zu verstehen. Der Neurowissenschaftler hat vor 20 Jahren die Spiegelneuronen mitentdeckt, jene Nervenbahnen, denen entscheidende Bedeutung für Empathie und Imitation nachgesagt wird. Inzwischen untersucht Gallese, wie anders Menschen ihren Körper wahrnehmen, wenn ihnen andere Menschen nahekommen. "Der Herzschlag und selbst das Gefühl von der eigenen Hand verändern sich dann", sagt der Physiologe. "So wird aus der Erfahrung des Körpers eine Erfahrung des Leibs, der mit seiner Umwelt in Interaktion steht."

Gallese zeigte neurowissenschaftliche Belege für die enge Interaktion von Umwelt, Psyche und Körper und verband sie mit den Theorien Viktor von Weizsäckers, einem Hausheiligen der Psychosomatik. Weizsäcker hatte in seiner Lehre vom "Gestaltkreis" schon 1932 gefordert, dass die Lehre von den gesunden und krankhaften Funktionen des Menschen nicht allein naturgesetzlich aufzufassen, sondern immer auch als "Kette von Erfahrungen, eigentlich eine Erzählung von Erfahrenem" zu verstehen sei. Als einer der Begründer der psychosomatischen Medizin und Medizinischen Anthropologie erschloss er früh die soziale Dimension von Krankheit.

Für Peter Henningsen ergänzen sich die Befunde Eisenbergers und Galleses. Viele Patienten in der Psychosomatik hätten schließlich Schwierigkeiten, sich in andere einzufühlen. "Körpertherapien spielen bei uns eine wichtige Rolle", sagt der Arzt. "Die aktuellen Forschungsergebnisse machen verständlich, wie neue Erfahrungen des Körpers nicht nur Schmerzen lindern, sondern auch dazu führen können, dass Patienten mehr Mitgefühl haben."

© SZ vom 31.03.2012/beu
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB